Meinungen zu Mercosur gehen bei Bauern in der Region auseinander
Bauernverbände rechnen mit Marktverzerrung durch unterschiedliche Standards. Rinderzüchter fordern eindeutige Kennzeichnungen. Weinbauer bleiben vorerst gelassen.

Mit dem EU-Mercosur-Abkommen wird eine der größten Freihandelszonen der Welt geschaffen, die einen Markt mit 718 Millionen Verbrauchern und fast 25 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts umfasst. Erleichtert werden soll damit auch der Handel mit Agrarprodukten. Der Bauernverband befürchtet, dass durch unterschiedliche Produktionsbedingungen eine Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der deutschen Produzenten eintreten könnte. Das sagen Branchenvertreter aus der Region zum neuen Abkommen:
Traditionelle Exportprodukte aus Südamerika sind unter anderem Rindfleisch und Zucker. Der Verband Wirtschaftliche Vereinigung Zucker zeigt sich besorgt. Das ratifizierte Freihandelsabkommen würde den Mercosur-Staaten einen zollfreien Zugang zum EU-Markt von insgesamt 190.000 Tonnen Zucker jährlich gewähren. Dieser Zucker werde zu niedrigeren Sozial- und Umweltstandards hergestellt als in Europa, wodurch die Produktionskosten im Vergleich zu Europäischem Rübenzucker geringer seien. Die zusätzlichen zollfreien Importmengen würden den europäischen Zuckermarkt enorm unter Druck setzen. "Einfairer Wettbewerb insbesondere für die deutsche Zuckerwirtschaft ist dadurch nicht gegeben", so der Verband.
Das sagen die Bullenmäster zu Mercosur
Für Bullenmäster Jürgen Kratz aus Gundelsheim ist die derzeitige Lage nach dem Abkommen "schwierig auszuloten". Im Moment sei nicht zu befürchten, dass der deutsche Markt mit Rindfleisch aus Südamerika geflutet wird. Der Grund: "Der Weltmarkt ist leergefegt." Dies spiegele sich auch an den derzeit guten Erzeugerpreisen wider. Ein weiterer Grund, warum der Landwirt noch gelassen bleibt, ist der weltweite Klimawandel, der die Weidehaltung in Südamerika unter Druck setzt - die Amazonasregion leidet seit längerem unter Dürre. Und weiter: Für Südamerika sei China ein zunehmend wichtiger Absatzmarkt für Rind- und Schweinefleisch. Jürgen Kratz hält im Gundelsheimer Ortsteil Tiefenbach 1000 Bullen. 95 Prozent der Tiere werden über den Lebensmitteleinzelhandel vermarktet, die restlichen fünf Prozent setzt Kratz bei örtlichen Metzgereien ab.
Standards in der Landwirtschaft sind unterschiedlich
Sein Kollege Lorenz Weibler aus Bretzfeld-Siebeneich findet Freihandelsabkommen prinzipiell begrüßenswert. „Aber immer nur, wenn alle Spieler nach den gleichen Regeln spielen - und das ist hier in der Landwirtschaft nicht der Fall“, kritisiert Weibler. Deswegen könne man in der jetzigen Fassung das Freihandelsabkommen aus landwirtschaftlicher Sicht und insbesondere aus Rinderhaltersicht nicht gutheißen: „Die Standards sind völlig verschieden.“ Das beginne beim Thema Tiergesundheit und Tierarznei über hygienische Standards bis hin zu Kontrollmechanismen. „Südamerikanisches Fleisch erfüllt nicht unsere strengen Vorgaben, die wir hierzulande an Tierhalter und die Fleischbranche stellen“, sagt Weibler.
Bullenmäster fürchten Dumpingpreise
Extrem problematisch sei nach wie vor, dass bei verarbeitetem Fleisch und Wurst keine Herkunftsangabe notwendig sei, sondern nur bei Frischfleisch. Der Verbraucher könne dann nicht mehr entscheiden, weil die Information fehlt, was ein Produkt mit heimischem Fleisch ist und was Billigfleisch aus Übersee enthält. „Das Problem haben wir seither schon innerhalb der EU. Jetzt wird das Problem globaler“, kritisiert Weibler. Und: „Durch günstige Produktionsfaktoren in Südamerika können wir preislich in keinem Fall konkurrieren“, sagt Weibler. Das heißt, es komme noch mehr billiges ausländisches Fleisch auf den Markt, das heimische Produkte weiter unterbiete. Doch: „Unsere Kunden schätzen die regionale Herkunft und die verlässlich hohe Qualität, müssen dafür aber auch etwas mehr bezahlen. Das funktioniert, solange es nicht überall in großen Mengen Dumpingpreise gibt.“
Hermann Morast, Geschäftsführer des württembergischen Weinbauverbands, geht nicht davon aus, dass das Mercosur-Abkommen nennenswerte Effekte auf den hiesigen Markt hat. Es sei heute schon so, dass 60 Prozent des konsumierten Weins aus dem Ausland stammt. Das meiste davon freilich aus der EU: Frankreich, Italien Spanien. Der Anteil der südamerikanische Weine sei sehr gering. "Wir rechnen auch nicht mit einer Weinwelle von dort", so der Geschäftsführer.
Bauernverbände kritisieren Mercosur
Die Mercosur Verhandlungen laufen nun schon nahezu 25 Jahre, erinnert Helmut Bleher, Geschäftsführer des Bauernverbands Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems. „Zu Recht konnten sie aufgrund erheblicher Mängel beim Schutz europäischer Standards für unsere Lebensmittel nicht abgeschlossen werden“, sagt Bleher. In dieser Zeit habe der Bauernverband ständig und stetig auf allen politischen Ebenen zum Ausdruck gebracht, dass es nicht gehe, landwirtschaftliche Produkte in die Europäische Union einzuführen, die mit Standards erzeugt worden sind, die bei uns nicht zulässig sind. „Die Europäische Union hat nun signalisiert, gegen den Widerstand aus der Landwirtschaft, aber auch gegen die Regierungen in Frankreich, Italien und Polen das Mercosur Abkommen zu unterzeichnen“, so Bleher. Für die Landwirte würden die erweiterten Exportmöglichkeiten von Lebens- und Futtermitteln aus den südamerikanischen Staaten zu Preiseinbußen führen, fürchtet er. „Denn diese Produkte werden oftmals sehr kostengünstig unter erheblich niedrigeren sozialen und ökologischen Bedingungen erzeugt“, so Bleher. Er ärgert sich: „Die EU und vor allem Deutschland verschärfen andererseits die Produktionsbedingungen ständig und kaum mehr hinnehmbar“. Welche Regelungen die EU nun treffen und vereinbaren wolle, um die hier geltenden sehr hohen Standards zu schützen, stehe in den Sternen. „Die angedeuteten Mechanismen zum Schutz unserer Landwirtschaft sind nach wie vor völlig unzureichend“, kritisiert Bleher.
Bauernverbände fordern Kennzeichnungen
Stefan Kerner, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, rät, mit einer Bewertung noch abzuwarten, bis die Umsetzung der Inhalte des Abkommens klarer in Erscheinung tritt. Grundsätzlich hofft Kerner, dass die Verbraucher künftig stärker sensibilisiert werden, auf die Herkunft der Lebensmittel zu achten. Dies müsse Hand in Hand mit einer konsequenten Auszeichnung gehen, fordert der Landwirt. Einige Lebensmittelhersteller hätten ihrerseits bereits Vorkehrungen getroffen, um problematische Importe auszuschließen. Demnach haben sich die Milcherzeugergemeinschaften in Deutschland verpflichtet, nur heimische Proteinträger im Futter einzusetzen.
HINTERGRUND: Stellungnahme des Bauernverbands
"Dieses Abkommen geht einseitig zu Lasten der europäischen Bauern und schwächt unsere Betriebe massiv im Wettbewerb", meint der Deutsche Bauernpräsident Joachim Rukwied zum Mercosur-Abkommen. Damit sei es das Gegenteil der von der EU-Kommission zugesagten Stärkung der europäischen Landwirtschaft. "Die geplanten Mechanismen zum Schutz europäischer Standards für Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung sind nach wie vor völlig unzureichend", so der Bauernpräsident aus Eberstadt. jök
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