Der Hebammenhilfevertrag der GKV und seine Anlagen regeln, nach welchen Voraussetzungen freiberufliche Hebammen Leistungen erbringen und mit den Krankenkassen abrechnen dürfen.
„Könnte heulen“: Öhringer Hebamme spricht über Bürokratie-Frust
Die Kritik am Hebammenhilfevertrag reißt nicht ab. Das Hohenloher Krankenhaus in Öhringen hat die bisherigen Freiberuflerinnen in Angestelltenverhältnisse übernommen. Doch die Bürokratie frustriert.
Der Hebammenhilfevertrag, der im November 2025 in Kraft trat, sollte Verbesserungen für Geburtshelferinnen und werdende Mütter bringen. Stattdessen hagelte es zahlreiche Kündigungen von Beleghebammen, also freiberuflichen Hebammen, die in Kliniken in Baden-Württemberg tätig waren. Von einer „Schikane der Kassen“ und „wahnsinnigem Bürokratieaufwand“ ist die Rede. Der GKV-Spitzenverband sieht das anders.
Als eines der ersten Kliniken im Land hat das Hohenloher Krankenhaus reagiert. Dort wechselte mit dem neuen Jahr das gesamte Team der bisher freiberuflichen Öhringer Hebammen einvernehmlich in die Anstellung, wie das Klinikum kürzlich mitteilte. Das vorherige Belegsystem wurde aufgegeben. Doch die Bürokratieflut durch die Kassen sorgt bei Geburtshelferinnen für Frust.
Öhringer Hebamme empört über Bürokratie im Kreißsaal
Stein des Anstoßes ist die neue Gebührenordnung und das Abrechnungssystem, das eine minutiöse Dokumentation erfordert. „Das bildet die Realität in einem Kreißsaal überhaupt nicht ab“, sagt etwa eine Öhringer Hebamme, die namentlich nicht genannt werden möchte. Während einer Geburt, die Konzentration und Reaktion erfordert, Stift und Papier zu zücken und dabei sauber und ohne Rechtschreibfehler zu dokumentieren? „Unmöglich.“ Das bestätigen weitere Hebammen aus der Region, mit denen die Stimme gesprochen hat.

„Seit November achten die Krankenkassen penibel bis schikanös auf die Abrechnungen“, sagt Ruth Hofmeister, 1. Vorsitzende des Hebammenverbandes Baden-Württemberg, auf Stimme-Nachfrage. Verschreibe sich eine Hebamme im Datum oder streiche sie einen Fehler durch, werde der ganze Bogen ungültig. Reihenweise würden Leistungen gekürzt. „Das ist ein wahnsinniger Druck.“
Um eine korrekte Dokumentation gewährleisten zu können, würden sich viele Hebammen mit eigenen Zetteln behelfen, die Rechtschreibfehler in stressigen Situationen verzeihen. Das korrekte Nachtragen im Bogen verlagere sich anschließend in den Feierabend. „Man könnte heulen bei dem Zettel“, schimpft die Öhringer Hebamme.
Hebammen wollten sich GKV-Vorschlägen offenbar „nicht anschließen“
Was sagt der GKV-Spitzenverband dazu? „Viele Gebührenpositionen wurden zusammengefasst, was den Dokumentationsaufwand senkt“, teilt ein Sprecher mit. Seitens der Hebammen habe „ein deutlicher Wunsch nach einer einzelfallgerechten Abrechnung“ bestanden.
„Die Kassenseite hatte mehrere Vorschläge gemacht, die deutlich einfacher abzurechnen und zu dokumentieren gewesen wären“, heißt es. Die Hebammenverbände hätten „sich diesen Vorschlägen nicht anschließen“ wollen.
Kündigungen von Beleghebammen in Baden-Württemberg
Doch nicht nur die Bürokratie frustriert die Geburtshelferinnen. Viele Beleghebammen kündigten mit Einführung des neuen Vergütungssystems ihre Verträge mit den Kliniken, wie Hofmeister berichtet. Denn seither verdient eine Hebamme mehr Geld, wenn sie sich ausschließlich um eine Schwangere kümmert. Betreut sie mehrere gleichzeitig, gibt es weniger Geld pro Geburt.
Hofmeister vom Hebammenverband hält die Regelung für realitätsfremd. Es sei unkalkulierbar, ob oder wie viele Frauen in einer Schicht entbinden oder akute Hilfe bräuchten. Die neue Form der Vergütung würde Belegteams vor „existenzielle Herausforderungen“ stellen.
Der GKV-Spitzenverband teilt mit, dass sie Bedenken und Sorgen der Hebammen „sehr ernst“ nehme. Beide Seiten, sowohl der Hebammenverband als auch die GKV, stellen den Sachverhalt so dar, als würde sich die jeweils andere Stelle gegen Verbesserungsvorschläge sperren.
Hohenloher Krankenhaus kam Hebammenteam entgegen – „alle mitgezogen“
Die Geburtshelferin aus Öhringen sei nach mehr als 30 Jahren Selbstständigkeit als Beleghebamme „schweren Herzens“ ins Angestelltenverhältnis gewechselt. „Das Belegsystem war ein gutes System, weil wir uns selber organisieren konnten.“ Die Freiberuflichkeit habe den Frauen die Möglichkeit gegeben, viel zu gestalten und flexibel zu arbeiten. Das allerdings habe der Hebammenhilfevertrag „zunichte gemacht“.
Das Hohenloher Krankenhaus sei dem Hebammenteam gut entgegengekommen. „Alle, die da sind, lieben ihre Arbeit und haben mitgezogen“, sagt sie. Es sei dem Team wichtig gewesen, die hohe Qualität der dort ansässigen Geburtshilfe zu erhalten. Die Hebamme habe aber „keine Hoffnung mehr“, dass die Kassen ihnen entgegen kommen. Die Regierung müsste stattdessen „das System neu überarbeiten“.
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