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Landwirtschaft

Züchtung gezielter vorwärts bringen

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Ist die Genschere Fluch oder Segen? Darüber informierten die Genomforscher Holger Puchta und Oliver Trapp beim Sachkundenachweis für Landwirte und Winzer. 

Die Professoren Holger Puchta und Oliver Trapp (rechts) informierten bei der Kreissparkasse über moderne Genomforschung.
Die Professoren Holger Puchta und Oliver Trapp (rechts) informierten bei der Kreissparkasse über moderne Genomforschung.  Foto: Wittmer, Frank

Über 400 Landwirtwirte, Winzer und sonstige Interessierte informierten sich unter der Pyramide bei der Kreissparkasse Heilbronn über die Chancen und Risiken der neuen Genschere. Oder, wie es Professor Holger Puchta vom Karlsruher Institut für Technologie ausdrückte: „Ist die Genschere Teufelszeug oder Heilsbringer?“

Nach einem kurzen, aber unterhaltsamen Crashkurs in Genetik stellte der Karlsruher Professor fest: „Auf diese neuen Techniken haben die Wissenschaftler lange gewartet.“ Im Gegensatz zur klassischen Züchtung sei es mit der Genschere möglich, gezielt einzelne Eigenschaften zu verändern. 

Genschere ist im Weinbau noch Zukunftsmusik

Wolle man einer Weinsorte wie dem Riesling eine im Anbau vorteilhafte Pilz-Resistenz einkreuzen, führte Oliver Trapp aus, leide darunter oft der Geschmack. Der Leiter der Rebenzüchtung des Julius Kühn-Instituts auf dem Geilweilerhof in Siebeldingen war einst Student bei Holger Puchta und beschäftigt sich jetzt mit der Optimierung des Weinbaus. 

In der Praxis ist es aber noch Zukunftsmusik, Rebensorten mittels Gentechnik gegen Schädlinge oder Trockenstress klimafit zu machen. Dauert es bei der Züchtung 25 Jahre, bis eine neue Eigenschaft etabliert ist, wird sich diese Zeitspanne mit der Genschere vielleicht auf 15 Jahre verkürzen. 

Ist die Genschere eine Chance für die Pflanzenzüchtung?

Bei der Frage, ob sich die Methode der Genschere von der klassischen Züchtung unterscheidet, gibt es unterschiedliche Ansichten. Der Wissenschaftler Puchta meint: Statt zufälliger Mutationen und der anschließenden Auslese wie bei der Züchtung könne man mit der Genschere gezielt neue Eigenschaften in Nutzpflanzen einbringen. „Genetische Veränderung ist eine Chance für die Pflanzenzüchtung, schneller zu neuen Eigenschaften zu kommen.“ 

„Viele Kollegen wittern hier Morgenluft und denken, das ist die Zukunft“, meinte ein Landwirt in der Fragerunde. „Im Biolandbau wird das kritischer gesehen.“ Daher sei es gut, so Puchta, dass in der EU-Regelung die Kennzeichnungspflicht von Saatgut erhalten bleiben soll. „Wo Bio draufsteht, ist keine Gentechnik drin.“  

Resistenzen helfen dabei, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren

Die EU sieht aber keine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel vor, wenn mittels der Genschere eine Veränderung vorgenommen wurde. „Wenn ich die Gene verändere, habe ich ja keinen Riesling mehr?“, fragte ein Weinbauer. „Aus rechtlicher Sicht dürfte die Pflanze weiter als Riesling vermarktet werden“, antwortete Trapp, nur dass der Riesling eben gegen Pilze resistent sei. 

Der im Geilweilerhof gezüchtete Calardis Blanc – den spritzigen Weißwein gab es im Anschluss an die Vorträge zu verkosten – hat als erste Rebsorte mehrere Resistenzen gegenüber dem gefürchteten Falschen Mehltaupilz. Der Vorteil: Man spare im Anbau bis zu 70 Prozent an Fungiziden. Auch bei anderen Nutzpflanzen könne man mittels Resistenzen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren, ist Puchta überzeugt. 

Gesetzeslage in der EU hat weitreichende Auswirkungen auf die Landwirtschaft

Ob die Genschere nun „Teufelszeug oder Heilsbringer“ ist, konnte an dem sehr informativen Abend nicht beantwortet werden. Landwirte wie Weinbauern, die ihren Sachkundenachweis im zweiten Teil des Abends erwerben konnten, stehen aufgrund der Klimaerwärmung aber vor der Frage, ob neue Sorten im Anbau nötig sind. 

Klar ist auch, dass die noch nicht endgültige Gesetzeslage in der EU weitreichende Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben wird. Einheitliche Ausprägung von Merkmalen, wie kurze und dicke Halme beim Getreide, seien auf jeden Fall ein Vorteil, egal ob durch Züchtung oder durch genetische Methoden, so Puchta. 

Karlsruher Forscher zum Einsatz der Genschere: „Das haben wir uns von der Natur abgeschaut“

Wenn man bei einer afrikanischen Zwerghirse ein Gen für eine Trockenresistenz in heimisches Nutzgetreide einschleusen, oder beim Weizen das für die Zöliakie verantwortliche Gluten mit der Genschere „ausschalten“ könne, seien das erwünschte Eigenschaften. „Das haben wir uns von der Natur abgeschaut.“ 

Man dürfe aber nicht falschen Versprechungen aufsitzen, wie es die Gentech-Konzerne schon gemacht hätten. „Der Einsatz der modernen Techniken ist ein Mosaikstein, den wir nutzen sollten.“ Im Endprodukt seien keine fremden Gensequenzen mehr enthalten, daher sei es aus seiner Sicht richtig, dass die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel EU-weit wegfallen soll.    

Die Genschere, allen voran CRISPR/Cas9, ist ein molekularbiologisches Werkzeug zur präzisen Veränderung des Erbguts. Sie schneidet die DNA an spezifischen Stellen, um Gene zu entfernen, einzufügen oder zu modifizieren. 




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