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Tourismus-Magnet in Hohenlohe

Fachwerk, Wein und viel Natur: Was Touristen am Kocher-Jagst-Radweg schätzen

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Warum kommen Touristen von weit her nach Hohenlohe, um hier Radurlaub zu machen? Dafür gibt es viele Gründe. Bei Gesprächen erfährt man Interessantes über die Heimatregion aus der Außenperspektive.

„Park and Ride“ auf besondere Weise: Silke, Felix (11) und Thomas Kircher packen die Räder aufs Auto und erkunden so verschiedenste Radwege.
„Park and Ride“ auf besondere Weise: Silke, Felix (11) und Thomas Kircher packen die Räder aufs Auto und erkunden so verschiedenste Radwege.  Foto: Büchele, Torsten

Der Kocher-Jagst-Radweg ist ein Tourismusmagnet: von Aalen bis Bad Friedrichshall den Kocher hinunter und die Jagst hinauf zurück bis zum Ausgangsort, wo beide Flüsse entspringen. 76 der 335 Kilometer führen durch den Hohenlohekreis. Wer ihn komplett fährt, tut dies am besten in sechs Tagesetappen. Wer abkürzen will, findet 13 Querspangen.

Doch wer fährt den Kocher-Jagst-Radweg in voller Länge? Was halten die Radtouristen von Hohenlohe?  In Gesprächen erfährt man: Viele sind zu zweit unterwegs und haben sich die Tour in die empfohlenen sechs Etappen eingeteilt. Und kaum einer wagt sie noch ohne E-Bike.

Kloster Schöntal an der Jagst hat große Anziehungskraft - selbst auf Leute, denen die Sakralbauten der Tauber näherliegen

Annette Jost aus Ahorn im Main-Tauber-Kreis findet es in Kloster Schöntal sehr schön. Sie sitzt dort auf einer Bank im Hof und bekennt: „Mir gefällt die Jagst unheimlich gut. Ich bade gerne hier.“ Sie sei oft da, nicht nur mit dem Rad, auch in Klostercafé und Bikerbahnhof. Nun soll es eine Radtour sein, in fünf statt sechs Tagen. „Unten bei Aalen habe ich ausgespart. Dafür habe ich mir in Schwäbisch Hall den ‚Jedermann‘ bei den Freilichtspielen angesehen.“ Drei Übernachtungen habe sie komfortabel vorgebucht, „nur in Schwäbisch Hall war es schwierig, da spontan“. Jost lobt, wie gut ausgeschildert der Kocher-Jagst-Radweg sei. Es gebe auch genügend Einkehrmöglichkeiten.

Aalen zum Startpunkt erkoren hat Barbara Bub-Hofmann. Mit ihrem Mann ist sie aus Bad Homburg bei Frankfurt angereist. „Er hat einen Freund in Stuttgart, den wir besucht haben. Und dann haben wir gegoogelt, was man um Stuttgart herum machen kann.“ Nach Aalen mit dem Zug ging es geschwind, dann die Jagst runter und nun den Kocher rauf. Fachwerkstädtchen haben es ihnen angetan. Die Rast auf einem Bänkchen in Kloster Schöntal genießen sie, hier findet gleich eine Hochzeit statt. Doch Barbara Bub-Hofmann bemängelt: „Man hat nicht viel Zeit, sich alle schönen Dinge anzusehen, wenn man die Etappen in dem vorgeschlagenen Tempo fährt.“ Die Natur sei so schön hier, außer in Aalen, die Alb passe nicht so zum Flair der restlichen Region. Der Weg am Kocher gefalle ihnen etwas besser als der an der Jagst, er sei auch nochmal ein Stückchen flacher und bequemer zu fahren. Auch Barbara Bub-Hofmann lobt die Ausschilderung, findet aber, es dürfe mehr Tische und Bänke am Weg geben.

Über die Kocherbrücke in Forchtenberg müssen sich Radfahrer den Weg mit dem motorisierten Verkehr teilen. Das gibt Abzug in der Bewertung des Sterne-Radwegs.
Über die Kocherbrücke in Forchtenberg müssen sich Radfahrer den Weg mit dem motorisierten Verkehr teilen. Das gibt Abzug in der Bewertung des Sterne-Radwegs.  Foto: Büchele, Torsten

In einem kleinen Bistro im Kochertal treffen sich Radfahrer aus ganz Europa

Am Bistro am Bahnhof Möglingen ist immer was los. Betreiber Moritz Lumpp fragt die Leute oft, woher sie kommen. Bayern und Franken kämen viele hier durch – und Abenteurer: „Es kommen Niederländer, die bis Italien fahren.“ Ein Radler machte auf dem Weg von Frankfurt nach Athen Station, eine Frau auf ihrer Fahrt von Berlin nach Valencia. Dort hat Lumpp sie wiedergesehen, als er Tage später selbst zu einer Fernfahrt nach Andalusien aufbrach. Das Dreieck Neckar-Kocher-Jagst, von Möglingen nicht mehr weit entfernt, „scheint ein Dreh- und Angelpunkt“ für Radtouren durch Europa zu sein. Auch der Kocher-Jagst-Weg sei „richtig bekannt mittlerweile“. Seitdem sich während Corona viele Menschen ein E-Bike gekauft hätten und seitdem der Kocher-Jagst-Radweg 2018 eine Bewertung von vier Sternen bekommen habe, sei hier viel mehr los als früher.

Thomas, Silke und Felix (11) Kircher halten in Möglingen, denn: „Die Toilette hier ist sehr nobel“, lobt sie. Auch die Lademöglichkeit, die sie aber nicht brauchen – zwei von ihnen sind mit reiner Muskelkraft unterwegs. Die Familie aus Erlenbach hat eine Strategie, die Radwege der Region zu erkunden: Sie steckt ihre Bikes auf den Fahrradträger am Auto und steuert jedes Mal einen anderen Flecken an, um dann etwa 50 Kilometer durch die Landschaft zu radeln. „Wege am Wasser sind reizvoll“, gibt Vater Thomas die Richtung vor. Das Enztal gefalle ihm, nun sei etappenweise der Kocher dran – gestern südlich von Schwäbisch Hall um Rosengarten, wo es viel der Straße entlang ging, da haben sie sich nicht so wohlgefühlt, und heute von Neuenstadt nach Forchtenberg. "Die Natur ist ja traumhaft hier", findet Silke Kircher diesen Abschnitt viel schöner. „Den Hinweg immer flussaufwärts“ lautet Thomas' Tipp, so teilen sie sich die Kräfte ein. „Der Kocher-Jagst-Radweg ist sehr gepflegt, guter Asphalt“, findet Mutter Silke. Für historische Ortskerne und Kirchen machen sie Abstecher, und für Felix zu Spielplätzen. Deshalb begannen sie ihre Tour heute auch an der neuen Pumptrack in Neuenstadt.

Schöne Landschaft, urige Pensionen und hochgelobter Wein: Womit sich Hohenlohe einen Namen gemacht hat

Peter Pförsich aus Illingen im Enzkreis ist beruflich oft in Kloster Schöntal. Daher fiel die Wahl für seine nächste große Radtour auf den Kocher-Jagst-Radweg.
Peter Pförsich aus Illingen im Enzkreis ist beruflich oft in Kloster Schöntal. Daher fiel die Wahl für seine nächste große Radtour auf den Kocher-Jagst-Radweg.  Foto: Büchele, Torsten

Am Abend füllen sich die Pensionen der Etappenziele. Vom Stadttor in Forchtenberg geleitet Thomas Wiesbacher von Winklers Weinstube zwei Radler zu seiner Pension an der Stadtmauer. Peter Pförsich aus Illingen im Enzkreis macht mit seinem Kumpel jedes Jahr woanders eine Radtour – und da er beruflich oft in Kloster Schöntal ist, fiel die Wahl nach Würzburg im Vorjahr auf den Kocher-Jagst-Radweg.

Selbst an der Enz sei Hohenlohe bekannt und gelte fast als Nachbarschaft. „Es ist landschaftlich schön und mit dem Zug gut zu erreichen“, findet Pförsich. Der Wein werde „hoch gelobt“. Die Unterkunft habe sich nach einer Empfehlung gestern spontan ergeben. Der Spätsommer sei ideal, da brauche man nur leichtes Gepäck. Allerdings sei am Fluss die Luft oft feucht, vor allem nach dem nächtlichen Regen. Da kämen gleich die Mücken.

Kocher-Jagst-Radweg: Wofür bekommt er vier Sterne?

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) bewertet Radfernwege nach ihrer Qualität. Der Kocher-Jagst-Radweg trägt vier von fünf Sternen. Der ADFC lobt vor allem die gute Wegweisung und die Routenführung – beide erreichen Fünf-Sterne-Topniveau. Vier Sterne gibt es für den Fahrbahnbelag, die touristische Infrastruktur, Anbindung an Bus und Bahn und Marketing. Ausbaufähig seien die Wegbreite und die Verkehrsbelastung, die der ADFC mit drei Sternen bewertet. Soll heißen: An manchen Stellen ist der Radweg schmaler, als eine komfortable Trasse sein sollte – und an manchen Stellen müssten Radfahrer sie mit motorisiertem Verkehr teilen. Doch drei Sterne heißen: Auch damit lässt sich leben. 65 Prozent der Strecke verliefen auf Wegen, die 2,50 Meter oder breiter seien. 60 Prozent seien autofrei oder gering belastet. Die Arbeitsgemeinschaft Kocher-Jagst-Radweg lobt selbst am meisten die flexible Routenwahl mit 13 Querspangen zwischen Kocher- und Jagsttal, ländlichen Charme und kulturelle Höhepunkte an der Strecke.

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