Schöntaler Modellprojekt: Agri-Photovoltaikanlage verbindet Freilandhaltung von Hühnern und Solarstrom
Auf einem Bauernhof in Schöntal zeigt Familie Möhler, wie Agri-Photovoltaik Tierhaltung und Energiegewinnung vereint. Unter den Solarpanels genießen Legehennen ihren Freilauf. Ein innovatives Modell für die Zukunft der nachhaltigen Landwirtschaft.

Die Energiewende und die Landwirtschaft in Einklang bringen. Das ist das langfristige und übergeordnete Ziel des Projektes „Strom ernten – Hühner schützen“. Umgesetzt wird es von dem Schöntaler Frischei-Vertrieb der Familie Möhler. Sie haben auf ihrem Hof eine Agri-Photovoltaikanlage installiert, die neben Strom auch für überdachten Lebensraum der Legehennen sorgt.
Agri-Photovoltaikanlage: Planung und Umsetzung dauerte drei Jahre
Kevin Möhler, Sohn der Familie Möhler mit dem Betrieb Schöntaler Frischei, hat das Projekt 2020 ins Leben gerufen und bis zur Inbetriebnahme 2023 mit mehreren – teils kuriosen – Problemen zu kämpfen gehabt. „Von der ersten Überlegung bis zur Umsetzung hat es gut drei Jahre gedauert“, sagt Kevin Möhler. Er habe sich überlegen müssen, wie man an die Sache herangehe, was alles beachtet werden müsse, damit die Hühner die Anlage annehmen, aber nicht kaputt machen, dass sie nicht auf die Module springen – und wie die Legehennen dann nach dem Recht definiert werden.
Deshalb wurde die Unterkante der Module von 80 auf 120 Zentimeter angehoben. So kommen zum einen die Hennen nicht mehr auf die Anlage und „wenn die Hühner abends eingetrieben werden, müsste man bei 80 Zentimeter kriechen, bei 120 Zentimeter kann man noch gebückt darunter durchlaufen“, so Möhler. Außerdem sind die Module bifaciale Glas-Glas-Module und haben somit sowohl auf der Ober- als auch der Unterseite eine Glasschicht, sodass die Hühner nichts kaputt picken können. Da sich der Definitionsrahmen, wann Eier aus Freilandhaltung und wann aus Bodenhaltung seien, im Planungszeitraum geändert hat, können die Eier als Freilandeier vermarktet werden. Ein wichtiger Schritt, denn die Vermarktung der Eier spiele bei dem Vertrieb eine wichtige Rolle.
Gewinn für die Forschung – Erkenntnisgewinn erfolgt in mehreren Bereichen
Die PV-Anlage über dem Lebensraum der Hühner wird von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen noch bis Ende dieses Jahres begleitet, um weitere Erkenntnisse für zukünftige Projekte zu gewinnen. Als Teilprojekt der „Modellregion Agri-Photovoltaik Baden-Württemberg“ untersuchen sie einerseits das Tierverhalten – gehen die Tiere weiter vom Stall weg, wenn sie den Schutz der PV-Anlage haben –, analysieren andererseits auch die Vegetation unter und zwischen den Modulen, analysieren den Boden und schauen sich die Bodenfeuchtigkeit an, berechnen den Arbeitsaufwand und simulieren einen möglichen Ertrag. Die aufgestellte Hypothese ist dabei, dass die Tiere sich weiter in die Wiese hinaustrauen, da sie durch die PV-Anlage geschützt sind und so vor ihren natürlichen Feinden verborgen bleiben. Dadurch verteilen sich auch die Nährstoffe im Boden besser. Eigentlich sind Hühner ursprünglich Waldrandbewohner und scheuen weite, offene Flächen, da sie so natürlichen Fressfeinden wie Greifvögeln ausgesetzt wären. Deshalb gibt es bei der klassischen Freilandhaltungen auch nur punktuelle Nährstoffeinträge rund um den Stall und nicht auf den gesamten Auslauf verteilt.

Bau der PV-Anlage: „Ist schwieriger als gedacht“
Neben den tierischen Hürden und Anpassungen war auch das Bauen der Photovoltaikanlage nicht einfach. „Man kommt nach der Uni mit dem Gedanken raus, dass man schon eine Ahnung hat, wie so eine Solaranlage funktioniert, bis man feststellt, dass es doch schwieriger ist, als gedacht“, sagt Kevin Möhler. Dazu kommt, dass nach der Corona-Zeit ein regelrechter Solarboost stattgefunden habe und es gleichzeitig eine Chipkrise gegeben habe. „Da stellt man sich die Frage, wo bekomme ich die Module her, sind die Kosten noch in Ordnung?“ Und: Wechselrichter waren zu der Zeit auch knapp.
Ende 2023 ging die Anlage dann ans Netz „und wir konnten mit der vollen Leistung direkt Strom einspeisen“, so Möhler. Der Strom wird am Hof direkt wiederverwendet oder in einem Speicher eingelagert. „95 Prozent unseres Strombedarfs kann von der PV-Anlage gedeckt werden. Unseren Speicher verbrauchen wir dabei aber fast ganz über Nacht.“ Schade ist jedoch, „wenn die Sonne scheint, dann ist die Anlage eigentlich abgestellt, weil der Strom nicht verteilt werden kann“. Das soll sich noch ändern.
In Zukunft sollen noch weitere Projekte wie in Schöntal folgen
Mit dem erfolgreichen Bau der Agri-PV-Anlage und der dadurch gewonnenen Expertise hat Kevin Möhler die Firma Enemation GmbH gegründet. „Es kommen immer mehr auf mich zu und fragen nach Hilfe“, sagt Möhler. Er geht jetzt gemeinsam mit der Firma Naturenergie Zeilinger aus Mittelfranken – sie haben eine ähnliche Anlage gebaut – weitere Projekte an, „um die Energiewende voranzutreiben“ und Agri-Photovoltaikanlagen zu etablieren.
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