Erst als Leutnant ist man ein Mensch
„Der Hauptmann von Köpenick“ in Künzelsau

Von Daniel Stahl
Wilhelm Voigt kann diese Frage nicht beantworten. Denn die Hauptfigur der tragischen Komödie saß viele Jahre im Gefängnis und hatte nie die Möglichkeit zu dienen. Und so kämpft er das ganz Stück lang um einen Platz in der vom Militär geprägten Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm II., scheitert aber vor mehr als 100 Zuschauern in der Künzelsauer Stadthalle immer wieder.
„Keen Pass ohne Arbeet und keene Arbeet ohne Pass“, stellt Voigt fest, den Ulf Deutscher mit urigem Berliner Dialekt spielt. Und so schafft es die Hauptfigur trotz guter Vorsätze nicht, neu anzufangen. Immer wenn sie sich aufrappeln will, stolpert sie über eine bürokratische Hürde.
Die übrigen Figuren, selbstverliebte Militärs und verbohrte Beamte, kümmert das nicht. „Wer Mensch sein will, der muss sich zuerst in die Ordnung einfügen“, erläutert Voigts Schwager Friedrich. Doch Wilhelm Voigt findet in dieser Ordnung keinen Platz.
Carl Zuckmayer hält der Gesellschaft der 30er Jahre mit seinem Theaterstück einen Spiegel vor. Er parodiert die Vernarrtheit vieler Menschen in das Militär und den alten Grundsatz des Kaiserreichs „Der Mensch fängt erst mit dem Leutnant an“. Auch Friedrich, der Schwager von Schuhmacher Voigt, ist dem Bann des Militärs erlegen. „Dat is dat Schönste im Leben“, sagt er. „Da is er wie een kleenes Kind“, fügt seine Frau hinzu.
Damit beginnt die eigentliche Geschichte des Hauptmanns von Köpenick, den es im Oktober 1906 wirklich gab. „Kleider machen Leute“, hat Wilhelm Voigt inzwischen gelernt. Als er von seiner Ausweisung aus dem Land erfährt, beschließt er zu handeln und besorgt sich einen „Hauptmanns-Rock“. Mit der Wirkung der neuen Kleider kommandiert er einige Soldaten ab und überfällt das Rathaus in Köpenick. Die Szenen im Rathaus machen deutlich, was für eine Farce der Militärstaat war.
Mit seiner einfachen Verkleidung ist der vermeintliche Hauptmann von Köpenick plötzlich eine Respektsperson. Der Stadtkämmerer händigt ihm ohne Widerspruch die Stadtkasse aus und der Bürgermeister lässt sich abführen. Doch Voigt hat keinen Überfall geplant, er möchte nur endlich einen eigenen Pass. „Den stellt das Landratsamt aus“, erklärt ihm ein Beamter - Wilhelm Voigt hat die falsche Behörde überfallen und stellt sich selbst der Polizei. Vorher lässt er sich aber einen neuen Pass versprechen.
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