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Interview

Gratwanderung zwischen Leben und Tod

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Nach dem Lawinenunglück in Kanada, das drei Extremkletterer getötet hat, macht sich auch Michael Wohlleben Gedanken. Im Stimme-Interview spricht der in Hohenlohe aufgewachsene Profi-Alpinist über waghalsige Kletteraktionen und damit verbundene Risiken.

Von Yvonne Tscherwitschke
Die Überschreitung des Wettersteingrats in nur 35 Stunden im vergangenen Sommer war extrem fordernd. Dabei ist ein Film entstanden. Fotos: privat
Die Überschreitung des Wettersteingrats in nur 35 Stunden im vergangenen Sommer war extrem fordernd. Dabei ist ein Film entstanden. Fotos: privat  Foto: privat

An Ostern geht in Kanada eine riesige Lawine ab. Genau dort, wo David Lama, Hansjörg Auer und der Amerikaner Jess Roskelley auf Expedition waren. Von den drei Extremkletterern gibt es kein Lebenszeichen. Tage später dann die traurige Gewissheit, dass alle in der Lawine den Tod fanden. Ein Unglück, das nicht nur die Kletterszene stark berührte, weil es zeigte, dass selbst großartiges Können nicht vor Unglück schützet.

Wie geht der in Hohenlohe aufgewachsene Profi-Alpinist Michael Wohlleben mit dem Wissen um, dass derart dramatische Unglücke jederzeit passieren können?

 

Michael, wo warst Du, als Du vom Tod von David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley erfahren hast?

Michael Wohlleben: Ich war gerade mit einem Kletterkollegen, der gut mit Hansjörg befreundet war, in dem Klettergebiet, in dem wir gerade für ein Projekt trainieren, oben in einer Tour. Da hat er hochgerufen, dass Futzi, also David, und Hansjörg gestorben sind. Darauf sagte ich nur: Jetzt kannst mich auch runterlassen.

 

Was ging Dir im Kopf herum, nachdem Du die Nachricht begriffen hast?

Wohlleben: Anfangs realisiert man das gar nicht so richtig. Mir gingen Erinnerungen an Ueli Steck durch den Kopf, der ein guter Freund von mir war, mit dem ich viel gemacht habe und der auch in den Bergen ums Leben gekommen ist. Dann denkt man: Scheiße. Sehr viel mehr geht einem da erst mal nicht durch den Kopf. Denn klar: Wir wissen schon, dass es gefährlich ist, was wir da machen. Aber es ist dann schon ein Unterschied, wenn tatsächlich etwas passiert. Dann hält einem die Realität krass den Spiegel vor.

 

Stellt man sich dann nicht die Frage, warum man das tut?

Wohlleben: Das ist schon ganz schön schwierig. Das ist ein Prozess. Im letzten halben Jahr sind fünf Freunde in der Wand gestorben. Klar, macht das nachdenklich, wenn wieder was passiert. Anfangs sagt man noch ganz rational: Ja, jeder weiß, dass er sich in die Gefahr begibt, weiß um die Gratwanderung zwischen Leben und Tod bei den Geschichten. Aber ein, zwei Tage später holt es Dich ein. Dann denkst Du: Die Berge sind doch unfair. Und man denkt: Ja, man könnte auch unter dem Schnee liegen.

 

Plant man nach solchen Ereignissen Touren anders?

Wohlleben: Es liegt nicht nur an einem selber oder an der Schwierigkeit der Tour, ob etwas klappt oder nicht. Es gibt Touren, die sind gefährlicher als andere. Doch letztlich weiß man nie, wie viel Glück man hat.

 

Aber fühlt es sich nicht hilflos an, sich auf Glück verlassen zu müssen?

Wohlleben: Man verlässt sich nicht auf Glück. Man tut den Schritt, weil man weiß: Wenn ich es schaffe, dann spüre ich mich, dann habe ich etwas erreicht.

 

Aber zu welchem Preis?

Wohlleben: Der spielt erst mal keine Rolle. Aber nicht, weil man denkt, ich werde Glück haben, sondern weil man weiß, ich gehöre zu den Besten, ich vertraue auf mein Können. Und klar weiß man, wenn man sich darauf einlässt, dass alles passieren kann.

 

Wie oft hast Du bei Deinen waghalsigen Expeditionen schon Glück gehabt?

Wohlleben: Das weiß man ja nie. Vermutlich habe ich schon viele Situationen überlebt, weil ich Glück hatte. Aber hätten wir nach einer geglückten Rückkehr die Drei gefragt, ob sie Glück gehabt haben, hätten sie gesagt, da war doch alles safe. Sonst wären sie es ja nicht gegangen, wenn sie anderer Ansicht gewesen wären.

 

Also weiß man nie, ob man Glück gehabt hat?

Wohlleben: Vermutlich habe ich schon viel Glück gehabt, es überhaupt geschafft zu haben, so alt zu werden, wie ich bin und dahin zu kommen, wo ich bin.

 

Woran liegt das?

Wohlleben: Vielleicht daran, dass ich auch öfter mal umgedreht bin.

 

Beim Drachenfliegen sagte unser Lehrer: Nicht zu starten ist oft mutiger, als zu starten. Siehst Du das ähnlich?

Wohlleben: Ja, es gehört schon was dazu, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen. Man ist in der Route, sagt, das passt alles. Und trotzdem hat man ein komisches Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Obwohl alles perfekt scheint. Dann umzudrehen, ist dem Kletterpartner oft schwer zu vermitteln. Und man überlegt: Stimmt das Bauchgefühl? Was ist Auslöser? Ich habe mir aber angewöhnt, mein Bauchgefühl nicht mehr anzuzweifeln, auch wenn dann keine Leistung dabei rauskommt, die man publizieren kann.

 

Wird durch die Medien der Druck größer, noch extremeres Zeug zu machen?

Wohlleben: Das spielt sicher mit rein. Aber das liegt nicht am Druck, den Sponsoren machen. Es ist vielmehr der Anspruch der aktuellen Generation, das Limit noch weiter zu verschieben. Und das ist schon hoch. Jeder will zeigen, dass er der Tollste, der Schnellste, der Beste ist.

 

Also geht es um den eigenen Anspruch?

Wohlleben: Ja, schon.

 

Was waren Deine spektakulärsten Geschichten?

Wohlleben: Da gehört sicher die Überschreitung letztes Jahr dazu, einer meiner größten Meilensteine, das war schon ein großes Projekt, das ich jetzt erst zum Film veröffentlicht habe. Und natürlich auch die Triologie an den Drei Zinnen mit Ueli Steck. Das war schon fordernd.

 

Wie vermittelst Du neue Projekte Deiner Partnerin, Deinen Eltern?

Wohlleben: Die haben sich mittlerweile daran gewöhnt. Sie haben großes Vertrauen und die Hoffnung, dass nichts passiert. Früher hat man immer gesagt, beim Bergsteigen passiert so viel oder so wenig wie beim Autofahren. Aber das hat sich schon verändert.

 

Inwiefern?

Wohlleben: Jetzt geht man das Risiko bewusst ein. Dass man dabei sterben kann, das ist der worst case, der Preis dafür, so krasse Sachen zu machen. Das weiß ich. Meine Familie zum Glück nicht.

 

Aber Du hast ein Kind. Was sagst Du, wenn das auch so große Risiken eingehen will?

Wohlleben: Ja, das ist schwierig. Schon jetzt, wenn er morgens zum Kindergarten geht, muss ich loslassen lernen. Es gibt nicht so viele Menschen auf der Welt, die diese Gabe haben. Wenn das so ist, werde ich ihn dabei unterstützen.

 

Du siehst es als Gabe? Weniger als Trainingserfolg?

Wohlleben: Ich will das machen, weil ich das Gefühl habe, dafür gemacht zu sein.

 

Wann empfindest Du das größte Glück? Wann denkst Du, all die Schinderei und Quälerei hat sich gelohnt?

Wohlleben: Die Frage ist, ob es sich überhaupt lohnt? Ich spüre mich eigentlich nur in dem Moment, wenn ich das Projekt mache. Bei der letzten Sache, da war ich 40 Stunden am Stück im Flow. Ich spüre mich da aber nicht im positiven Sinne. Ich spüre, dass ich funktioniere. Vorher ist das wie im Film, wenn ich trainiere. Kurz bevor es losgeht, da muss ich mich völlig abkoppeln von allen Emotionen. Wenn ich es dann tue, dann ist schon die Frage, wann ich das Glück empfinde, dass es klappt. Auf dem Gipfel? An der schwierigen Stelle? In welchem Moment? Eigentlich im Tun. Denn hinterher, da ist man völlig erschöpft.

 

Machst Du Dir dann nicht manches Mal Vorwürfe, welches Risiko Du eingegangen bist?

Wohlleben: Wenn man etwas gut kann, ist es auch gut so. Wenn ich im Projekt bin, dann bin ich voll motiviert, will es unbedingt tun.

 

Und was ist das aktuelle Projekt?

Wohlleben: Gerade bin ich nur am Sportklettern, weil ich eine Route im elften Grad klettern will. Das habe ich noch nie gemacht. Bisher war es elf minus. An genau dieser Route waren wir, als wir von David Lamas Unglück hörten. Jetzt sind wir kurz davor, es zu schaffen. Auch die Triologie mit den Drei Zinnen mit Ueli Steck war sehr fordernd.

 


Zur Person

Am 5. Oktober 1990 kam Michael Wohlleben in Augsburg zur Welt, aufgewachsen in Künzelsau. Kurz vor dem Abitur wurde er Profi-Alpinist. Er war von 2007 bis 2009 im Exped-Kader und wurde parallel Bergführer. Seit drei Jahren lebt er mit Kind (5) und Partnerin in der Schweiz. Gesponsert wird er von Adidas Terrex. Sein jüngstes Projekt: der Wettersteingrat ohne Pause: 70 Kilometer und 7000 Höhenmeter in nur 35 Stunden. 

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