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Bei Aktivwochenende in Herboldshausen: Neonazis üben Kulturrevolution

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Die "Identitäre Bewegung Schwaben" hielt ein Aktivistenwochenende in der Region ab. Um die 30 Teilnehmer aus Deutschland und der Schweiz reisten an. Die Veranstalter waren bemüht, das Treffen geheim zu halten.

Von Timo Büchner
Der "Bund für Gotterkenntnis" stellte sein Domizil in Herboldshausen bei Kirchberg erneut für ein Treffen von rechtsextremen Gruppierungen zur Verfügung.
Foto: Timo Büchner
Der "Bund für Gotterkenntnis" stellte sein Domizil in Herboldshausen bei Kirchberg erneut für ein Treffen von rechtsextremen Gruppierungen zur Verfügung. Foto: Timo Büchner  Foto: Timo Büchner

Erneut wurde das "Jugendheim Hohenlohe" des rechtsextremen "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)" in Herboldshausen bei Kirchberg/Jagst am 9. und 10. April zum Austragungsort einer hochkarätigen Veranstaltung der extremen Rechten: Die "Identitäre Bewegung Schwaben", eine Regionalgruppe der "Identitären Bewegung Deutschland" (IBD, hielt dort ein "Aktivistenwochenende" ab.

Die Veranstaltung folgte dem "Gemeinschaftstag" der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationalisten" im August 2020 und dem "Thing der Titanen" der regionalen Neonazi-Organisation "WIR Heilbronn" im Oktober 2021. Der "Thing" war ein geheimes Vernetzungstreffen prominenter Neonazis. Ende Mai 2022 soll der zweite "Thing" stattfinden.

Verschleierung versucht

Die "Identitäre Bewegung Schwaben" war bemüht, das "Aktivistenwochenende" geheim zu halten: Mitte März schrieben die "Identitären" in den Sozialen Netzwerken, die Veranstaltung werde am 7. und 8. Mai stattfinden. Der Veranstaltungsort: geheim. Einen Monat nach der Ankündigung, Mitte April, schrieben sie, die Veranstaltung habe bereits am 9. und 10. April stattgefunden. Und zwar: "in Schwaben". Die falschen Informationen sollen sowohl die aktuelle als auch künftige Veranstaltungen vor journalistischen, polizeilichen und zivilgesellschaftlichen Interventionen schützen.

Woher die Teilnehmer kommen

Am "Aktivistenwochenende" nahmen etwa 30 Männer zwischen (schätzungsweise) 18 und 30 Jahren teil. Die meisten Männer betreiben Kampfsport. Sie tragen einen Undercut mit Seitenscheitel und Schuhe der Marke "New Balance". Unter Neonazis ist die Marke seit Jahren beliebt. Neonazis deuten das große "N", das an die beiden Seiten der Schuhe gestickt ist, als Bekenntnis zum Nationalismus oder gar zum Nationalsozialismus. Einige Männer trugen das offizielle T-Shirt vom "Aktivistenwochenende".

Die Teilnehmer stammen größtenteils aus Baden-Württemberg und Bayern. Sie sind in "Ortsgruppen" der "Identitären" aktiv. Drei Autos trugen Kennzeichen aus der Schweiz. Weitere Autos kamen aus Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Autos der Teilnehmer parkten recht auffällig direkt an der Straße. Auch ein Mercedes mit Gütersloher Kennzeichen stand dort. Allerdings nur am ersten Tag. Denn am zweiten Tag wurde das Auto versteckt. Die Kennzeichen des Autos wurden abmontiert.

Wer auf dem Grundstück zu sehen ist

Die Teilnehmer vom "Aktivistenwochenende" waren nicht alleine im Haus. Am ersten Veranstaltungstag kam Hartmut Klink, der Ehemann der BfG-Bundesvorsitzenden Gudrun Klink aus Ingelfingen, um handwerkliche Arbeiten im Haus zu verrichten. Schon seit einigen Wochen wird das Haus renoviert. Klink, Augenarzt mit einer Praxis in Künzelsau und seit Jahren im BfG aktiv, unterhielt sich mit Teilnehmern der Veranstaltung. Sonnhild Sawallisch, seine Tochter, nahm im Jahr 2016 an einer Aktion der "Identitären Bewegung Schwaben" in Reutlingen teil. Sie ist inzwischen die Geschäftsführerin der BfG-nahen "Lühe-Verlag GmbH".

Was an dem Wochenende passiert

Das Programm der "Aktivistenwochenenden" ist eine Mischung aus Ideologie, Musik und Kampfsport. Nach der Veranstaltung teilten die "Identitären" über ihren Telegram-Kanal mit, man habe die "Grundlagen der Kulturrevolution von rechts" thematisiert. "Kulturrevolution von rechts" ist ein Buchtitel von Alain de Benoist,

Offenbar hielt Philip Thaler, Bundesvorsitzender der "Identitären Bewegung Deutschland", einen Vortrag zum Thema. In den Sozialen Netzwerken schrieb er: "War mir ein Vergnügen". Thaler war Co-Moderator des rechtsextremen YouTube-Kanals "Laut gedacht" und soll 2017 eine internationale Konferenz der rechtsextremen Partei "CasaPound Italia" besucht haben. Dass Thaler im Rahmen des "Aktivistenwochenendes" referierte, ist erstaunlich. Denn an demselben Wochenende fand die "Frühjahrsakademie" des rechtsextremen "Instituts für Staatspolitik" in Sachsen-Anhalt statt.

Wer sind die Gruppen?

In Tutzing am Starnberger See in Bayern hat der rechtsextreme "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." (BfG) seinen Sitz. Er soll laut Behörden einige Dutzend Mitglieder in Deutschland haben. Die BfG-Bundesvorsitzende Gudrun Klink wohnt in Ingelfingen.Der BfG besitzt seit Anfang der 1970er Jahre ein Domizil - das "Jugendheim Hohenlohe" - in Herboldshausen bei Kirchberg an der Jagst. Der Verein ist Teil des bundesweiten Ludendorff-Netzwerks. Das Netzwerk pflegt die "Deutsche Gotterkenntnis". Das ist die antisemitische und rassistische Ideologie Mathilde Ludendorffs (1877 bis 1966) aus den 1920er-Jahren, die sie zusammen mit ihrem Ehemann, dem General Erich Ludendorff, entwickelt hat. Rund 600 Mitglieder soll die rechtsextreme "Identitäre Bewegung Deutschland e.V." (IBD) mit Sitz in Paderborn laut Behörden in Deutschland besitzen. Die "Identitäre Bewegung" stammt aus Frankreich. Sie wurde im Jahr 2012 in Deutschland und Österreich populär.

 

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