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Hohenlohe

Gelb grüßt Glyphosat im Lerchenfenster

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Landwirte dürfen umstrittenes Herbizid auch bei Artenschutzmaßnahme spritzen

Von unserer Redakteurin Juliane Renk
Mit Glyphosat: Dieses Lerchenfenster nördlich von Öhringen hat ein Bauer mithilfe eines Spritzmittels angelegt. Die Maßnahme soll die Artenvielfalt fördern. Fotos: Juliane Renk
Mit Glyphosat: Dieses Lerchenfenster nördlich von Öhringen hat ein Bauer mithilfe eines Spritzmittels angelegt. Die Maßnahme soll die Artenvielfalt fördern. Fotos: Juliane Renk

Das gelbe Rechteck mitten im grünen Gerstenfeld sticht ins Auge. Nördlich von Öhringen gibt es mehrere davon. Es sind Lerchenfenster. Die Start- und Landebahnen für die Vögel sollen die Artenvielfalt fördern. Landwirte erhalten dafür einen Zuschuss von 20 Euro pro Fenster vom Landwirtschaftsamt. Von den Fenstern aus sollen die Vögel ins Feld schlüpfen, um zu brüten.

Weder Getreide noch Unkraut sollen auf einer Freifläche von 20 Quadratmetern wachsen, darum hat der Bauer nördlich von Öhringen das umstrittene Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat gespritzt. Es sorgt dafür, dass sich Pflanzen wie das Wintergetreide gelb verfärben und absterben. Er tue das, um das "riesen Problem mit dem Unkraut zu lösen," weil Glyphosat so stark in der Diskussion ist, will der Landwirt seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Das Breitbandherbizid wird von der Weltgesundheitsorganisation als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft, während andere wie der Bauernverband kein Risiko sehen.

Sämaschine anheben Über Glyphosat in Lerchenfenstern sind die Mitarbeiter des Landwirtschaftsamts nicht glücklich. "Wir bevorzugen, dass beim Säen die Sämaschine angehoben wird und der Bereich des Lerchenfensters ausgespart wird", erklärt Christine Heinke. Dieses Verfahren würden die meisten Bauern anwenden. So sieht es auch Helmut Bleher, Geschäftsführer des Bauernverbands: "Ich gehe nicht davon aus, dass Landwirte in Hohenlohe in großem Umfang Lerchenfenster mit Glyphosat anlegen, da dies die komplizierteste, aufwendigste und unsicherste Methode ist." An einen Ausnahmefall glaubt auch Christoph Zimmer, Geschäftsführer von Ecoland aus Wolpertshausen − einer Firma, die mit der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall zusammenarbeitet. Bauern greifen auf das Spritzmittel zurück, weil "wenn man auf das wachsende Getreide wartet, erwischt man auch das Unkraut, sonst hat man später viel mehr Unkraut", erklärt Zimmer.

Nebenerwerbslandwirt Theodor Stiefel, der Lerchenfelder um Schwöllbronn besitzt, berichtet, die meisten Bauern würden das Unkrautbekämpfungsmittel für Lerchenfenster verwenden, weil es die wirtschaftlich günstigste Variante sei. Allerdings "bringt das einen Gewissenskonflikt mit sich", sagt Stiefel. Er hält nichts von Glyphosat und arbeitet lieber zwei bis drei Mal nach, zum Beispiel mit der Kreiselegge. Das ist ein Aufsatz mit einer Art von Metallzähnen, die Unkraut oder andere Pflanzen im Lerchenfenster ausreißen und an die Oberfläche werfen.

Erhebungen darüber, wie viele Bauern im Kreis Lerchenfenster mit Glyphosat freispritzen, gebe es nicht, sagt Monika Göltenboth vom Landwirtschaftsamt. Außerdem legen Landwirte die Fenster freiwillig an und Glyphosat ist in der konventionellen Landwirtschaft erlaubt.

"Die Lerche bekommt vom Glyphosat nichts ab, aber es schadet dem Ökosystem", erklärt Hansjörg Weidmann, der beim Landratsamt für Naturschutz zuständig ist. Wirkt sich Glyphosat auf Insekten aus? Der Photosynthesehemmer wirke ausschließlich auf grüne Pflanzen und habe keinen Einfluss auf Bodenlebewesen, erklärt Bleher.

Kaum Bruterfolg Als "gewollt und nicht gekonnt" wertet der Vogelkundler des Kreises, Karl-Heinz Graef, das Breitbandherbizid im Lerchenfenster. Es gebe etliche Lerchenpaare, doch der Bruterfolg sei kontinuierlich zurückgegangen. "Das liegt daran, dass durch die Intensivbewirtschaftung die Landwirte die Frucht mit Spritzmitteln schützen. So gibt es weniger Schädlinge und Insekten, die die Lerchen ernähren."

Menschen könne das Herbizid nichts anhaben, da das betroffene Getreide kaputt gehe, erklärt Hansjörg Weidmann. Kommentar "Naturschutz?"

Ohne Glyphosat: Die Sämaschine angehoben und die Fläche ausgespart hat ein Landwirt bei Schwöllbronn.
Ohne Glyphosat: Die Sämaschine angehoben und die Fläche ausgespart hat ein Landwirt bei Schwöllbronn.
Auch diese Fläche in der Nähe von Obermaßholderbach soll ein Lerchenfenster sein, sie ist relativ dicht zugewachsen.
Auch diese Fläche in der Nähe von Obermaßholderbach soll ein Lerchenfenster sein, sie ist relativ dicht zugewachsen.
Helmut BleherFoto: privat
Helmut BleherFoto: privat
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