Die wahre Botschaft der Engel
Pater Anselm Grün spricht im Interview über die Macht der Himmelsboten: Die gehören seiner Meinung nach nicht nur in die Esoterik-Ecke.

Eigentlich gehören Engel in die Esoterik-Ecke, hört man nicht selten von gläubigen Christen. Doch Pater Anselm Grün widerspricht. Der Benediktinermönch hat sogar Bücher über die Himmelsboten geschrieben.
Pater Grün, warum fliegen in der Vorweihnachtszeit die Engel tiefer?
Pater Anselm Grün: In der Weihnachtsgeschichte begegnen uns viele Engel. Der Engel Gabriel verkündet Maria die Geburt eines Kindes. Ein Engel verkündet den Hirten auf dem Feld die Geburt Jesus. Ein Engel sagt Joseph, er solle Maria zur Frau nehmen. Und da ist der Gesang der Heerscharen. Engel weisen den Weg. Künstler haben Engel als flötenspielende Wesen gezeigt, die uns von der Vergebung verkünden. Die Engel sagen, Gott schickt seinen Sohn. Und auch Jesus erscheinen die Engel, begleiten seine Geburt, seine Auferstehung, seine Himmelsfahrt. So sind Engel in der Weihnachtszeit ein wichtiges Thema.
Aber tatsächlich auch für die Kirche?
Grün: Wir müssen uns hüten, die Engel zu verkitschen. Engel haben eine Botschaft. Dass wir in Berührung kommen mit dem Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat. Dass etwas Neues in uns geboren werden kann, dass wir nicht festgelegt sind für die Zukunft durch unsere Vergangenheit.
Also ist alles möglich?
Grün: Viele Menschen trauen sich nichts zu. Die frohe Botschaft der Weihnachtsengel ist: Gott kann alles in Segen umwandeln.
Welcher Engel ist Ihr Engel?
Grün: Ich kann meinen Engel nicht beschreiben. Jesus sagt: Wir sollen die Kleinen nicht ärgern. Jeder bekommt mit der Geburt seinen Engel, der ihn begleitet, auch bei Umwegen und Irrungen, und der ihn begleitet über die Schwelle bis in den Tod hinein.
Spüren wir in den Engeln verstorbene Angehörige?
Grün: Dazu gibt es eine ganz nüchterne Aussage der Gnostiker: Engel sind geistige Wesen ohne personale Macht. Also keine Personen. Der Engel kann ein Impuls sein, eine Einsicht. Ein Mensch kann uns zum Engel werden, so dann auch die Verstorbenen. Wir bitten unsere Verstorbenenen ja auch um Hilfe.
Die Darstellungen der Engel sind oft naiv, niedlich.
Grün: Engel sind keine Wirklichkeit, über die wir in Bildern sprechen können. Denn wenn wir sie zu sehr konkretisieren, wirkt das verführend. Aber: Engel sind so unverfügbar wie Gott.
Was heißt das?
Grün: Gott ist immer da. Wir können die Erfahrung aber nicht erzwingen. Manchmal erfahren wir Gottes Nähe nicht. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass es sie gibt und uns begleitet, und dürfen uns auch beschützt fühlen. So ist es auch mit den Engeln. Sie sind da, ich erfahre sie aber nicht immer.
Gibt es Momente, in denen uns die Engel näher sind?
Grün: Engel entziehen sich unserem Zugriff. Es gibt keinen Trick, sie zu spüren und zu erfahren. Wenn wir sie erfahren, ist es immer ein Geschenk. Den Schutz des Engels erfahren, das ist ein Geschenk.
Der Schutzengel ist dargestellt sicher der häufigste.
Grün: Der Schutzengel ist der stärkste. Das dürfen wir nicht naiv sehen. Der Engel schützt uns nicht vor dem Absturz. Aber er schützt unseren Kern.
Welchen Trost haben dadurch Menschen, die einen Angehörigen durch eine sinnlose Gewalttat verloren haben?
Grün: Der Schutzengel hat erreicht, dass der Mörder keine Macht über den innersten Kern des Opfers haben kann. Wenn einem Kind beispielsweise etwas passiert, dann ist das etwas Unerträgliches für die Eltern. Tröstlich kann es dann für sie sein zu wissen, dass der innerste Kern nicht berührt wurde. Das löst keine Trauer ab, ist aber Trost.
Gibt es noch andere wichtige Engel?
Grün: Gott schickt uns einen Engel, wenn wir in Not sind. Er schickt den Engel, damit der Mensch nicht alleine ist. Ich begleite Menschen, die erzählen von Engelsspuren. Da ist zum Beispiel das Kind, das mit süchtigen Eltern aufwächst. In seiner Not ist es im Alter von vier Jahren spontan in die Kirche gelaufen zum Marienaltar. Hier hat es Kraft und Zuversicht erfahren. Der Engel hat ihn dahin geführt. Kinder erfahren von ihrem Umfeld oft ungeheuerliche Botschaften: Du bist unmöglich, Dich hält keiner aus, hören sie von ihren überforderten Eltern. Für die Kinder ist es wichtig, einen Engel zu haben, der sie aushält, der da ist. Ein Junge sagte zu seiner alleinerziehenden Mutter, die gestresst nach dem Einkauf schnell die Wohnungstür hinter sich zuwarf: Warte, nicht so schnell, mein Engel muss doch auch noch mit rein.
Und was ist mit Erwachsenen? Haben die auch so ihre Engel?
Grün: Den Erwachsenen wünsche ich in Briefen den Engel der Gelassenheit und der Achtsamkeit. Das hört sich doch sehr viel besser an als der Imperativ "Sei gelassen!", "Sei achtsam!". Ich schicke dir einen Engel hört sich nach einem Geschenk an. Oder?
Brauchen wir diese beiden Engel gerade in der Vorweihnachtszeit?
Grün: Die Gefahr heute ist, dass wir unter dem Einfluss der Medien unter dem Zwang der Selbstoptimierung stehen. Wir sind erschöpft von all der Selbstoptimierung.
Besonders an Weihnachten?
Grün: Da wollen wir auf heile Familie machen. Aber die vorhandenen Krisen werden nicht weniger. Und wenn man dann stundenlang zusammen sitzt − allein durch das Zusammenhocken unter dem Baum ist noch kein Frieden entstanden. Wir feiern mit den Gefühlen Weihnachten, die wir gerade haben und hoffen, dass uns ein Engel begleitet, der das Herz öffnet. Gott ist herabgestiegen. In der Hoffnung, dass das Dunkel erleuchtet werden kann. Das muss man dann aber auch zulassen. NIcht Schmuck und Glitzer machen Weihnachten, sondern wenn man breit ist, das Herz zu öffnen, dass Gott in mir Mensch werden will, mein Herz erfüllen will mit Liebe.
Und wie feiern Sie persönlich Weihnachten?
Grün: Mit 73 Jahren ist an Weihnachten Familie nicht mehr so wichtig. Von 22.45 bis 1.45 Uhr ist Liturgie, nachmittags Konvent. Dazwischen habe ich so drei Stunden für mich. Da sitze ich mit Kerzen und dem Weihnachtsoratorium von Bach in meinem Zimmer und werde still.
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