„Engelesblasen“ in Künzelsau: Tradition von Heiligabend wird an Silvester fortgesetzt
Für das „Engelesblasen“ trotzen Musiker und Laternenträger auf dem Kirchturm selbst eisigstem Wind. Viele junge Leute sind mittlerweile dabei - und der Pfarrer feiert seine Premiere als Turmbläser.

Klaus Ziegler hat gewusst, dass er in diesem Jahr die Notenblätter besonders gut befestigen muss. Auch ein eisig kalter Wind konnte die Turmbläser und die Lampen schwenkende Gruppe der „Engele“ an Heiligabend nicht abhalten, die 151 Stufen auf den Kirchturm der evangelischen Johanneskirche im Künzelsauer Stadtzentrum hinauf zu steigen und in alle vier Himmelsrichtungen ihre musikalischen und leuchtenden Grüße zu schicken. Wie immer hatte sich zum traditionellen „Engelesblasen“ um 19 Uhr tief unten die für den Verkehr gesperrte Hauptstraße mit Publikum gefüllt. Die schwingenden Lichter sollen den Eindruck erwecken, dass zu den Chorälen um den nächtlichen Turm kleine Engel schweben. Zumindest die Kinder haben das lange geglaubt.
„Engelesblasen“ in Künzelsau: Warum erstmals der Pfarrer persönlich mitmacht
20 Minuten trotzten die zwei Dutzend Akteure auf der Balustrade des Kirchturms den Unbilden des Wetters. Länger hätte es auch der evangelische Pfarrer Jörg Hübner bei seiner Premiere nicht durchgehalten. Beeindruckt von dem Auftritt der Bläser, hat sich der Theologe bereit erklärt, nach dem Gottesdienst mit den anderen Blechbläsern den Turm zu besteigen. Seine Posaune ist ein Erbstück seines Vaters, der laut Hübner leidenschaftlicher Posaunist war. Hübner selbst hatte in seiner Jugend Trompete gelernt. Wegen des Erbstücks hat sich der Theologie-Professor im März nicht nur kurzerhand entschlossen, Posaune zu lernen, sondern auch zum Ziel gesetzt, bei den Turmbläsern mitzuspielen. Zur Unterstützung ist Tochter Anthea mitgekommen. Die 16-Jährige spielt seit dem elften Lebensjahr Trompete.
Die beiden Neulinge waren eine willkommene Verstärkung für das Turmbläser-Team. Zur Freude von Organisator Klaus Ziegler sind inzwischen alle Altersklassen vertreten. Die Jüngste ist mit elf Jahren Viktoria Glenk, deren Vater Christian Pfaff schon lange zur Kernmannschaft gehört. Auch der 18 Jahre alte Timm Lell und der 31 Jahre alte Florian Ziegler, der Enkel des inzwischen 84-jährigen Klaus Ziegler, gehören zu den Jüngeren. Für beide ist das Engelesblasen etwas Besonderes, genauso wie für Tina Karle, die zu den drei Frauen in der zwölfköpfigen Turmbläser-Truppe gehört. Weit mehr Frauen waren an diesem Abend im Engeles-Team vertreten.
„Engelesblasen“ in Künzelsau: Worauf geht diese alte Tradition zurück?
Während sich in der Innenstadt immer mehr Menschen ansammeln, steigen Bläser und Laternenschwenker die engen Stufen hoch. Eng geht es auch oben in der Stube zu, in der die Bläser noch einmal gemeinsam proben. Draußen empfängt sie der eisige Wind. Selbst Routiniers wie Tilman Ebert, der schon seit 50 Jahren die Lampe schwenkt, haben zu kämpfen. Da werden nicht nur die Finger klamm, sondern die Lichter gehen immer wieder aus und müssen mühsam wieder angezündet werden. Auch Klaus Ottenbacher, seit Jahrzehnten Organisator der Lichterschwenker, fand den Wind diesmal extrem. Als besonders anrührend empfand Hübner die Atmosphäre, als die Truppe um Mitternacht nochmals spielte.
Nach dem Ersten Weltkrieg ist das Engelesblasen laut Klaus Ziegler entstanden. Genau lasse sich der Ursprung des rund 100 Jahre alten Brauchs nicht klären. Auf jeden Fall knüpft er an die jahrhundertealte Turmbläser-Tradition an. Seit seinem zehnten Lebensjahr ist Ziegler bei den Turmbläsern, die früher jeden Tag spielten. „Wie oft ich die 151 Stufen hoch gestiegen bin, kann ich nicht sagen“, meint der Senior der Bläser, die nicht nur an Weihnachten und zum Jahreswechsel spielen. Alle 14 Tage pflegt eine Gruppe die Tradition des Turmblasens.Lieder und Termine
„Engelesblasen“ in Künzelsau: Das sind die Termine an Silvester und Neujahr
Beim Engelesblasen spielen Turmbläser Choräle vom Turm der Johanneskirche: An Heiligabend erklingen um 19 Uhr „Ehre sei Gott in der Höhe“ und um 24 Uhr „Stille Nacht, heilige Nacht“. An Silvester wird das alte Jahr um 19 Uhr mit „Lobt den Herrn“ verabschiedet. Das letzte Mal kann man das Engelesblasen an Neujahr um 19 Uhr erleben.
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Kommentare
Anneliese Scholz am 05.01.2026 05:55 Uhr
schön dass sich wieder jüngere Menschen gefunden haben diesen Brauch weiter zu pflegen. Vielen Dank auch besonders an die "alten Hasen".
Anneliese Scholz