Friedenslicht leuchtet für christliche Einheit

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Mulfingen - Weihnachten: Das ist das Fest der Liebe, das Fest der Versöhnung. Weihnachten, das ist deshalb auch ein Symbol für die christliche Einigkeit, für den Dialog der Konfessionen, für das Miteinander von Katholiken und Protestanten.

Von unserem Redakteur Ralf Reichert

Ökumenisches Zeichen: Henri Scheppach gibt das Friedenslicht an Ingo Kuhbach weiter. Jonah Schmelzer (links) und Ulrich Hartmann schauen zu.Foto: Ralf Reichert
Ökumenisches Zeichen: Henri Scheppach gibt das Friedenslicht an Ingo Kuhbach weiter. Jonah Schmelzer (links) und Ulrich Hartmann schauen zu.Foto: Ralf Reichert

Mulfingen - Weihnachten: Das ist das Fest der Liebe, das Fest der Versöhnung. Weihnachten, das ist deshalb auch ein Symbol für die christliche Einigkeit, für den Dialog der Konfessionen, für das Miteinander von Katholiken und Protestanten. "Weihnachten ist ein Fest, mit dem alle Christen das gleiche verbinden, wo alle Christen die gleichen Lieder singen", sagt der evangelische Pfarrer Ulrich Hartmann (49), der im katholisch geprägten Jagsttal die Protestanten in Mulfingen, Hollenbach und Ochsental betreut. Fremd oder ausgegrenzt kommt er sich nicht vor. Im Gegenteil: Man respektiert sich, man begegnet sich. Auf Augenhöhe. "Man stellt keine Forderungen, sondern versucht, sich untereinander Anregungen zu holen." Einander zu verstehen, bei den sozialen Diensten zu kooperieren, beim Straßenfest oder beim Orts-Pokal gemeinsam Gottesdienst zu feiern, die Erst- und Zweitklässler christlich, und nicht konfessionell, zu unterrichten, alles in allem: Pragmatismus statt Dogmatismus walten zu lassen.

Bereichernd

"Das kann sehr bereichernd sein", sagt Hartmann, dessen Konfession in Hollenbach die Mehrheit stellt − in Mulfingen nicht. Das Verhältnis beträgt in der Gesamtgemeinde zwei Drittel zu ein Drittel, doch so starr und abgeschottet wie vor dem Krieg sind die Glaubensgrenzen nicht mehr. Sie haben sich vermischt, und damit hat sich auch die Einstellung vieler Christen verändert. Früher hatten die Mulfinger große Vorbehalte, wenn ein "Evangelischer" in ihre geordnete Welt einbrach. Heute ist das völlig normal. Viele Familien haben beide Konfessionen, der Mann ist so, die Frau ist so, und es ist kein Problem, wenn an Heiligabend Katholische in eine evangelische Kirche gehen − oder umgekehrt. Eben weil es in Ortschaften wie Buchenbach (mehrheitlich evangelisch) oder Jagstberg (mehrheitlich katholisch) nur ein Gotteshaus gibt. Genauso helfen Ehrenamtliche, die evangelisch sind, in der katholischen Kirche mit − und umgekehrt.

"Da kann die offizielle Kirche noch so viel sagen oder denken, vor Ort sieht es ganz anders aus. Ökumene heißt bei uns, zu versuchen, so gut es geht ein Miteinander zu haben", sagt der katholische Pfarrer Ingo Kuhbach (37). Da kann Papst Benedikt noch so sehr behaupten, die evangelische Kirche sei keine Kirche im eigentlichen Sinn, mag man aus diesen Worten heraushören. Die Entfremdung von der Amtskirche zur Basis: Sie ist auch in Mulfingen zu spüren. Ausgeklügelte Lehrmeinungen spielen im christlichen Alltagsleben kaum eine Rolle. Die liturgischen und theologischen Differenzen über das Abendmahl und die Stellung des Priesteramts sind weit weg − die unverkrampfte Begegnung zwischen Katholiken und Protestanten dafür ganz nah. Weil die meisten ein Interesse haben, bedeutende Lebensereignisse wie Hochzeit oder Taufe möglichst unkompliziert zu feiern. Natürlich: Es gibt, wie überall, noch Leute, die eine konservative Linie pflegen und konfessionelle Grenzen wahren. Doch sie sind in der Minderheit.

Vermischt

Wie weit diese Vermischung schon fortgeschritten ist, zeigt das Beispiel von Silke Imhof (40) aus Mulfingen. Sie ist evangelisch, besucht aber nur noch die katholische Kirche. Weil ihr Mann katholisch ist und ihr Kind so getauft wurde. An einem Nachmittag im Advent übt sie mit einer Gruppe das Krippenspiel ein, in der katholischen Kirche St. Kilian. "Ich habe auch schon überlegt, mich umtaufen zu lassen." Doch dann dachte sie: Es ist doch sowieso egal, ob man katholisch oder evangelisch ist. "Was zählt, ist der Glaube." Die Trennung, "man könnte sie theoretisch aufheben", denn: "Es gibt keinen plausiblen Grund, es gibt nur einen Herrgott." Und es gibt nur einen Adventskranz, obwohl der evangelische Wurzeln hat, und es gibt nur eine Krippe, obwohl die eher aus katholischer Tradition stammt. "Und es bedeutet für beide Konfessionen das gleiche", sagt der evangelische Pfarrer Ulrich Hartmann. Und es gibt auch nur ein Friedenslicht von Bethlehem, weil an der Geburtsstätte von Jesus, am göttlichen Nullpunkt des christlichen Glaubens, Konfessionen keine Rolle spielen. Erst später sind sie entstanden. Von Menschen erdacht und gemacht.

Während Silke Imhof das Krippenspiel aufbaut, streckt Henri Scheppach (14) das Friedenslicht von Bethlehem in das rote Kerzenglas von Ingo Kuhbach. Und gibt die Flamme weiter. Der eine ist evangelisch, der andere katholisch. Daneben steht der protestantische Pfarrer Ulrich Hartmann, am Altar der katholischen Kirche St. Kilian. Das ist ein schönes Bild für die Ökumene, an diesem Nachmittag im Advent. Henri Scheppach gehört zu der Gruppe von acht Konfirmanden, die der Pfarrer ins katholische Gotteshaus geführt hat. Um zu begreifen, was hier anders ist. Kevin Stark (14) aus Jagstberg meint: "Mich würde es nicht stören, wenn ich katholisch wäre." Was ihm daran gefällt? "Dass man auf den Knien betet, das bewundere ich."

Öffnend

Ulrich Hartmann wird später sagen: "Wenn der Kevin meint: Niederknien ist doch was Tolles, kann das für uns Evangelische ein Grund sein, nachzudenken." Sich also von protestantischer Seite katholischen Elementen zu öffnen. Das Friedenslicht von Bethlehem ist in diesem Moment ganz nah. Hartmann wird es aufbewahren. Bis Heiligabend. Dann können es die Gläubigen mit nach Hause nehmen. Und darin vielleicht etwas von der christlichen Einheit schimmern sehen.

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