Häusliche und sexuelle Gewalt an Frauen: Zahl der Fälle im Hohenlohekreis steigt
Immer mehr Frauen werden Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt. Seit 2020 gibt es im Hohenlohekreis ein mobiles Team, das sich um Betroffene kümmert. Das Angebot hat sich bewährt und kann fortgeführt werden.

Immer mehr Frauen werden Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt. Um Betroffenen beizustehen, gibt es seit 2020 im Hohenlohekreis ein mobiles Team der Fachberatungsstelle und des Frauenhauses. Beides wird getragen vom Albert-Schweizer-Kinderdorf. Das Angebot hat sich bewährt und kann 2025 und 2026 fortgeführt werden. Es kostet 60.000 Euro pro Jahr. 28.000 Euro zahlt das Land, 11.000 Euro der Träger und 21.000 Euro der Landkreis. Der zuständige Kreistagsausschuss votierte im Oktober einstimmig dafür, die Förderung zu verlängern.
Helferin aus dem Hohenlohekreis: Frauenhaus ist für viele keine Option
Mechthild Andres arbeitet seit 15 Jahren im Frauenhaus. Sie tut dies nun 20 Stunden pro Woche mobil und erreicht mit ihren Kolleginnen dadurch viel mehr Bedrohte als früher. „Das Frauenhaus ist für viele keine Option“, sagt sie. „Sie brauchen andere Hilfen.“ Die mobile Variante macht für sie am meisten Sinn. Denn: „Die allermeisten Frauen wollen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben.“ Deren Wohnorte seien so schnell und direkt mit dem Auto erreichbar. „So ist auch ganz kurzfristig Hilfe möglich.“
Es sei oft „das erste Mal, das Frauen uns von ihrem Leidensweg erzählen“. Sie öffneten sich und schöpften Vertrauen, statt sich in „Scham und Isolation“ zurückzuziehen.
Angebot im Hohenlohekreis kommt so gut an, dass es auch nach Corona weitergeht
Von Januar bis September 2024 erreichte das Team auf diese Weise 80 Frauen. 2023 waren es 77, im Jahr 2022 insgesamt 50 und zwischen November 2020 und Dezember 2021 sogar 115. Die Corona-Pandemie hatte die Problemlage nochmals verstärkt. Als Antwort darauf lancierte das Land diese Form der „aufsuchenden und niederschwelligen“ Hilfen. Und das Angebot kam so gut an, dass es auch nach Corona Bestand hat.
Gewalt gegen Frauen: Weiterhin sehr hohe Dunkelziffer
„Die Intensität und Dringlichkeit der Fälle schwankt stark“, sagt Andres. Genauso wie die Länge der Beratungen zwischen einem und vier Monaten. In Einzelfällen müssen die Beraterinnen nach fünf bis sieben Monaten erneut Kontakt aufnehmen. „Betroffen sind Frauen aus allen Bildungsschichten, allen Alters, mit und ohne Kinder“, erklärt Andres. Die Dunkelziffer sei weiterhin „sehr hoch“. Verstärkte Öffentlichkeitsarbeit könne helfen, noch mehr Fälle ans Licht zu bringen.
Polizei baut stark auf die Unterstützung des mobilen Teams
Enorm wichtig sei, die mobilen Beratungen in ein festes Netzwerk weiterer Helfer einzubetten, etwa „Jobcenter und Ärzte, Jugendamt oder Polizei“. Vor allem die Zusammenarbeit mit den Ordnungshütern sei enorm wichtig, so Andres. Dies bestätigt und bekräftigt CDU-Kreisrat Stefan Buchholz, der Polizist ist und im Kreistagsausschuss seine Sicht der Dinge schildert.
Die Polizei kümmert sich selbst „proaktiv“ um Betroffene. Nur: „Die Erstaufnahme ist sehr zeitintensiv.“ Vieles bleibe anfangs noch im Verborgenen und komme erst später nach und nach zum Vorschein. Das mobile Team des Frauenhauses sei deshalb ein „unerlässlicher Baustein, um dieser Situation gerecht zu werden“.
Die meisten Frauen haben Angst, ohne den Mann nicht weiter existieren zu können
Buchholz weiter: „Die größte Herausforderung für die Polizei ist es, den Frauen Möglichkeiten aufzuzeigen, außerhalb der Männerperspektive eine Existenz zu finden. Das ist der absolute Knackpunkt und erfordert viel Überzeugungsarbeit.“ Viele Frauen zögen ihre Anzeigen wieder zurück, „weil sie Angst haben, nicht weiter existieren zu können“.
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