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Fluchthilfe mit dem Wohnmobil: Wie Hohenloher Menschen aus der Ukraine evakuieren

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Erst vor Kurzem sind sie zurückgekehrt: Ein Waldenburger Privatmann und Mitarbeiter des Evangelischen Jugendwerks aus Öhringen haben auf zwei Touren Geflüchtete in Sicherheit gebracht. Sie schildern, was sie und die Flüchtlinge erlebt haben.

von Christian Nick
Am Steuer sitzt Manfred Bertleff: Der 59-jährige Waldenburger vor seinem Caravan, den er extra für die Fluchthilfe gekauft hat. Weitere Touren sind schon geplant.
Am Steuer sitzt Manfred Bertleff: Der 59-jährige Waldenburger vor seinem Caravan, den er extra für die Fluchthilfe gekauft hat. Weitere Touren sind schon geplant.  Foto: privat

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Es sollte ein ruhiger und friedvoller Ruhestand werden: Mit 59 Jahren wollte sich Manfred Bertleff, der in Waldenburg lange Jahre eine Autoreparaturwerkstatt betrieben und dort Motoren und Oldtimer instandgesetzt hat, gemeinsam mit seiner ukrainischen Frau in Odessa zur Ruhe setzen. Doch es kam anders - denn es kam Putins Krieg.

Wenige Tage zuvor, als sich der Wahnsinn am Horizont abzuzeichnen beginnt, macht sich Bertleff von Waldenburg im Auto auf nach Osten, um seine Ehefrau und deren Tochter im Teenageralter in Sicherheit zu bringen. "Ich habe dort überhaupt keine Vorbereitungen gesehen, keine Checks, keine Soldaten", beschreibt er die Lage kurz vor Kriegsausbruch. Die Menschen seien kalt erwischt worden. Zwei Tage vor dem Angriff - die Banken verweigern schon die Auszahlung größerer Geldbeträge - retten sich die drei aus der Ukraine gen Westen.

Gehandelt ohne Zaudern

Damit könnte es genug sein. Doch untätig die Dinge passieren lassen, ist nicht Bertleffs Sache. Von einer befreundeten Dolmetscherin erfährt er: Sie und ihre kranke Mutter sähen keine Möglichkeit mehr, jene Hafenstadt rechtzeitig zu verlassen, auf die nicht einmal eine Woche später die russische Kriegsmarine das Feuer eröffnen wird. Manfred Bertleff handelt sofort: "Ich habe mir überlegt, welche Fluchtkorridore noch frei sind." Er stößt auf eine kleine Fährverbindung über die Donau an der ukrainisch-polnischen Grenze - und fackelt nicht lange: "Ich habe kurzentschlossen ein Wohnmobil gekauft."

Nur wenige Tage bevor die russische Armee nun offenkundig zur Eroberung der Hafenstadt Odessa ansetzt, werden die Flüchtlinge mit dem Wohnmobil gerettet.
Nur wenige Tage bevor die russische Armee nun offenkundig zur Eroberung der Hafenstadt Odessa ansetzt, werden die Flüchtlinge mit dem Wohnmobil gerettet.  Foto: privat

Unterdessen melden sich weitere hilfesuchende Einwohner Odessas. Bertleff bricht auf. Alleine. Österreich, Ungarn, Rumänien. Bis ins Donaudelta. Dort wartet er zwei Tage, ehe die Flüchtenden eintreffen. Bertleff packt den Caravan voll. Mit vier geflüchteten Frauen, einem Mann und Bertleff rollt der Wohnwagen in Richtung Freiheit: nach Westen. Doch nicht nur sein Auto, sondern auch das Haus seiner Frau stellen die beiden zur Verfügung, um zu helfen: Dort verstecken sich kurzzeitig weitere Menschen, die sich aus den unmittelbaren Kriegsgebieten im Donbas retten können.

Nach stundenlanger Fahrt erreicht das Wohnmobil schließlich Hohenlohe. Die Ankunft ist noch frisch, die Eindrücke auch: "Die Menschen sind wie zugefroren, sind geschockt", sagt der Fluchthelfer. "Es geht mir und den Leuten nicht in den Kopf, dass im 21. Jahrhundert solch ein Krieg stattfindet."

Die vom Jugendwerk evakuierten Ukrainer bei der ersten Mahlzeit in Freiheit.
Die vom Jugendwerk evakuierten Ukrainer bei der ersten Mahlzeit in Freiheit.  Foto: privat

Mittlerweile sind die Geflüchteten - auch durch Vermittlung der Stadt Waldenburg - gut untergebracht. Und Bertleff ist dieser Tage nun nicht nur mit der Auflösung seiner Waldenburger Werkstatt, sondern vor allem damit beschäftigt, den Neu-Hohenlohern, die alles außer sich selbst und ein wenig Gepäck zurücklassen mussten, bestmöglich zu helfen. Zweien hat er schon einen Job besorgt. Und die nächste Tour gen Osten steht schon bald an: Denn Manfred Bertleff wird weitermachen. "Das habe ich vom Herrgott geschenkt bekommen, dass ich etwas zurückgeben kann."

Ein Bus in Richtung Hoffnungsland

Erst am Sonntag ist indes ein weiterer Evakuierungs-Transport aus dem Krisengebiet in Hohenlohe eingetroffen: Mit Hilfsgütern und fünf Personen im Gepäck war zuvor eine Truppe des Öhringer Evangelischen Jugendwerks an die polnisch-ukrainische Grenze aufgebrochen, um dort mithilfe eines Öhringer Busunternehmens möglichst vielen Ukrainern die Flucht zu ermöglichen: Mit 24 Personen, hauptsächlich Frauen und Kindern, geht es letztlich am Samstag zurück.

Endlich in Sicherheit! Als der Reisebus mit den knapp 30 Menschen nach stundenlanger Fahrt in Hohenlohe eintrifft, ist die Erleichterung groß.
Fotos: privat
Endlich in Sicherheit! Als der Reisebus mit den knapp 30 Menschen nach stundenlanger Fahrt in Hohenlohe eintrifft, ist die Erleichterung groß. Fotos: privat  Foto: privat

Kapazität wäre noch für mehr Menschen gewesen: "Aber es hat sich sehr schwierig gestaltet, in dem Auffanglager kurzfristig so viele Menschen zu finden, die tatsächlich so weit weg nach Deutschland gebracht werden wollten", berichtet Marcel Plückthun, der die Aktion des Jugendwerks mitgeplant hat.

So konnten dann in Bayreuth noch weitere fünf Menschen den Bus besteigen. Nach 13 Stunden Fahrt - vom Reiseunternehmen wurden extra Fahrer entgegengeschickt, um eine möglichst rasche Ankunft zu gewährleisten - ist man dann wieder zurück in Hohenlohe. Die Geflüchteten sind erschöpft und noch primär mit sich selbst beschäftigt, berichtet der 22-jährige Helfer. Aber die Dankbarkeit sei groß: "Eine Frau hat gesagt, dass sie wie Verwandte aufgenommen wurden." Mithilfe des Landratsamts haben alle mittlerweile in Privatquartieren Unterschlupf gefunden.

Wie es für sie weitergeht? "Die Menschen sollen sich nun erstmal einige Tage ausruhen", sagt Plückthun. Und für die folgenden ersten Schritte in Deutschland habe man schon eine Checkliste vorbereitet.

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