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Das Jahr im Slum

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Wie Carina Schneider, eine junge Floristin aus Amrichshausen, armen Kindern in Kenia hilft

Von Sandra Hartmann
Carina Schneider mit ihren Schützlingen. Ihr Lachen ist für die junge Frau aus Amrichshausen der schönste Lohn für den Einsatz. Sie ist für die Kinder Erzieherin und Krankenpflegerin in einer Person.Fotos: privat/dpa
Carina Schneider mit ihren Schützlingen. Ihr Lachen ist für die junge Frau aus Amrichshausen der schönste Lohn für den Einsatz. Sie ist für die Kinder Erzieherin und Krankenpflegerin in einer Person.Fotos: privat/dpa

Künzelsau - Der Zwölfjährige in der Lumpenkleidung schaut Carina Schneider mit großen Augen an und sagt: "Ich habe zwar keine Schuhe, aber ich danke Gott, dass ich Beine habe und gehen kann." Es könnte eine Szene aus einer Spendengala im Fernsehen sein. Aber es ist eine Szene, die Carina Schneider erlebt und sie zutiefst bewegt hat.

Seit sieben Monaten arbeitet die 27-Jährige aus Amrichshausen für das Straßenkinderprojekt "St. Benedict Street Children Project" in Kenia. Mit vier kenianischen Sozialarbeitern und Streetworkern betreut sie in einem Rehabilitations-Center im − zu Nairobi gehörenden − Mathare Slum 25 Straßenkinder zwischen sechs und 16 Jahren.

Elend Mit etwa 500 000 Einwohnern ist Mathare einer der größten Slums Afrikas. Hier haben die Menschen weder ein dichtes Dach über dem Kopf noch eine Toilette. Es stinkt in den Straßen. Neben Abfällen und Exkrementen kochen die Ärmsten der Armen ihr Essen. "Jeder Slumbewohner ist damit beschäftigt, sein eigenes Leben zu sichern", sagt Carina. Verlassene Kinder genießen hier keine große Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: "Selbst die Klamotten, die die Straßenkinder am Leib tragen, sind ihnen nicht sicher. Oft sieht man sie gemeinsam auf riesigen Müllbergen Metall und Plastik sammeln, die sie für ein paar Cent an Recyclingfirmen verkaufen."

Aus dieser Misere gibt es nur einen Ausweg: Bildung. "Durch das Rehabilitationscenter sollen die Kinder einen Einstieg ins normale (Schul-)Leben bekommen", erklärt Simone Lederer von der Kinderinitiative Kenia (KiK) in Bretzfeld. KiK unterstützt das kenianische Straßenkinderprojekt nicht nur finanziell. Sie vermittelt auch Praktikanten wie Carina nach Mathare.

Genügsam Die zierliche Brünette hat sich dafür entschieden, ein Jahr ehrenamtlich in Kenia zu arbeiten. Den Flug hat sie selbst bezahlt. KiK übernimmt Kost und Logis. Carina wohnt in einem kargen, drei mal drei Meter großen Zimmer im St. Benedict Kloster, zwei Kilometer vom Slum entfernt, inklusive kalter Dusche und WC. Ihr tägliches Essen: Bohnen mit Mais. "Man wird hier sehr genügsam, wenn man sieht, wie andere leben." Dennoch haben sie die Kinder herzlich und warm begrüßt, haben in ihren Lumpen geklatscht und gesungen.

Morgens bekommen sie im Rehabilitationscenter Frühstück. Dort können sie sich auch waschen. Danach unterrichten Carina und ihre Kollegen sie in Englisch, Mathe und Sozialkunde. Es gibt Mittagessen und Gespräche, in denen sich die Kinder über Sorgen austauschen.

Die gelernte Floristin aus Künzelsau ist Erzieherin, Krankenpflegerin, Beschäftigungstherapeutin und Freundin in einer Person. Die Sozialarbeiter sprechen auch Themen wie Aids und Drogen an, in Kenia ein weit verbreitetes Problem, vor allem bei Kindern, die ohne Dach über dem Kopf aufwachsen. "Eine gefährliche Methode, den Hunger zu betäuben, ist Klebstoff zu schnüffeln", so Carina. Nach einem Jahr im Center sollen die Kinder in eine normale Schule gehen. Die Schulgebühren übernimmt KiK, da vielen Eltern das Geld fehlt. Carina berichtet von Erfolgsgeschichten, von Straßenkindern, die BWL oder Technik studieren. Das sind Ausnahmen. Oft haben die Sozialarbeiter mit alkoholabhängigen Eltern zu tun und mit Aids.

"Manchmal ist es ein Kampf gegen Windmühlen, und oft fühlt man sich so machtlos", sagt Carina Schneider, "doch der Lohn für unsere Arbeit ist das Lachen der Kinder, die jede noch so kleine Zuwendung wie ein großes Geschenk schätzen." Die Sozialarbeiter sprechen die Kinder auf den Straßen an: "Wollt ihr zum Mittagessen ins Center kommen?" Derzeit betreuen sie nur Jungs. Mädchen sind kaum auf der Straße zu sehen. "Die meisten arbeiten als Kindersklaven in Haushalten", erklärt Carina.

Ob sie nie Angst hat, sich mit HIV zu infizieren oder überfallen zu werden? "Nein, die Menschen hier sind extrem gastfreundlich, egal, wie arm sie sind" , berichtet Carina. Auf dem Weg zur Arbeit rufen ihr Slumkinder strahlend zu: "Msungu (Weiße), wie geht"s Dir?" Es sind diese kleinen Gesten, die ihr das Gefühl geben, dass es richtig ist, hier zu sein. Mit Geld lasse sich das nicht aufwiegen. Dennoch gelte es, als Weiße Regeln zu beachten: etwa bei Nacht nicht im Slum unterwegs zu sein, um nicht überfallen zu werden. Der bewegendste Moment: Mit einem Sozialarbeiter organisierte sie eine Augenoperation für eine Waise. Zum Dank sagte der Junge: "Carina, du bist jetzt meine Mama."

Im Elendsviertel Mathare bei Nairobi lebt etwa eine halbe Million Menschen in erbärmlichen Verhältnissen. Die häufigsten Todesursachen sind Mord und Aids.
Im Elendsviertel Mathare bei Nairobi lebt etwa eine halbe Million Menschen in erbärmlichen Verhältnissen. Die häufigsten Todesursachen sind Mord und Aids.
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