Weinfest für Wanderer

Gäwele-Tour bei Öhringen: Echte Tropfen für echte Typen

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Welche Menschen trifft man auf Wein-Wandertouren? Die HZ hat auf der Gäwele-Tour in Michelbach bei Öhringen einige Originale entdeckt - andere aber leider vermisst

Die vier fröhlichen Witwen Waltraud, Irene, Margarete und Gerda machen am Vatertag ihr eigenes Ding. Sie können nicht mehr so wandern wie früher, genießen aber trotzdem gerne Bewegung, Geselligkeit und Wein.
Die vier fröhlichen Witwen Waltraud, Irene, Margarete und Gerda machen am Vatertag ihr eigenes Ding. Sie können nicht mehr so wandern wie früher, genießen aber trotzdem gerne Bewegung, Geselligkeit und Wein.  Foto: Büchele, Torsten

Wanderer und Weinzähne strömen am Auftakttag der Gäwele-Tour in die Michelbacher Weinberge. Auf zwei Bergrücken mit fantastischer Aussicht über die Rebzeilen runter auf den Ort haben die lokalen Weingüter Breuninger, Zendler und Dieroff sowie die Brennerei Ickert bis Samstag Stände aufgebaut, die man erwandern kann. Auch Petrus hat keine Lust auf Schorle: Hat es in der Nacht noch geschüttet, ziehen pünktlich zur Eröffnung die Wolken auf zur Wein-Wandertour.

Die echten Wanderer absolvieren ein paar Höhenmeter tiefer und von den Wegen der Gäweletour getrennt ihre sechs Kilometer beim IVV-Wandertag. Daher stellt sich die Frage: Was ist ein typischer Weinwanderer? Wir stellen einige markante Typen vor, die heute auf Tour sind.

Honoratioren haben auch Bedürfnisse

Der Weg hinauf braucht Zeit und Kraft. Auch deshalb sind am späten Vormittag die geladenen Gäste noch in der Mehrzahl. Für Oberbürgermeister Thilo Michler, Herausforderer Patrick Wegener und Landtagskandidat Anton Baron hat der Wahlkampf begonnen. Auch mehrere Stadträte lassen ihre Einladung nicht verfallen – schließlich seien auch für sie „Essen und Trinken zutiefst menschliche Bedürfnisse“, wie Wegener beteuert. Die vor vier Wochen gewählten Hohenloher Weinhoheiten Simela Koyunseven und Luna Dietle haben die Ehre, den alten Gäwele kennenzulernen. Jener 200 Jahre alte und zur Legende gewordene Oberförster ist freilich nicht persönlich zugegen, aber die Hauptperson mehrerer Begrüßungsreden. Angeblich konnte er am Pfeifen von Wind und Wildtieren erkennen, wo der beste Wein wächst. Ortsvorsteher Rainer Dieroff steigt zur Rede auf einen Betonklotz, steht nun selbst im Wind und erkennt wie der Held der Geschichte: Den besten Tropfen hab ja ich. Flugs bekommt der OB den gleichen ins Glas und stößt damit vorab gleich dreimal an, bevor er das Fest überhaupt eröffnet.

Für Ronny Geist, seine Frau Caroline und Pia (von rechts) ist der Vatertag ein Familientag - und zwar schon immer und ganz selbstverständlich.
Für Ronny Geist, seine Frau Caroline und Pia (von rechts) ist der Vatertag ein Familientag - und zwar schon immer und ganz selbstverständlich.  Foto: Büchele, Torsten

Wie aus dem Vatertag ein Familientag wird

Ihren ersten Stopp bei Breuninger machen die beiden Michelbacher Ronny Geist und seine Frau Caroline. Er trägt voller Stolz ein T-Shirt des neuen Fußballpokalsieger VfB, sie schiebt den Kinderwagen. Tochter Pia ist zwei Jahre alt und trinkt folgerichtig noch keinen Wein. Doch machen diese kleinen Menschen einen großen Teil des Publikums an den Ständen aus. Junge Familien mit kleinen Kindern stellen gegen Mittag die Mehrheit. Für sie ist der Vatertag ein Familientag – und für Ronny Geist ist das selbstverständlich: „Noch nie habe ich den Tag ohne meine Familie verbracht. Das ist mir sehr wichtig.“ Seinen reinen Männer-Moment hatte er ohnehin unter der Woche, als er den VfB Stuttgart im Stadion in Berlin siegen sah. Heute ist der Boller- ein Kinderwagen, und statt Bierkästen liegen darin Ersatzkleidung und Pampers – und später dann zum Mittagsschlaf die Pia. Erstmal gibt’s aber Schmalzbrot und Käse am Stand von Breuninger und einen Roten ins Glas. Und für Pia? „Hab ich gleich am ersten Stand eine Flasche Wasser gekauft." Denn nicht einmal Traubensaft trinkt die Kleine: „Saft ist bäh!“, bekennt die Gänsewein-Genießerin.

Für Kinder sind die Weinberge ein Abenteuerspielplatz. Tatsächlich machen Familien mit jungen Kindern gegen Mittag den Großteil des Publikums aus.
Für Kinder sind die Weinberge ein Abenteuerspielplatz. Tatsächlich machen Familien mit jungen Kindern gegen Mittag den Großteil des Publikums aus.  Foto: Büchele, Torsten

Fröhliche Witwen feiern den Vatertag auf besondere Art

Das darf Winzer Klaus Zendler aber nicht hören. An dessen Stand haben sich Waltraud, Irene, Margarete und Gerda niedergelassen. Die vier Mädels im besten Rentenalter machen am Vatertag ihr eigenes Ding. „Dann kriegen wir keinen Ärger mit den Vätern, dann können die heute machen, was sie wollen.“ Spricht Gerda und die vier Frauen brechen in schallendes Gelächter aus. Denn ihre Väter sind schon lange im Himmel, und ihre Männer auch. Die vier sind seit fast 50 Jahren gemeinsam im Sportverein, Frauengymnastik beim TSV Untersteinbach. „Wir machen oft was zusammen“, weiß Waltraud, und heute sei das „Gurgel-Training“, wie Gerda ausführt. Dabei begännen sie mit einem Secco und steigerten sich dann zielstrebig: „Wir sind offen für alles“, bekennt Irene mit einem Blick auf die Getränkekarte. Sie seien immer gerne gewandert, aber große Wanderungen schafften sie nicht mehr. Daher sei auch der Wandertag da drunten nichts für sie. Aber die Jungen sagten, „Geht fort, solange ihr noch könnt“. Und das tun sie, und das Fest hier oben auf dem Berg, das sei genau ihres: „Wir genießen das Leben.“ Sogar ihre Fahrerin, die sowieso nur Tee trinke und diesen selbst mitgebracht hat, weil es das an den Ständen nicht gibt. Erneut lachen die fröhlichen Witwen: „Lustig sind wir auch.“

Gibt es den klassischen Vierteles-Schlotzer noch?

Doch einer wird laut Einheimischen schmerzlich vermisst: der klassische Vierteles-Schlotzer. Der Weingenießer, der Stammgast ist in jeder Kneipe und für den Feste wie dieses Pflichttermine sind. Zwei Einheimische Nebenerwerbs-Landwirte, die sich Manfred und Karl-Heinz nennen und jeden Vertreter dieser Spezies im Dorf kennen, finden das sichtlich schade. Der Vierteles-Schlotzer sei eine aussterbende Art, und für die wenigen Veteranen, die es davon noch gebe, sei das Gekraxel rauf in die Weinberge zu mühsam. Für sie wäre es besser gewesen, es würde die „legendären Weinfeste von früher“ noch geben. Die seien aber laut dem ehemaligen Ortsvorsteher Klaus Hornung genauso Geschichte wie der gesuchte Trollinger-Genießer.

Doch auch hier oben ist nicht alles Wein, was flüssig glänzt: Neben Schnäpsen schenkt Ickert auch Cocktails aus. In ihrer Mittagspause darf sich auch eine Weinkönigin mal einen „Gäwele-Hurricane“ ins Glas füllen lassen, quasi einen "Sturm im Weinglas", der aber Zutaten wie Maracuja enthält, die selbst der alte Gäwele nicht kannte.

Am Stand von Ickert gibt's zum Wein den passenden Schnaps dazu - oder bei Bedarf einen Cocktail wie den "Gäwele-Hurricane".
Am Stand von Ickert gibt's zum Wein den passenden Schnaps dazu - oder bei Bedarf einen Cocktail wie den "Gäwele-Hurricane".  Foto: Büchele, Torsten

Vatertag ohne Bollerwagen-Piloten: Was läuft da schief?

Nur ein typischer Vatertags-Vertreter wird an diesem Tag nicht wirklich vermisst: der Bollerwagen-Pilot. Partygruppen mit Handwagen und lauter Musik sieht man oben auf dem Berg gar nicht - aber man will sie dort auch nicht. Die Veranstalter haben klug geplant: Offenbar halten die Höhenmeter alle Gäste ab, die mehr als Handgepäck brauchen, um fliegen zu können. Aber es gibt sie, das ist fest verbürgt: Natascha Kappler aus Öhringen hat sie heute schon gesehen, wie sie sich zur Brauerei in Schwäbisch Hall aufgemacht haben. Damit meint sie ihren Mann und die weiteren Männer ihrer drei Freundinnen aus Neuenstein und Zweiflingen. Die Kinder haben sie dagelassen. Und so bilden diese vier Frauen eine eingeschworene Vatertags-Mutter-Clique, die zusammen acht Kinder auf den Berg trägt und schiebt – mit Kapplers Sohn Maxim als jüngstem, 15 Monate alt. Rund zwei Stunden hat mit ihnen der Aufstieg von der Michelbacher Ortsmitte gedauert, Apfelschnitze haben dabei geholfen. Als ein Kind erfährt, dass es hier oben Eis gibt, kennen die anderen sieben kein Halten mehr. Kappler ist trotzdem erleichtert: „Sonst gibt es hier für Kinder ja nicht viel Programm.“ Deshalb soll später noch der Spielplatz angesteuert werden.

Die Weisheiten und Sinnsprüche der Vierteles-Schlotzer sind allgegenwärtig - dieses Original eines Württemberger-Wein-Trinkers findet man auf der Gäwele-Tour aber kaum.
Die Weisheiten und Sinnsprüche der Vierteles-Schlotzer sind allgegenwärtig - dieses Original eines Württemberger-Wein-Trinkers findet man auf der Gäwele-Tour aber kaum.  Foto: Büchele, Torsten
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