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Zweiter Gedenkort für SS-Arbeitslager in Neckargartach: Stahl für die Erinnerung

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In Neckargartach wurde eine zweite Gedenkstätte für die Opfer des SS-Arbeitslagers eingeweiht. Aus Stahl wurde eine Nachbildung des Lagers konstruiert. Eine rote Markierung auf der Straße symbolisiert den Stacheldraht. 

Von Lea Kobs
Rund 150 Gäste kamen zur Einweihung des neuen Gedenkortes in der Böllinger Straße. Ein Redner war Oberbürgermeister Harry Mergel (rechts).
Rund 150 Gäste kamen zur Einweihung des neuen Gedenkortes in der Böllinger Straße. Ein Redner war Oberbürgermeister Harry Mergel (rechts).  Foto: Ralf Seidel

Zum 81. Jahrestag der Räumung des SS-Arbeitslagers Heilbronn-Neckargartach sind am Mittwoch rund 150 Gäste in die Böllinger Straße gekommen, um der Opfer der NS-Gewaltherrschaft zu gedenken. Eingeweiht wurdeunterhalb der KZ-Friedhofsanlage eine zweite Gedenkstätte am tatsächlichen Standort des ehemaligen Arbeitslagers.

Das Lager bestand von September 1944 bis Ende März 1945. Ab sofort können Besucher eine Nachkonstruktion dieses Lagers, gefräst aus einem Aluminiumblock, und mit Informationsmaterial versehene Cortenstahl-Wände besuchen. Dazu gibt es eine rote Markierung auf der Fahrbahn. Sie symbolisiert den ehemaligen Stacheldraht.

QR-Codes leiten auf Homepage weiter

Der neue Gedenkort soll die Vergangenheit und den tatsächlichen Ort des Geschehens sichtbar machen und zugleich ein Ort des Gedenkens und der Bildung sein, sagt Miriam Eberlein, Leiterin des Stadtarchivs Heilbronn. „Informationen und Emotionen sollen hier zusammenkommen.“ Damit die Besucher mehr über den Ort lernen können, wurden QR-Codes an den Cortenstahlwänden angebracht, die zu einer Homepage über das ehemalige KZ Neckargartach führen.

Die Gedenkstätte wurde noch am Gedenktag selbst fertig, erzählt Andreas Keck, Projektleiter der Heilbronner Designagentur Gruppe Sepia: „Es war ein Lernprozess, wir standen auch etwas unter Zeitdruck.“ Die Cortenstahl-Wände sollen die Jahre überdauern, erklärt er. Die Buchstaben im Stahl sollen „Ausschnitte für die Ewigkeit“ sein.

OB Harry Mergel: „Dieser Ort ist Teil unserer Stadtgeschichte

„Wir stehen hier beschämt und bedrückt“, sagt Oberbürgermeister Harry Mergel: „Dieser Ort ist Teil unserer Stadtgeschichte. Und er ist Teil des dunkelsten Kapitels unseres Landes“. Neben den Gräueltaten, die im SS-Arbeitslager täglich vor sich gingen, erzählt Mergel auch von dem Einzelschicksal von Mieczyslaw Charecki. Ein Überlebender des KZ-Neckargartach, der 1945 wie viele weitere nach Dachau deportiert wurde.

Am Jahrestag der Räumung des Arbeitslagers soll den wenigen Überlebenden und den 246 gefundenen Toten gedacht werden. Für dieses Gedenken und das Nicht-vergessen bekennt Harry Mergel in seiner Rede Verantwortung.

„Verantwortung und Verpflichtung, die Erinnerung wach zu halten, damit so etwas nie wieder passiert“ ist es auch, was der Oberbürgermeister in den Teilnehmern sieht, die an diesem Tag zum Gedenken erschienen sind. „Erinnerungskultur ist unglaublich wichtig“, so Mergel. Unter den Anwesenden waren bei der Einweihung der Gedenkstätte auch Jugendgemeinderäte versammelt.

Noch viel Aufarbeitung der Geschichte nötig

Darüber freuten sich die Mitglieder der Initiative der Gedenkstätte KZ Heilbronn-Neckargartach sehr. „Es ist ein Riesenberg, den es aufzuarbeiten gibt. Daher ist es so großartig, dass auch junge Leute sich dem Thema annehmen und aktiv werden“, sagt Raimond Bickelmann aus Eberstadt, der die Initiative mitgegründet hat.

Auch für private Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte ist das Thema Erinnerung von großer Bedeutung: „Es ist unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Zeitzeugen sterben. Es ist an uns, dass diese Zeit niemals vergessen wird. Das wird immer wichtiger“, erzählt eine Besucherin aus Heilbronn.

Das Sichtbarmachen eines scheinbar unsichtbaren dunklen Kapitels Neckargartachs ist auch für die Anwohner von hoher Relevanz: „Es wurde nie wirklich kommuniziert, dass hier ein KZ war. Obwohl ich sogar aus Neckargartach komme“, sagt ein Mitglieder der Gruppe Sepia.

Dieses Sichtbarmachen ist den Verantwortlichen und Mitarbeitern der erweiterten Gedenkstätte des KZ-Neckargartach gelungen. Für Raimond Bickelmann und viele weitere war es ein gelungener Tag. „Wir haben lange darauf hingearbeitet“, sagt er. Beendet wurde die Gedenkfeier mit dem gemeinsamen Singen des Liedes „die Moorsoldaten“.




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