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Ladendiebstahl
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Dreiste Ladendiebe machen vor nichts Halt

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Geschäftsleute aus Hohenlohe und Heilbronn berichten von ihren Erfahrungen mit Ladendieben und erklären, warum sie selten Anzeige bei der Polizei erstatten

Von Heike Kinkopf und Torsten Büchele
Branchenexperten gehen von einem großen Schaden durch Ladendiebe aus.
Branchenexperten gehen von einem großen Schaden durch Ladendiebe aus.  Foto: Bernd Wei�brod

Wer sind die Ladendiebe? „Ich will es nicht auf die jungen Leute schieben“, sagt Denis Dannenberg, Inhaber des Edeka-Markts in Bad Wimpfen. Viele Schüler kommen ihm zufolge mittags in den Supermarkt. Die hätten Geld dabei. Klar klopfe er manchmal einem auf die Finger, weil der eine Mutprobe bestehen und etwas ohne zu bezahlen einstecken will. Oft aber räumten Ältere den Einkaufswagen nicht leer oder versteckten etwas in einer Einkaufstasche. Manch ein Ladendieb arbeite sogar mit doppeltem Boden in seinem Trolley.

„Ladendiebstahl ist ein Mega-Thema – leider“, sagt Alexander Brunner, Geschäftsführer vom Modehaus Frank in Öhringen. Rundständer mit Kleidung stellt er schon lange nicht mehr raus vor die Tür. Es werde alles gestohlen, was nicht niet- und nagelfest ist. „Selbst auf der Kundentoilette nehmen sie das Klopapier mit.“ Die Täter? „Querbeet.“ Alle Bevölkerungsgruppen und sozialen Schichten scheinen lange Finger zu machen. „Die Omas schieben den Kinderwagen und verstecken dann Kleidung darin“, beschreibt Brunner eine Vorgehensweise von vielen. Macht er ein Mal im Jahr Inventur, stellt er etwa ein Drittel Differenz wegen Diebstahls fest.

Auch in 24/7-Selbstbedienungsläden, wie sie mehrere Landwirte rund um Öhringen betreiben, ist Diebstahl ein Thema. Die Läden haben etwa die Größe von Seecontainern und bieten ein Grundangebot eigener landwirtschaftlicher Erzeugnisse, gemischt mit Produkten lokaler Selbstvermarkter. In diesen Shops gibt es kein Personal, Kunden suchen sich die Ware selbst aus dem Regal und scannen sie am Kassenterminal. Die Läden werden videoüberwacht. Trotzdem: „Diebstahl hat man immer“, schildert Christian Bauer. Der Landwirt aus Untermaßholderbach betreibt zwei „Food-Stops“ bei Öhringen unter der Marke „Just Bauer“. „Die Diebstähle zeige ich an, dann passiert aber nichts, weil das zu geringfügig ist.“ Strafverfahren würden gegen Geldbuße eingestellt, viele Fälle landeten noch nicht einmal vor Gericht. Immerhin: Die Diebe seien oft schnell identifiziert, denn zur Klientel der Langfinger sagt Bauer: „Das sind oft die Gleichen, die sind polizeibekannt.“

Händler erklärt: Warum so wenige Ladendiebe gefasst werden

Was für die Polizei eine Straftat darstellt, ist für Geschäftsleute ein Alltagsproblem. „Wir haben tagtäglich damit zu tun“, sagt Özgür Sarigül, Geschäftsführer der Galeria Kaufhof in Heilbronn. Er könne gar nicht so viele Detektive einstellen, um jeden zu fassen. Eine Kameraüberwachung, auf die hinzuweisen ist, schrecke Täter nicht ab.

Von zehn Dieben wird einer geschnappt, sagt Sarigül salopp. „Die Leute sind gerissen.“ Einige Täter machen ihm zufolge gemeinsame Sache, halten im Kaufhaus über das Telefon Kontakt. Der eine lenkt die Mitarbeiter ab, der andere lässt das Diebesgut verschwinden. Andere reißen in den Umkleidekabinen die Etiketten von den Kleidungsstücken und behalten die Sachen einfach an. „Es entsteht ein sehr großer Schaden“, sagt der Galeria-Chef. Vor allem Waren aus dem Beauty-Bereich und Klein-Leder-Artikel wie Handtaschen sind bei Ladendieben begehrt. „Sie ziehen auch schon mal einen Koffer hinter sich her.“

Woher die Ladendiebe stammen

In der Region Heilbronn und Hohenlohe ist die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle im vergangenen Jahr gegenüber dem Jahr davor rückläufig. Das geht aus den Daten des Heilbronner Polizeipräsidiums hervor. Im gesamten Zuständigkeitsbereich hat das Präsidium vergangenes Jahr knapp 2500 Ladendiebstähle festgestellt. Die Polizei macht 1253 männliche und 812 weibliche Täter aus. Unter den Tatverdächtigen sind 255 Kinder und 328 Jugendliche. Der weit überwiegende Teil ist erwachsen. 1137 Tatverdächtige haben einen ausländischen Pass, 928 einen deutschen. 255 sind rumänische Staatsbürger, 143 ukrainische und 58 polnische Landsleute. Seltener treten Täter anderer Nationalitäten wie Syrien, Türkei oder Georgien in Erscheinung.

Beim Ladendiebstahl gehen Branchenexperten von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele Fälle werden ihnen zufolge nicht angezeigt. „Dafür habe ich keine Zeit“, sagt Edeka-Leiter Dannenberg in Bad Wimpfen. Er und seine Mitarbeiter machen Taschenkontrollen. Erwischt er jemanden, heiße es: „Huch, das habe ich vergessen, aufs Band zu legen.“ Er könne außerdem nicht warten, bis die Polizei da sei. Er habe nicht genügend Mitarbeiter, um einen abzustellen, der den Täter bis zum Eintreffen der Streife bewacht.

Ladendiebstahl: Warum Strafanzeigen oft wenig bringen

Galeria-Geschäftsführer Sarigül zeigt konsequent an. „Darauf legen wir Wert.“ Allerdings macht das nur Sinn, wenn die Detektive jemanden haben, der gestohlene Ware am Körper trägt oder in der Tasche hat. Darüber hinaus würden viele Hausverbote ausgesprochen. So hält es auch die Drogeriekette DM bei einem konkreten Verdacht, teilt ein Pressesprecher mit.

Im Modehaus Frank macht Geschäftsführer Brunner schlechte Erfahrungen mit Anzeigen. Die Verfahren verlaufen ihm zufolge meistens im Sande. Er erhalte häufig die Info, dass sie eingestellt werden. Wegen Geringfügigkeit, vermutet er, oder weil beim Täter nichts zu holen sei. Seine Mitarbeiter versuchten, aufmerksam zu sein. Personell ist er wie Dannenberg nicht üppig aufgestellt. Die Verkäufer kümmern sich um Kunden und haben ihre Augen nicht überall.

Eine Hand steckt eine Flasche mit Nagellack in eine Hosentasche (gestellte Szene). Der Schaden durch Ladendiebstahl geht in die Milliarden. (zu dpa: «Immer mehr Schaden – Wie der Handel unter Ladendieben leidet»)
Eine Hand steckt eine Flasche mit Nagellack in eine Hosentasche (gestellte Szene). Der Schaden durch Ladendiebstahl geht in die Milliarden. (zu dpa: «Immer mehr Schaden – Wie der Handel unter Ladendieben leidet»)  Foto: Bernd Wei�brod
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