Ein Kriegstreiber und ein Pazifist
Die Fürstenfamilie Hohenlohe zählte zu den einflussreichsten Dynastien Europas und hatte im Ersten Weltkrieg sowohl in der Donaumonarchie als auch im deutschen Kaiserreich Einfluss auf die gekrönten Häupter.

Roter Prinz
„Er ist der lustigste Diplomat, den ich kenne“, sagt Hannig über den exzellenten Beobachter, der Personen und Situationen schnell erfasst und pointiert zu beschreiben weiß. Aufgewachsen in Wien als Sohn des Obersthofmeisters Constantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst gehört er wie auch sein Bruder zur Führungselite in Österreich. Sein Bruder Konrad, befreundet mit dem Thronfolger Franz Ferdinand, dem letzten Habsburger Kaiser Karl I. sehr nahe, seiner toleranten Haltung im Vielvölkerstaat und seines Einsatzes für freie Wahlen wegen der „rote Prinz“ genannt, gilt lange als künftiger Reformer des Habsburger Staats. Immer wieder steigt er in die Regierung auf, immer wieder scheitert er.
Gottfried Hohenlohe macht nach militärischer Ausbildung Karriere als Diplomat – ist ein „Liebling der Kaiserhöfe“. Mit dem Zaren ist er befreundet, mit Kaiser Wilhelm II. per du, mit Erzherzogin Marie Henriette von Habsburg verheiratet. Seine Koffer sind bereits gepackt, um als Botschafter nach Berlin zu gehen, als der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet wird.
Der Prinz, schon zuvor Kriegsbefürworter, rät Kaiser Franz Joseph zu „den schärfsten Maßnahmen“. Tatsächlich notiert er nach dem Gespräch, „der alte Mann“ habe zugesichert, dass Krieg geführt werde.
In Berlin wird der Prinz mit deutschen Wurzeln im Dienste Habsburgs eine Symbolfigur des deutsch-österreichischen Bündnisses und zugleich einer der bestinformierten Männer. Er nimmt als ehemaliger Militär an Militärberatungen in Berlin teil und kennt als Schwiegersohn des Oberbefehlshabers des österreichischen Heeres genau die militärische Lage in er Donaumonarchie.

Dass 1914 deutsche Truppen zur Unterstützung der österreichischen Armee an die Ostfront verlegt werden, geht auf seinen Einfluss zurück. Sein größter Fehler, so Hannig, sei seine „maßlose Überschätzung der deutschen Stärke“.
Auch in der reichsdeutschen Politik mischt der Prinz mit: Bei Kaiser Wilhelm II. setzt er sich in der Kanzlerkrise 1917 mit Nachdruck für Kanzler Theobald von Bethmann-Hollweg ein und kann zumindest Bülow als dessen Nachfolger verhindern. Die beiden Politiker sind sich spinnefeind. Des Prinzen gute Kontakte sorgen aber auch dafür, dass er von beiden Seiten immer wieder misstrauisch beäugt wird.
Von den Geheimverhandlungen von Kaiser Franz Josephs Nachfolger Karl I. mit Frankreich, die 1918 als Sixtus-Affäre publik werden und für eine massive Vertrauenskrise zwischen Berlin und Wien sorgen, weiß er indes nichts. „Tief erschüttert“ muss Hohenlohe im Oktober 1918 das Schreiben Karls über den österreichischen Separatfrieden an Reichkanzler Max von Baden überreichen, bevor er am 11. November nach der Abdankung des letzten Habsburgers seinen Rücktritt einreicht.
Oberschlesischer Lukull
Schon 1912, lange vor dem Krieg, verabschiedet sich dagegen Fürst Christian Kraft zu Hohenlohe-Öhringen aus Reichstag und Politik, die er zunehmend als „haarsträubenden Blödsinn“ empfindet. Dank der riesigen oberschlesischen Güter der Familie, den Zink- und Kohlegruben sowie den dazugehörigen Hütten- und Walzwerken ist er der reichste Mensch im deutschen Reich – nach Bertha Krupp, aber noch vor dem Kaiser. „Der Fürst lebt wie Lukull und wahrscheinlich besser als der Kaiser“, schreibt ein Zeitgenosse und erzählt, dass ein Pfund Butter in die Glut fliegt, wenn im oberschlesischen Fürstensitz zu Slawentzitz das Küchenfeuer nicht brennen will.
Bereits 1905 wandelt der Fürst den Montan-Besitz in die Hohenlohe Werke AG um und erhält eine Abfindung von 44 Millionen Mark samt einer Jahresrente von drei Millionen Mark. Noch vor dem Krieg verliert er einen großen Teil seines Vermögens, das in die wenig erfolgreiche Handelsvereinigung, den Fürstentrust, investiert ist. Der passionierte Jäger lebt indes weiter sorgenfrei bis an sein Ende 1926.
Für die meiste Publicity sorgt während des Weltkriegs Prinz Alexander zu Hohenlohe-Schillingfürst, Cousin von Gottfried und Konrad Hohenlohe, durch seine pazifistischen Artikel. Im Reich wie in der eigenen Familie kommt das nicht gut an. Der Sohn des einstigen Reichkanzlers Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst ist zwar nie Hurrapatriot, aber anfangs auch kein erklärter Kriegsgegner. Den Krieg hält er für großes Unglück, hofft aber auf einen deutschen Sieg.
In Zürich, wo er seit Kriegsbeginn lebt, baut er nicht nur einen Kreis von Pazifisten um sich auf. Er meldet sich mit kritischen Artikeln in der Neuen Züricher Zeitung und der von Friedensnobelpreisträger Alfred Fried herausgegebenen Friedenswarte zu Wort. Den Krieg verabscheue er, „seitdem ich gesehen habe, was mit Hilfe der modernen Technik aus dem Kriegshandwerk Widerwärtiges geworden ist“, erklärt er. Dass jeden Tag Millionen dafür vergeudet würden, mit denen, für friedliche Zwecke verwendet, allem Elend ein Ende gesetzt werden könne – „ich nenne das verrückt, wahnsinnig, absurd, gross kann ich das nicht finden.“
Der lärmende deutsche Patriotismus war dem Prinz schon vor dem Krieg peinlich. Nun schreibt er mit Furor gegen den preußischen Militarismus und den deutschen Untertanencharakter an. Als klar ist, dass die Mittelmächte den Krieg verlieren, fordert er ein neues Regierungssystem, denn dieser Krieg sei mehr als ein Krieg, er sei eine Revolution. Die Abdankung Wilhelms II. 1918 kommentiert er knapp: „Also endlich.“
Europäische Dynastie
In dem über 400 Seiten starken Band „Die Familie Hohenlohe – Eine europäische Dynastie im 19. und 20. Jahrhundert“, herausgegeben von Alma Hannig und Amrtina Winkelhofer-Thyri, stellen Historiker 13 Mitglieder der Adelsfamilie vor. Böhlau-Verlag, 32 Euro
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