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Interview

Historiker Stefan Kraut: "Glaube nicht alles, was Du im Web findest"

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Der Künzelsauer Historiker Stefan Kraut spricht über seine Wurzeln in Uruguay und seine bewegte Familiengeschichte.

Geschichte zum Anfassen: Archivar und Museumsleiter Stefan Kraut an einem historischen Modell von Künzelsau.
Geschichte zum Anfassen: Archivar und Museumsleiter Stefan Kraut an einem historischen Modell von Künzelsau.  Foto: Veigel, Andreas

Stefan Kraut ist Stadtarchivar und Chef des Stadtmuseums von Künzelsau. Als Historiker richtet er häufig den Blick zurück. Im Gespräch erklärt er, was man dabei für Gegenwart und Zukunft lernen, wie Geschichte zur Identifikationsmöglichkeit werden kann und was er über seine eigene, spannende Familiengeschichte erfahren hat.

 

Ein Satz, den Gandhi gesagt haben soll, lautet: "Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt." Wie sehen Sie das?

Stefan Kraut: Da könnte ich mit Abraham Lincoln antworten: 'Glaube nicht alles, was Du im Web findest'. Nein, Spaß beiseite, selbstverständlich sollte man sich die Lehren, die aus der Geschichte zu ziehen sind, vergegenwärtigen. Meiner Ansicht nach kommt es auch auf eine quellenkritische, korrekte Interpretation der Vergangenheit an. Geschichtsforschung ist harte Arbeit. Googeln allein reicht nicht. Man lässt sich nicht einfach beeindrucken von einem Schriftstück, das etwa behauptet, jemand sei ein Spion. Das bedeutet höchstens, die Person, die das verfasst hat, war der Meinung, derjenige sei ein Spion oder möchte ihn als solchen diskreditieren. Die Realität kann ganz anders gewesen sein.

 

Warum lohnt sich der Blick zurück?

Kraut: Er kann Fragen klären. Ein Beispiel: Ein Freund von mir erzählte mir mal, seinen fast 80-jährigen Vater belaste etwas aus der Kindheit. Er sei als Kind weggegeben worden und wisse gar nichts über seine Familie. Also dachte ich, dem Mann kann geholfen werden. Denn ich hatte Zugriff auf alte Akten der Jugendhilfe. Die habe ich durchsucht, die Unterlagen auch gefunden und darin stand wirklich alles über den Vater, die Mutter und die Umstände. Der Mann ist in Tränen ausgebrochen, als er die Unterlagen las.

 


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Woher kommt Ihre Motivation, sich mit Geschichte zu beschäftigen?

Kraut: Ich bin in Uruguay geboren und aufgewachsen. Meine deutschen Eltern hatten eine recht gute Bibliothek. Ab dem Alter von sechs Jahren etwa konnte ich lesen, damals faszinierten mich Bücher über das alte Ägypten, die Römer, die Griechen, über die Menschheitsgeschichte generell. Es war hochinteressant für mich, mir Gedanken zu machen, wie viele Menschen schon existiert haben und welche Dinge sie bewältigen mussten.

 

Wie wurde dieses Interesse zum Beruf?

Kraut: Ich habe vor etwa 50 Jahren Uruguay verlassen und mich mit 13 Jahren in Künzelsau zurechtfinden müssen. Damit habe ich zunächst etwas gefremdelt, auch wenn ich bestimmte Privilegien hatte: Ich sprach ja die deutsche Sprache schon, wir waren in der Stadt, aus der mein Vater stammte und somit hatten wir verwandtschaftliche Beziehungen hierher. Dennoch hatte ich starkes Heimweh. Schließlich bekam ich zur Konfirmation die Künzelsauer Chronik des Augustin Faust geschenkt. In dem Buch kommen Vorfahren von mir vor. Schon als Schüler habe ich dann meine Kochertaler Vorfahren recherchiert - bis ins 16. Jahrhundert zurück. Während meines Studiums in Stuttgart habe ich meine Ahnenforschung nahezu vervollständigt. Mir ist die Geschichtsforschung als Identifikationsmöglichkeit wichtig. Manche identifizieren sich über sportliche Leistung, andere über ihre Kreativität. Für mich hat es sich angeboten, aufgrund meiner persönlichen Entwicklung, Geschichte als Identifikationsmöglichkeit anzunehmen.

 

Ist diese Identitätssuche darin begründet, dass Sie gezwungen waren, neue Wurzeln zu finden?

Kraut: Es sind ja keine neuen Wurzeln, die waren ja hier in Künzelsau schon vorhanden, und die habe ich freigelegt.

 

Und was haben Sie herausgefunden?

Kraut: Ich stamme aus einer ausgesprochen wandernden Familie. Die Krauts, eine Gerberfamilie, sind 1630 erstmals in Künzelsau nachgewiesen. Aber ich habe auch erfahren, dass mein Urgroßvater wohl bereits 1886 am Rio de la Plata in Argentinien gewesen ist. Er wollte eigentlich bleiben, ist dann aber laut Aussagen meiner Großtante von seiner Mutter per Brief gebeten worden, zurückzukommen, um im Gerbergeschäft des Vaters zu helfen. Und so brav wie wir Männer in dieser Familie sind, hat er das dann gemacht (lacht). Sein jüngerer Bruder wiederum ist nach Buenos Aires ausgewandert, wo er ein paar Jahre später unter elenden Umständen gestorben ist. Mein Großvater ist 1910 nach Casablanca in Marokko ausgewandert, hat sich ein großes Grundstück gekauft. Davon gibt es noch Postkarten, die er an zu Hause geschrieben hat, worauf zu lesen ist: "Das wunderschöne Land der Scherifen möchte ich nie mehr verlassen."

 

Aber vermutlich kam auch das anders?

Kraut: Ja, der erste Weltkrieg brach aus und Marokko war Einflussgebiet der Franzosen. Deshalb ist mein Großvater Hals über Kopf nach Spanien geflohen. Seine Papiere hat er liegenlassen, die sind heute im Nationalarchiv in Rabat zu finden. In Spanien kam er eine Zeit lang gut zurecht, er sprach auch mehrere Sprachen. 1915 machte er sich dann doch nach Deutschland auf, ist auf einen italienischen Dampfer gestiegen - mit einem gefälschten Schweizer Pass. Das Schiff wurde allerdings von den Franzosen angehalten und kontrolliert. Die hielten ihn für einen großen Fisch und so wurde er fünf Jahre unfreiwilliger Staatsgast in Frankreich. Ein Jahr nach Kriegsende kam er frei, ging zurück nach Künzelsau und ist geblieben.

 

Wie ist Ihre Familie nach Uruguay gekommen?

Kraut: Mein Vater hat eine Kaufmannslehre absolviert und wurde von seinem Arbeitgeber gefragt, ob er drei Jahre für das Unternehmen nach Südamerika gehen würde. Aus drei wurden 21. 1972, die Geschäfte in der Gerber- und Wollindustrie liefen schlecht, politisch wurde das Land unsicher, da haben sich meine Eltern entschlossen, nach Hohenlohe zurückzukehren.

 

Wollten Sie selbst mal auswandern?

Kraut: Ich war 1981 während meines Studiums auf einer großen Südamerika-Rundreise unterwegs und habe da meine Augen offen gehalten, ob ich mich irgendwo verwirklichen kann. Doch die Möglichkeit habe ich nicht wirklich gesehen. Demnächst fliege ich aber wieder hin, besuche alte Freunde und es gibt schon die Überlegung, meinen Ruhestand zumindest teilweise dort zu verbringen. Ich habe ja die Staatsbürgerschaft, spreche die Sprache, da ist das kein größeres Hexenwerk.

 

Wie stark beeinflusst die eigene Geschichte, wer man selbst in der Gegenwart ist?

Kraut: Es ist eine Herausforderung mit so einer Doppelexistenz aus Deutsch und Südamerikanisch zu leben. Gerade die politische Diskussion, der Umgang mit Fremden, ist für mich manchmal interessant. Durch die persönliche Erfahrung hat man einfach ein anderes Weltbild. Uruguay ist eine sehr offene Gesellschaft, die uns als Fremde gut aufgenommen hat. Die Frage ist, inwiefern bringen wir das hier fertig. Zuwanderung war in den vergangenen 2000 Jahren deutscher Geschichte, sofern man es recherchieren kann, immer üblich. Vor allem die Nationalsozialisten glaubten eben, dass das anders sein müsste. Die Rahmenbedingungen für Zuwanderung müssen halt stimmen.

 

Abschließend: Wenn Sie irgendeine Person aus der Geschichte treffen könnten, wer wäre das?

Kraut: Carl Julius Weber würde ich gerne begegnen, aufgrund der Erfahrungen, die er gemacht hat. Er war ja nicht nur Schriftsteller und Humorist, sondern auch Regierungsbeamter, Jurist, Diplomat, Abgeordneter. Er hat eine ganze Fülle an Dingen erlebt und gemacht. Napoleon ist er mehrfach begegnet. Das finde ich spannend. Wir haben vielfach ja auch ein falsches Bild von Persönlichkeiten aus der Vergangenheit. Man nehme nur die Ritter. Das waren häufig arme Hunde. Die würden aus ihrer kalten Burg neidvoll auf uns in unseren gut beheizten Wohnungen und Häusern blicken. Wenn man die Leute glorifizieren will, dann vor allem dafür, dass sie trotz viel schwierigerer Zeiten teils große Leistungen vollbracht haben.

 

Zur Person

Stefan Kraut ist 1960 in Montevideo in Uruguay geboren. 1972 zog die Familie zurück nach Künzelsau, die Heimatstadt des Vaters. Am dortigen Ganerbengymnasium machte Kraut das Abitur und studierte dann in Stuttgart Philosophie, Geschichte und Germanistik. Als die Stelle des Stadtarchivars in Künzelsau frei wurde, griff er zu. Der Historiker ist aber auch politisch interessiert, ist Mitglied der FDP und hat in Weikersheim, Braunsbach und 2010 auch in Künzelsau für das Bürgermeisteramt kandidiert.

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