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Nach heißer Diskussion: Künzelsauer Gemeinderat vertagt Entscheidung über Kläranlagen-Standort

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Der Künzelsauer Gemeinderat verweigert mit deutlicher Mehrheit der Verwaltung die Abstimmung über den Standort der neuen interkommunalen Kläranlage. Wie es nun weitergeht.

Von Matthias Lauterer
Der Protest von Anwohnern wie hier am Nagelsberger Schloss gegen die geplante Großkläranlage im Kochertal ist groß. Nun reagieren die Stadträte.
Der Protest von Anwohnern wie hier am Nagelsberger Schloss gegen die geplante Großkläranlage im Kochertal ist groß. Nun reagieren die Stadträte.  Foto: Ludwig, Tamara

Es war zu erwarten, dass der Antrag in der Künzelsauer Gemeinderatssitzung am 3. Juni heiß diskutiert würde: Die Verwaltung wollte den Standort für die geplante Großkläranlage der Kommunen Ingelfingen, Künzelsau, Kupferzell und Waldenburg festlegen und auch einige technische Dinge festschreiben.

Zu einschneidend erscheinen vielen Künzelsauern die Pläne des Abwasserzweckverbands (AZV), die neue Anlage in der Kocheraue zwischen Künzelsau und Ingelfingen zu bauen. Die Debatte endet mit einem Paukenschlag: Der Künzelsauer Gemeinderat verweigert mit deutlicher Mehrheit der Verwaltung die Abstimmung über den Standort der neuen interkommunalen Kläranlage – zum jetzigen Zeitpunkt zumindest.

Künzelsauer Stadträte sehen sich nicht in der Lage, dem Kläranlagen-Standort Kocheraue zuzustimmen

So kommt es komplett anders, als von der Verwaltung beabsichtigt. Diskutiert werden weniger technische Einzelheiten wie die Umstellung von der „Kaskaden-Denitrifikation“ auf das modernere und moderat teurere „Membranbiologie-Verfahren“ als das Vorgehen der Planer. Viele Ratsmitglieder fühlen sich uninformiert, „zu spät, zu gedrängt, zu gepresst“ drückt es Rainer Süßmann (Die Freien) aus. Es ist auch nicht die technische Planung, die den Räten die Entscheidung schwer macht: Es ist das Fehlen eines aussagekräftigen Vergleichs mit Alternativvorschlägen.

Einigen Räten ist nicht klar, ob Alternativstandorte überhaupt im Detail gegen die Kocheraue geprüft wurden. Dass andere Standorte, die das Wirtschaftlichkeitsgebot nicht erfüllen, nicht infrage kommen, weil an jenes die Auszahlung von Fördergeldern gebunden ist, erscheint Konsens. Aber ist ein möglicher Alternativstandort, das ehemalige Ziehl-Abegg-Gelände in der Würzburger Straße, überhaupt genauso auf Wirtschaftlichkeit geprüft worden wie die Kocheraue?

Diese Argumente sprechen für einen Alternativ-Standort der Kläranlage

Erhard Demuth (SPD/Grüne) nennt einige Punkte, die für die Alternative sprechen: Hochwasserschutz und Erschließung für den Lkw-Verkehr sei in der Würzburger Straße vorhanden, wegen der bereits bestehenden Kläranlage am anderen Kocherufer mag der Standort den Menschen besser vermittelbar sein, ökologische Gesichtspunkte spielen an dieser Stelle kaum eine Rolle – er hat eine lange Liste.

Bürgermeister Stefan Neumann und Bernd Scheiderer, Leiter der Kün-Werke, setzen Argumente dagegen: Man würde auf Stadtentwicklungsmöglichkeiten an diesem Standort verzichten, die Geruchs- und Lärmbelastung würde mehr Menschen treffen und der Platz würde nicht reichen für beide Bereiche: Klärwerk und Kanalisation. Einen Vergleich der Wirtschaftlichkeit in nackten Zahlen scheint es jedoch nicht zu geben. „Es müsste halt gerechnet werden“, meint Demuth.

Nur ein Ratsmitglied spricht sich uneingeschränkt für die Kocheraue aus: Das sind seine Gründe 

Der einzige, der sich uneingeschränkt für die Kocheraue ausspricht, ist Ralf Werner (CDU): Er sei sein ganzes Leben Kläranlagenbauer, die Verwaltung habe alles getan, um die Bürger nicht zu sehr zu belasten: „Ich find’s, wie vorgeschlagen, in Ordnung.“ Für die Förderung müsse der Vorschlag der wirtschaftlichste sein. Boris d’Angelo (UBK) bleibt misstrauisch: „Damals bei der Künsbachverdolung ging es auch nur in eine Richtung.“

Sein Fraktionskollege Felix Bittner sieht sich schwerlich in der Lage, in diesem 20 Jahre laufenden Prozess jetzt eine objektive Entscheidung zu treffen.   Bürgermeister Neumann weist darauf hin, dass es zu einem Jahr Verzögerung kommen werde, wenn der Förderantrag nicht zum 1. Oktober gestellt werde: „Es gibt jedes Jahr nur diesen einen Termin im Herbst.“

Was im Gegenantrag steht – und mit welchem Ergebnis der Rat ihm zustimmt

Es wird erkennbar, dass manche Räte sich mit diesem Jahr Verzögerung anfreunden können, wenn dadurch eine sichere Entscheidung herbeigeführt wird. Claus Henne (Die Freien) stellt den Antrag, die Abstimmung zu verschieben auf die nächste Sitzung, die für den 1. Juli, also einen Tag vor der Sitzung des AZV, terminiert ist. Bis dahin möge die Verwaltung eine möglichst detaillierte Liste von Vor- und Nachteilen des Alternativstandorts vorlegen. „Wenn dann rauskommt, der Standort ist nichts, dann ist das so. Aber dann können wir den Bürgern in die Augen schauen“, begründet er seinen Antrag. Er wird mit 17 Ja- und drei Nein-Stimmen angenommen.

Bürgermeister Neumann hatte noch argumentiert, Künzelsau als Standortgemeinde solle bei den Beschlüssen vorangehen – jetzt wird Künzelsau als letzte der vier Kommunen des AZV über den Standort abstimmen. Möglicherweise wird es auch eine Diskussion darüber geben, ob der Gemeinderat seine Beschlusshoheit wirklich an die anderen Mitglieder im AZV abgeben möchte. Es bleibt spannend, denn wenn sich die Räte für die Verschiebung entscheiden sollten, wäre die Kläranlage auch im Bürgermeisterwahlkampf 2026 Thema.

Seit mehr als 20 Jahren ist das Thema einer großen zentralen Kläranlage am Kocher in verschiedenen kommunalen Konstellationen schon akut. Auch weitere Kochertal-Gemeinden waren an der Planung bereits beteiligt. Jetzt liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, in der Kocheraue unterhalb Künzelsaus eine Anlage für Ingelfingen, Künzelsau, Kupferzell und Waldenburg zu errichten. Elf Ingenieurbüros, vier Kommunalverwaltungen, das Landratsamt und das Regierungspräsidium waren beteiligt, um die wirtschaftlichste Anlage zu planen, denn Fördergelder – man rechnet mit 40 Prozent der Projektsumme, die im dreistelligen Millionenbereich liegt – gibt es nur beim Nachweis, dass der Vorschlag unter allen Alternativen der wirtschaftlichste ist.

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