Doppelwesen Hausfrau und Malerin
Marie Sieger geht im letzten Jahrhundert als Künstlerin ihren eigenen Weg

Schöntal - Ohne zu zögern wählt Marie Polack die Ausbildung, die sie erst nach München an die Debschitz-Schule für angewandte Malerei , dann an die Malerklasse der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe führt. Aber Marie bleibt unzufrieden. Sie will keine Stickmuster entwerfen, sie will gestalten − mit Farbe. 1911 schafft sie den Sprung in die Damenklasse von Adolf Hölzel. Er zählt zur deutschen Maler-Avantgarde und geht noch vor Kandinsky den Weg in die Abstraktion. Auch wenn sie ihrem Lehrer nicht konsequent in die Abstraktion folgt, Anklänge an seine Formensprache sind in ihrer frühen Malerei überdeutlich. In Jagsttallandschaften und Stillleben, die in Form und Struktur reduziert sind und durch expressive Farbgebung beeindrucken. 1917 − mitten im Ersten Weltkrieg − eröffnet die Künstlerin ein eigenes Atelier in Heilbronn. Selbstbewusst nennt sie als Berufsbezeichnung "Kunstmalerin".
Fixpunkt Schöntal bleibt für Marie Sieger immer ein Fixpunkt im Leben. "Die Natur und die Malerei waren ihr immer das Wichtigste im Leben", betont ihre Tochter Ursula Sieger. Und fügt hinzu, dass ihre Mutter der gegenständlichen Malerei immer treu geblieben ist. Sie sei keine expressionistische Malerin. Dazu fehlte Marie Sieger weniger der Mut, als Zeit und Freiheit, die eigene Entwicklung als Malerin konsequent in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Und es scheint, dass sie dies zumindest zeitweise mit Wehmut erfüllte. So schreibt sie nach den Besuch einer Ausstellung ihrer Künstlerkollegin Maria Caspar-Filser 1958: "Ja, diese Frau hatte mehr Zeit zur Entwicklung und später zum Malen."
Die junge Marie Pollack will auch ihr Leben als Frau leben. "Das ist es, was ein Mädel eigentlich nur möchte, ihrem Liebsten eine brauchbare Frau und ein guter Kamerad sein", vertraute die Frischverliebte 1916 ihrem Tagebuch an. Verliebt hat sie sich in den Apotheker und Chemiker Dr. Hans Sieger. Ihn heiratet sie im April 1918, obwohl sie da auch ihre zweite Natur kennt, und die will frei und unabhängig sein, will "arbeiten und sich zu einer möglichst größen Höhe im Können bringen".
Ambivalenz Im jungen Haushalt in Rheinfelden, wo auch die einzige, oft kränkelnde Tochter der Malerin zur Welt kommt, mutiert Marie Sieger zum "Doppelwesen Hausfrau und Malerin" − notgedrungen. Glücklich ist sie dabei nicht immer. Im ersten Ehemonat schreibt sie: "Ich heule im Bett lautlos, habe Heimweh nach dem alten stolzen Gesicht des Alleinseins." Aber sie gibt auch nicht auf und meistert die Doppelbelastung mit Bravour, obwohl oder vielleicht gerade weil die Haushaltskasse knapp ist. Marie Sieger bessert sie auf, indem sie Zeichen- und Malunterricht gibt, Aufträge für Porträts, Stillleben, aber auch für Textilmuster annimmt. Ihr Mann unterstützt sie, indem er die schweren Arbeiten in Haus und Garten übernimmt. Als er 1929 arbeitslos wird − damals lebt die Familie bereits in Frankfurt − sorgt Marie mit ihrer künstlerischen Arbeit für den Lebensunterhalt der Familie.
Die Großstadt bietet ihr einen großen Vorteil: Sie hat wieder Kontakt zu anderen Künstlerinnen, beteiligt sich an Ausstellungen und ist in ihrem Atelier unentwegt an der Arbeit. Viel ist davon nicht übrig geblieben. Ihre Bilder aus dieser Zeit werden fast komplett beim Bombardement Frankfurts 1944 zerstört.
Rückkehr Die Malerin flüchtet nach Schöntal mit ihrer Tochter und "leichtem Gepäck". Sie bleibt bis zu ihrem Tod im Jahr 1970. Dort findet sie in den letzten Lebensjahrzehnten große Zufriedenheit. "Wir wollen dankbar sein", schreibt sie 1958, "wenn wir gesund sind und die Fähigkeit haben, überall schöne Motive zu sehen." Diese Fähigkeit hat Marie Sieger. Bis zu ihrem Tod entsteht in ihrer Heimat eine Vielzahl zauberhafter Bilder, die Landschaft, Natur und Kloster zu Motiven haben. Motive, die sie mit ihrer Jugend verbinden, und die sie immer wieder neu zu gestalten versteht.


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