Immer mehr Kinder scheitern an der Sprache und in der Grundschule
Das Land will Betroffene in Fördergruppen und Juniorklassen für den Unterricht ab der ersten Klasse fit machen. Wie wird das Konzept bis 2029 in Hohenlohe ausgerollt?

Lesen, schreiben, sprechen: Immer mehr Kinder tun sich damit äußerst schwer. Dabei „ist Sprache die Schlüsselkompetenz in der Bildung“, sagt Antje Rother vom Staatlichen Schulamt Künzelsau. Viele junge Menschen ließen diese vermissen, „was mit ein Grund dafür ist, dass sie die normale Grundschule schon gar nicht schaffen“.
Das Förderkonzept ruht auf fünf Säulen
Weil die Defizite so gravierend sind, rollt das Land ein Förderkonzept aus, das es in dieser Form und Größe noch nicht gegeben hat. Es heißt „Sprach-Fit“ und ruht auf fünf Säulen. Die erste setzt direkt vor der Einschulung an: also im letzten Kindergartenjahr. Sie ist im Schuljahr 2024/25 bereits angelaufen. Im Hohenlohekreis gibt es derzeit 16 Sprachfördergruppen an zwölf Grundschulen in Öhringen, Künzelsau, Kupferzell, Bretzfeld, Waldenburg, Krautheim, Dörzbach, Mulfingen und Schöntal. Im Bereich des Schulamts Künzelsau, das auch die Kreise Schwäbisch Hall und Main-Tauber umfasst, sind es 56 Gruppen an 46 Grundschulen und Kitas. Die Förderung ist in beiden Einrichtungen möglich.
Start und Ziel des Programms
Im Start-Schuljahr 2024/25 gab es im Land 347 Gruppen, im laufenden Schuljahr 2025/26 wurde die Zahl auf rund 1000 erhöht. Im Schuljahr 2026/27 sollen sie auf 2000 verdoppelt werden und im Endausbau 2027/28 auf 4200 gestiegen sein. Dann wird die Teilnahme verpflichtend, derzeit wird sie empfohlen.
Nach der Sprachförderung in die Juniorklasse?
Was passiert, wenn diese Sprachförderung im Umfang von vier Wochenstunden nicht fruchtet? Dann können sprachlich schwache Schüler ab dem Schuljahr 2026/27 in den Grundschulen weiter gefördert werden: vor allem in „Juniorklassen“, die als „zusätzliches Jahr der Förderung auf den Bildungsgang der Grundschule“ vorbereiten, aber auch in zusätzlichen Sprachförderstunden in Klasse 1 und 2, wenn eine Zuweisung in die Juniorklasse nicht nötig ist oder nach deren Besuch weiterhin Förderbedarf besteht. Selbst in Klasse 3 und 4 sollen solche Kurse noch möglich sein – sowie „durchgängige“ Sprachbildungsangebote. Dies ist die zweite Säule des „Sprach-Fit“-Konzepts. 832 Juniorklassen sollen in Baden-Württemberg bis zum Schuljahr 2028/29 ausgerollt und verpflichtend sein. 25 Wochenstunden sind veranschlagt, zwölf bis 20 Schüler bilden eine Gruppe.
„Eine Stunde Busfahrt ist zumutbar“
Bestehende Grundschulförderklassen werden ab 2026/27 in die Juniorklassen überführt. Antje Rother schätzt, dass es für den Schulamtsbezirk Künzelsau am Ende „29 bis 35 Juniorklassen“ gibt. Es würden Zentren gebildet an bestimmten Standorten, „damit alle Kinder erreicht werden können“, selbst wenn sie dafür längere Anfahrtswege in Kauf nehmen müssten. „Eine Stunde Busfahrt ist hier zumutbar“, sagt Rother.
Beide Säulen sind noch „mit heißer Nadel gestrickt“
Die Schulrätin kündigt an, auf eine „gerechte Verteilung“ zu achten, doch am Ende orientiere sich die Wahl der Schulstandorte eher am örtlichen Bedarf. Rother gibt zu, dass die konkrete Umsetzung in beiden Säulen noch „mit heißer Nadel gestrickt und mit vielen Fragezeichen behaftet ist“. Das fängt bei der Standortfrage an und hört beim Personal auf. Denn Pädagogen sind schon im normalen Schulbetrieb immer dünner gesät. Von wem sollen diese Zusatzaufgaben dann gemeistert werden? Das fragen sich viele.
Auswahl und Finanzierung
Wer wählt die Kinder aus? Entscheidend sei die „Einschulungsuntersuchung“ (ESU). Bestehe ein „Sprachförderbedarf“, wird die Schulleitung aktiv. Zunächst ist die Teilnahme freiwillig, ab 2027/28 wird sie zur Pflicht. Was ist mit der Finanzierung? „Endgültig beschlossen“ sei noch nichts, sagt Rother, „pro Kind sollen 360 Euro pro Jahr zur Verfügung stehen“. Hinzu kämen Sachkosten von 200 Euro sowie 1000 Euro für „pädagogisches Personal und Lehrerwochenstunden“ pro Kind, „gedeckelt auf 8000 Euro pro Fördergruppe“. Die durchschnittliche Gruppengröße soll zwischen vier und zwölf Kindern liegen.
Weshalb es Hilfe von außen braucht
„Der gesamte Prozess ist noch im Aufbau“, erklärt Rother. „Da gibt es schon noch einige Stolpersteine, ohne sich deshalb von diesem Weg abbringen zu lassen.“ Klar ist: Es gebe schon heute zu wenige Grundschullehrer. „Deshalb braucht es Hilfe von außen.“ Das Ziel sei, 60 Prozent des Förderangebots mit staatlichen Lehrkräften und 40 Prozent mit externen pädagogischen Fachkräften zu stemmen. Erzieherinnen seien aber tabu, „um nicht in Konkurrenz zu den Kitas zu treten“, die ebenfalls unter Personalmangel leiden. Geeignet seien Lehrkräfte mit erstem Staatsexamen, „die schon fit sind und vom Land unbefristete Verträge erhalten könnten“.
„Auf den Anfang kommt es an“
„Sprach-Fit“ wirbt mit dem Label: „Auf den Anfang kommt es an.“ Als das Sprachförderkonzept vorgestellt wurde, sagte Kultusministerin Theresa Schopper: „Wir etablieren damit eine neue Kultur des Hinschauens am Anfang der Schullaufbahn.“ Sprachschwachen Schülern soll so früh wie möglich geholfen werden, damit sie im normalen Grundschulunterricht nicht ins Schleudern geraten.
Modell basiert auf bestehenden Förderkonzepten
Das Fünf-Säulen-Modell des Kultusministeriums basiert auf bestehenden Förderkonzepten in Baden-Württemberg, die weiter gestärkt und vernetzt werden: „Schulreifes Kind“ (seit 2006), „Sprach-Kitas“ (seit 2016), „Lernen mit Rückenwind“ (seit 2021) und „Multiprofessionelle Teams“ (seit 2023).
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