Elektrifizierung der Hohenlohebahn: Akteure hängen in der Luft
Die Bahnstrecke zwischen Öhringen-Cappel und Schwäbisch Hall-Hessental könnte mit mehr Bundesmitteln elektrifiziert werden. Doch die maßgeblichen Kriterien für eine Neubewertung der Wirtschaftlichkeit sind noch gar nicht spruchreif.

Im Februar titelte die Hohenloher Zeitung: "Neue Hoffnung für die Hohenlohebahn". Der Bund hatte den Fördertopf soeben aufgefüllt, um Schienenstrecken im ländlichen Raum zu modernisieren. Und er hatte angekündigt, das leidige Kosten-Nutzen-Dogma zu lockern.
Dies steht einer durchgängigen Elektrifizierung der Hohenlohebahn zwischen Öhringen-Cappel und Schwäbisch Hall-Hessental bisher im Wege - weil diese demnach nur von Cappel bis zum Gewerbepark Hohenlohe wirtschaftlich ist, wie eine Machbarkeitsstudie der Kreise Hohenlohe und Hall 2012 ergeben hatte. Ein halbes Jahr nach dem Beschluss des Bundestags ist freilich noch kein entscheidender Ruck erfolgt. Die Akteure hängen weiter in der Luft.
Verfahren zum Nachweis der Wirtschaftlichkeit soll geändert werden
In das Kosten-Nutzen-Verhältnis soll künftig nicht nur das Fahrgastaufkommen eingerechnet werden, sondern auch der Klima- und Umweltschutz, Verkehrsverlagerungen oder Aspekte der Daseinsvorsorge. Das entscheidende Verfahren zum Nachweis der Wirtschaftlichkeit von Ausbauprojekten, wie die vollständige Elektrifizierung der Hohenlohebahn, soll also geändert werden.
"Nähere Informationen zum Inhalt der vom Bund beabsichtigten Änderungen liegen dem Verkehrsministerium des Landes aber noch nicht vor", erklärt Pressesprecher Oliver Hillinger. Und: "Die genaue Ausgestaltung der landesseitigen Kofinanzierung befindet sich momentan innerhalb der Landesregierung noch im Abstimmung." Der Haken ist: Ohne Bundes- und Landesmittel ist die Elektrifizierung finanziell gar nicht zu stemmen. Auch das Land kann dies allein nicht leisten, obwohl es politisch seit 2018 für den Lückenschluss votiert, den die Kreise Hohenlohe und Hall schon seit zehn Jahren auf dem Schirm haben.
Landrat Neth: "Der Teufel steckt im Detail"
"Wenn wir die endgültigen Spielregeln 2020 wissen, sind wir gut", sagt Hohenlohe-Landrat Matthias Neth. "Der Teufel steckt im Detail." Auch er weiß immer noch nicht, "was es konkret heißt, was da in dem neuen Gesetz steht". Neth hat den früheren Kämmerer Helmut Kercher, der jetzt im Ruhestand ist, in dieser Frage als Berater an seiner Seite. Er fordert: "Der Bund muss jetzt sagen, was er will im Hinblick auf die Neubewertung von Faktoren wie Klimaschutz oder Aspekte der Daseinsvorsorge beim Kosten-Nutzen-Verhältnis." Und er mahnt: "Die Standardisierte Bewertung gibt es ja immer noch, und sie ist nach wie vor bindend. Die Kriterien müssten erst an die neue Zielsetzung angepasst werden."
Wenn diese Standardisierte Bewertung auch in Zukunft negativ ausfalle, "können wir von 90 Prozent Förderung nur träumen". Wobei Kercher betont: "Es können bis zu 90 Prozent sein, am Ende also auch nur 60 Prozent." Hier dürfe man sich nicht blenden lassen, "da sind die genauen Klauseln wichtig".
Neue Machbarkeitsstudie wohl unumgänglich
"Die Leitplanken für dieses Jahr sind: Abstimmung mit dem Kreis Schwäbisch Hall, Gespräche mit dem Land und Fortschreibung der Machbarkeitsstudie", nennt Landrat Neth die kurzfristigen Ziele. Diese Machbarkeitsstudie ist eine Vorstufe der allein maßgeblichen Standardisierten Bewertung. "Wahrscheinlich werden wir darum nicht herumkommen, da sich an den Parametern erstaunlich viel geändert hat." Denn: Das Kosten-Nutzen-Verhältnis stehe im neuen Gesetz unter ganz anderen Vorzeichen. Und: "Der Gewerbepark Hohenlohe hat sich zwischen 2011 und 2020 stark verändert."
Stadtbahn-Qualität?
Das entscheidende Argument für eine durchgängige Elektrifizierung der Hohenlohebahn wäre, Stadtbahn-Qualität zu erlangen. Mit neuen Haltestellen zwischen Cappel und Hessental. Und einer marktgerechten Taktung. "Wer von Heilbronn direkt nach Hessental fahren möchte, braucht die Stadtbahn nicht, er wird den schnelleren RE-Zug nehmen", sagt Landrat Neth. Der fährt seit Ende 2019 sogar im Stundentakt. Und bis Ende 2031 ist vertraglich fixiert, dass aufgemotzte Dieselloks zum Einsatz kommen. Was ist also der Nutzen einer Elektrifizierung? Das ist die Gretchenfrage. Verstärkter Güterverkehr? Der Frequenzbringer Gewerbepark? Oder ganz andere Bundeskriterien?

Stimme.de
Kommentare
Thomas Gaukel am 19.08.2020 18:32 Uhr
... die Nürnberger S-Bahn fährt möglicherweise ab ca. 2024 bis Crailsheim....
https://www.stmb.bayern.de/med/aktuell/archiv/2020/200723crailsheim/
Wobei von der Seite her glücklicherweise (sogar bis Hessental seit 1996) schon elektrifiziert ist...