Helfer vor Ort: Hohenloher Einsatzkräfte uneins bei neuen Regelungen
Es ist eine Kontroverse in der Einsatzkräfte-Szene: Die neuen Einsatzstichworte für die ehrenamtlichen Helfer. Auch eine oft geteilte Petition hat dazu beigetragen. Hohenloher DRKler ordnen den Katalog ein.

Am kritischsten ist wohl ein Motorradunfall. „Kein Laie traut sich, dem Fahrer den Helm abzunehmen“, sagt Jörg Deuser. Er ist Vorsitzender des Oberkessacher DRK-Ortsverbands. Er ist ein Helfer vor Ort (HvO) und damit einer der Ehrenamtlichen, die bei einem Notfall von der Rettungsleitstelle alarmiert werden. Sie greifen aus der direkten Umgebung, von ihrem Wohn- oder Arbeitsort aus, ein – und sind schneller am Einsatzort als Rettungskräfte. Nach neuen Richtlinien des Landes Baden-Württemberg werden die HvO im ganzen Land jetzt nur bei bestimmten Einsätzen alarmiert. Zu diesem Katalog mit sogenannten Einsatzstichworten gehört der Verkehrsunfall nicht mehr. Es ist die wohl am kontroversesten diskutierte Vokabel.
Aber die ganze Liste verärgert Deuser: „Wir haben Sauerstoff, eine Vakuummatratze und einen Defibrillator dabei“ – bei manchen Einsätzen komme es auf die Zeit an, „da kann vieles schnell zu spät sein“. Und selbst wenn die Helfer keine diagnostische oder therapeutische Hilfe leisten können: „Es hilft auch einfach, wenn wir da sind und die Situation beruhigen.“
Helfer vor Ort sollen besser geschützt werden durch Katalog
Eher funktional sieht Kai Schlecht die Aufgabe der Helfer vor Ort. Er ist der stellvertretende Kreisverbandsleiter des DRK, der die HvO im Hohenlohekreis koordiniert. Die „große Überschrift“ sei, eine „Möglichkeit zu schaffen, um die Zeit zu überbrücken, wenn absehbar ist, dass ein Einsatzfahrzeug länger braucht“. Die Kriterien, nach denen die Helfer bislang alarmiert wurden, seien von den Verantwortlichen der Helfer-Gruppen in den Kreisen festgelegt worden. Dass sie landesweit geregelt werden, ist für Schlecht eine „logische Konsequenz“. Denn einheitliche Kriterien gibt es nun auch für Leitstellen, Rettungsdienst und Notärzte. „Was für die gilt, soll auch für die gelten, die ihnen zuarbeiten.“
Bei diesen Neuerungen sei der Schutz der Helfer mehr in den Fokus gestellt worden, erklärt Kai Schlecht. Dadurch sei das Einsatzstichwort „Verkehrsunfall“ aus dem Katalog genommen worden. Er hält die Argumentation für schlüssig. „Die Helfer sind nicht grundsätzlich mit Fahrzeugen unterwegs, die eine Signalanlage oder die Beklebung haben.“
Spenden für neues Fahrzeug gesammelt – aber seltenere Einsätze
Die Oberkessacher Helfer haben aber ein solches Fahrzeug, betont Deuser – und sie wollen seit einiger Zeit einen neuen Wagen anschaffen. Deswegen kommt die neue Regulierung für die Schöntaler zur Unzeit. Denn das Auto samt Ausstattung koste 160.000 Euro, sagt Deuser. Der Ortsverein hat um Spenden geworben, bei Firmen wie bei Privatmenschen. „Von den Menschen in Oberkessach haben wir 16.000 Euro bekommen.“ Die Spendenbereitschaft sei groß. „Aber da entsteht eine Erwartungshaltung.“
Doch schon im vergangenen Jahr sind die Hohenloher HvO zu weniger Einsätzen gefahren. Früher seien die Oberkessacher Kräfte zu etwa 70 Einsätze im Jahr gefahren. Im Jahr 2025 seien es noch 24 gewesen. „Die Leute spenden Geld, und dann kommen wir seltener. Die machen meine Mitglieder rund“, stutzt Deuser. Aber auch so hält er die Zahl für zu klein: „Bei den 70 Einsätzen waren vielleicht mal zehn Lappalien dabei.“
Hohenlohe hatte bereits Stichwort-Katalog reduziert
Grund für die selteneren Einsätze in Hohenlohe ist, dass der Kreisverband die Einsatzstichworte bereits selbst vor einem Jahr „evaluiert“ und angepasst hat, berichtet David Dietrich, der als Kreisbereitschaftsleiter für die Helfer vor Ort zuständig ist. Von mehreren HvO-Alarmierungen am Tag ist die Zahl auf wenige pro Woche geschrumpft. „Wir wollen nicht unnötig alarmieren, zum Beispiel mitten in der Nacht“, sagt Dietrich – das sei ein Feedback von Ehrenamtlichen gewesen.
„Bei einem akuten Bauchschmerz – oder „akuten Abdomen“ wie das Stichwort heißt – zum Beispiel könne der HvO nichts machen. Das Stichwort „Verkehrsunfall“ allerdings haben die Hohenlohe im Katalog behalten. „Die Argumentation habe ich nicht ganz verstanden.“ Denn im DRK gebe es bundesweit eine verbindliche Schutzausrüstung, „die den höchsten Standards bei der Sichtbarkeit entspricht“. Dietrich bemängelt: „Jetzt steht der akute Abdomen wieder im Katalog, aber der Verkehrsunfall nicht“. Dennoch habe man den Katalog nun so umgesetzt, wie es das Land vorschreibt.
Stichworte sollen überarbeitet werden
Doch inzwischen hat das Land reagiert – wohl auch wegen einer Petition, die mittlerweile von mehr als 45.000 Menschen unterschrieben wurde. Die Einsatzstichworte, die landesweit gelten, sagt Dietrich, seien Mindeststandards, die angepasst werden können. Gemeinsam mit dem Landratsamt, der Leitstelle und dem Innenministerium wolle man nun an der Liste arbeiten, sagt Dietrich.
„Mir wäre es am liebsten, wir würden bei jedem Einsatz alarmiert“, wünscht sich der Oberkessacher Jörg Deuser, „und dann entscheidet der Helfer selbst, ob er losfährt“. So weit wird es allerdings wohl nicht kommen.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare