Gegründet wurde die Lebenswerkstatt 1967: damals noch unter dem Namen Beschützende Werkstätte. Heute arbeiten mehr als 2000 Menschen mit und ohne Behinderung für den Verein. Damit zählt er zu den Top-20-Arbeitgebern in der Region Heilbronn-Franken. Rund 1400 Menschen mit Behinderung nutzen die über 40 Angebote der Lebenswerkstatt, die Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg ist. Den Standort Öhringen gibt es seit 2017. Dazu kaufte der Verein Produktionshallen der Firma Eheim.
Klimakonzept der Öhringer Lebenswerkstatt soll Schule machen
Das Bundesumweltministerium fördert die Produktionswerkstätte für behinderte Menschen in Öhringen. Der Verein Lebenswerkstatt kann mit dem Geld nach Lösungen suchen, um den Hitze- und Starkregenschutz zu verbessern. Das Leuchtturmprojekt soll auf andere Bereiche abstrahlen.

Es wird immer heißer, es regnet immer stärker, das Wetter wird insgesamt immer extremer. Das bekommen auch und vor allem Personen zu spüren, die in älteren und schlecht isolierten Produktionshallen arbeiten. So wie am Öhringer Standort der Lebenswerkstatt: einem Verein, der Menschen mit Behinderung beschäftigt. Sie leiden ganz besonders unter sommerlicher Hitze und Produktionsausfällen, wenn etwa Wasser in die Gebäude eindringt.
Lebenswerkstatt bekam als einzige soziale Einrichtung in der Region den Zuschlag
Das Problem ist so groß geworden, dass dringend etwas passieren muss, um die negativen Folgen des Klimawandels abzumildern. Also beschloss die Lebenswerkstatt: Wir stricken ein „Klimaanpassungskonzept“. Dabei stießen sie auf ein Förderprogramm des Bundesumweltministeriums, das genau passte. Sie bewarben sich und bekamen den Zuschlag: als einzige Einrichtung im Gesundheits-, Pflege- und Sozialsektor in der Region Hohenlohe-Heilbronn. Genau für diese Bereiche ist die Förderrichtline namens „AnpaSo“ gedacht.

71 Beschäftigte erledigen einfachere Auftragsarbeiten
Am Dienstag überreichte die Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter die Förderurkunde in der Friedrichsruher Straße 25, wo die Lebenswerkstatt seit 2017 in den Hallen der ehemaligen Firma Eheim ihre Heimstatt hat. Exakt 58 144 Euro fließen nach Öhringen, um ein Konzept zur Klimaanpassung zu entwerfen, das genau auf diesen Produktionsstandort zugeschnitten ist. Die 71 Beschäftigten erledigen dort einfachere Auftragsarbeiten hiesiger und auswärtiger Firmen. Sie montieren, verpacken und schreinern, unter anderem für Gemü, Envases oder Klafs.
Provisorische „Klimazonen“ reichen nicht mehr aus
„Wir haben hier viel Teer- und wenig Grünfläche“, sagt Fabian Treffert, Bereichsleiter für die Landkreise Hohenlohe und Heilbronn. „Wenn es im Sommer an zuletzt 15 Hitzetagen draußen über 35 Grad hat, bekommen wir die Auskühlung in der Werkstatt einfach nicht mehr hin.“ Provisorische „Klimazonen“ in der Mensa und Schreinerei seien nur Stückwerk, „uns fehlt bisher die Möglichkeit des großen Wurfs, um unseren Beschäftigten auch unter solchen extremen Bedingungen einen würdigen Arbeitsplatz zu sichern“.
Bundesumweltministerium arbeitet an nationalem Klimaschutzprogramm
Ganz bewusst habe sich das Bundesumweltministerium in seiner Förderpolitik entschieden, mit der Förderung „bei sozialen Einrichtungen“ anzufangen, erklärt Rita Schwarzelühr-Sutter. Ihr Ministerium arbeite gerade an einem umfassenden Klimaschutzprogramm für Deutschland, parallel dazu brachte es das Programm „AnpaSo“ auf den Markt, für dessen ersten Förderschwerpunkt – die Konzepterstellung – bundesweit rund 3,2 Millionen Euro und in Baden-Württemberg 359 106 Euro bereitstehen.
Leuchtturmprojekt soll auf andere Bereiche abstrahlen
Das Öhringer Vorhaben ist ein Leuchtturmprojekt, dessen „Strahlkraft“ im besten Fall mannigfache Nachahmer finden soll. „Solche Produktionshallen, wie wir sie hier haben, sind in den 70er und 80er Jahren zehntausendfach gebaut worden“, sagt Olaf Schoo, der die Bauvorhaben der Lebenswerkstatt steuert. Die Erkenntnisse des lokalen Konzepts zur Klimaanpassung könnten also in vielfältiger Weise andernorts potenziert werden – auch in der ganz normalen mittelständischen Wirtschaft. Diese Breitenwirkung zu entfachen ist ein Hauptbestandteil von „AnpaSo“.
Beim Rundgang wird schnell klar, wo der Schuh drückt
Der Prozess startet Anfang März 2026 und muss Ende Februar 2027 beendet sein. Dann kann sich die Lebenswerkstatt erneut bewerben für den zweiten Förderschwerpunkt: die konkrete Umsetzung des Konzepts.Beim Rundgang durch die Werkstattgebäude wird schnell klar, wo der Schuh drückt. Blechfassaden und Blechdächer bieten viele Angriffsflächen. Die pralle Mittagssonne trifft große Fensterfronten und lange Lichtkuppeln, auf den flachen Dächern staut sich das Wasser, wenn es stark regnet. Auf dem gesamten Areal fehlen Bäume und Büsche. Solche kühlenden Schattenspender müssen auf jeden Fall her. Denn ein Schwerpunkt des Förderprogramms liegt auf „naturbasierten“ Lösungen.
Das steckt hinter dem Verein Lebenswerkstatt
Die Lebenswerkstatt ist ein großes diakonisches Sozialunternehmen der Behindertenhilfe in der Region Heilbronn-Franken. „Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen mit Behinderung mitten in der Gesellschaft leben, wohnen und arbeiten können – ganz selbstverständlich und so, wie sie es sich vorstellen“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Dabei sind uns drei Grundideen besonders wichtig: Teilhabe, Selbstbestimmung und Individualität.“ Standorte mit Arbeitsstätten, Berufsbildungsbereichen, Fördergruppen und Wohngruppen gibt es in Bad Friedrichshall, Crailsheim, Heilbronn, Ingelfingen, Künzelsau, Öhringen, Schwäbisch Hall, Talheim und Lauffen. Die Zentrale samt Verwaltung ist in Heilbronn-Böckingen.

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