In einer alternden Gesellschaft spiele Barrierefreiheit eine immer größere Rolle, betont Jutta Pagel-Steidl. Man müsse „aufhören mit der Mär, dass Barrierefreiheit teurer sei. Das ist sie nicht, wenn man von Anfang an damit plant“. Dabei sollen Verwaltungen sich nicht auf Planungsbüros verlassen, sondern Betroffene fragen.40 Prozent der Menschen seien darauf angewiesen, die anderen nutzen die Angebote aber auch gerne: „Ich habe noch nie gesehen, dass ein Aufzug nur von Menschen genutzt wird, die nicht gehen können.“Oftmals haben öffentliche Einrichtungen Maßnahmen zur Barrierefreiheit, aber sie seien nicht bekannt, kritisiert Pagel-Steidl. „Jede Wirtschaft wirbt damit, wenn es vegetarisches oder veganes Essen oder Kinderspielzeug gibt – warum werben die Kommunen nicht mit ihren barrierefreien Angeboten?“ Dadurch müssten Betroffene erst lange und oft umständlich recherchieren. göz
Beispiel Künzelsau: Hindernisse sind für viele unsichtbar
Bei einem Spaziergang mit Bürgermeister zeigen Betroffene Barrieren auf: Vermeintliche Kleinigkeiten können Schwierigkeiten schaffen

Der ebenerdige Eingang zum Künzelsauer Rathaus, der Knopf zum Öffnen der Eingangstüre, die automatische Schiebetüre zum Bürgerbüro: Man könnte meinen, hier kann sich niemand über mangelnde Barrierefreiheit beklagen. Doch der Schein trügt. Zwar würdigt Jutta Pagel-Steidl vom Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung diese Funktionen. Aber ihr fallen im Foyer gleich mehrere Dinge auf, mit denen Menschen mit Behinderung Schwierigkeiten haben.
Barrieren in der Stadt: Künzelsau nur ein Beispiel
Gemeinsam mit Ines Vorberg vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter will sie Barrieren in Künzelsau aufzeigen, die von Unbetroffenen nur selten wahrgenommen werden. Dafür haben sie mit der Landtagsabgeordneten Catherine Kern (Grüne) einen Spaziergang initiiert, zu dem Bürgermeister Stefan Neumann und ein Stimme-Redakteur eingeladen sind. Die beiden Verbands-Vertreter finden einige Barrieren in der Stadt, betonen aber, dass dies kein rein Künzelsauer Problem sei. Man wolle hier nur beispielhaft darauf hinweisen.
Großbuchstaben bilden schon eine Barriere
„Wenn die Menschen von Barrierefreiheit sprechen, denken sie an Rollstuhl und Rampe – aber es ist mehr“, sagt Pagel-Steidl, die selbst eine Sehschwäche und eine körperliche Behinderung hat. Dass über dem Eingang des Bürgerbüros im Rathaus der Name eines Raums in Großbuchstaben steht, sei bereits schwierig: Zwar sei die Farbwahl gut, denn der Kontrast zwischen weiß und blau ist hoch genug für Menschen mit Sehschwäche. Aber: „Großbuchstaben unterscheiden sich nicht arg voneinander. Das ist nicht einfach für Menschen mit einer Leseschwäche.“ Die Schiebetür sei problematisch, weil sie durchsichtig sei. Menschen mit Sehschwäche könnten nur schwierig erkennen, ob sie offen oder zu sei. Aufkleber könnten Orientierung schaffen.

Touchscreen nicht für Rollstuhl unterfahrbar
Im Bürgerbüro hat die Rollstuhlfahrerin Ines Vorberg Probleme: Sie blickt auf die Thekenfront, denn diese ist auf die Höhe von Stehenden ausgerichtet. Neben einem Raumtrenner steht ein Tisch für Rollstuhlfahrer und ältere Menschen, weist Neumann hin. Dieser Nebenraum ist über eine andere Tür zu erreichen, die extra aufgeschlossen werden muss. „Das finde ich nicht gut, das ist ein gesonderter Raum und mit einer Wand abgetrennt“, bemängelt Vorberg. Neumann will dieses Problem bald ändern: Einen Teil der Theke im Hauptraum könne man absenken, er verspricht: „Das machen wir!“ Ein Touchscreen im Foyer zeigt unter anderem die Webseite der Stadt. Allerdings kann ein Rollstuhlfahrer ihn nur schwierig bedienen: Das Gestell ist nicht unterfahrbar. Außerdem sind wichtige Punkte nur für stehende Menschen mit der Hand zu erreichen.

Am äußeren Rand des Gehwegs an der Hauptstraße sind Pflastersteine, die Blinde mit einem Taststock als Leitmarken verwenden könnten. Allerdings stehen darauf Waren – und bilden so ein Hindernis. Zwar hat ein Geschäft eine automatische Schiebetür als Eingang, aber davor ist eine kleine Stufe. „Schon geringe Hürden sind Barrieren“, sagt Kern. „Aber auch Leute im Rollstuhl wollen einkaufen gehen.“ So können mögliche Kunden gar nicht erst in den Laden kommen.
Tückische Streifen auf Treppenstufen
In der Bibliothek haben Menschen mit Sehbehinderung Schwierigkeiten auf der Treppe. Schwarze Streifen kurz vor der Kante der Stufen können als Kante wahrnehmen – so kann man dort hängen bleiben. Der Kontrast sei wichtig, aber an der richtigen Stelle, betont Pagel-Steidl.

Die Rollstuhlfahrerin Ines Vorberg muss eine Mitarbeiterin bemühen, um in den ersten Stock zu kommen: Der Aufzug, der keine Kabine hat, sondern nur eine Rampe ist, muss von außen bedient werden. „Immer diese Bittstellung“, beklagt Vorberg. Barrierefreiheit bedeute „selbstbestimmt und ohne fremde Hilfe“ zurecht zu kommen, erklärt Pagel-Steidl. Auch die Verwaltung sei mit dem Aufzug nicht zufrieden, sagt Neumann. Die günstigste Variante ist nicht immer die beste, sind er und Vorberg sich einig.
Gesellschaftliche Teilhabe: Recherche zu Hause im Internet löst das Problem nicht
Die Bibliotheks-Mitarbeiterin verweist auf die mögliche Recherche im Bestand von zu Hause aus – im Internet. Das sei keine gleichwertige Alternative zum Bibliotheksbesuch, winkt Pagel-Steidl ab. „Menschen wollen aber unter Menschen sein, das ist gesellschaftliche Teilhabe“, betont Kern.
Beim Computer im Erdgeschoss der Bibliothek sei allerdings gute Arbeit geleistet worden, sagen die Verbandsvertreter: Der Tisch ist für Vorberg unterfahrbar und den Knopf erreichen, der die Höhe des Tischs verändert.

Stimme.de
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