„Wir wollen mehr Zeit für Menschen schaffen“ – Heilbronner Start-up kombiniert KI und soziale Arbeit
Drei Sozialarbeiter, ein gemeinsames Studium in Heilbronn und eine Idee, die aus einer Prüfungsaufgabe entstand: Mit SoKI entwickeln Niclas Höhl, Theodor Schöwitz und Philipp Engelsberg eine KI-Plattform für die Soziale Arbeit. Das steckt dahinter.

Zwischen Aktenbergen und Klientenbesuchen bleibt in der sozialen Arbeit oft das Wichtigste auf der Strecke: die Zeit für den Menschen. Dass ausgerechnet künstliche Intelligenz diesen Freiraum zurückerobern könnte, beweisen drei Masterstudenten des DHBW Cas in Heilbronn. Mit ihrem Start-up „Sozial KI“ haben Niclas Höhl, Theodor Schöwitz und Philipp Engelsberg eine Plattform geschaffen, die Dokumentation und Fachsprache automatisiert – und dabei das sensible Thema Datenschutz radikal europäisch denkt. Im Interview erklären die Gründer, wie ihr System funktioniert und warum sie ihr „digitales Kind“ niemals verkaufen würden.
Heilbronner Start-Up kombiniert KI und soziale Arbeit
Sie kommen alle drei aus der Sozialarbeit. Wie ist die Idee für SoKI entstanden?Niclas Höhl: Die Idee kam tatsächlich im Studium. Wir studieren alle den Master „Digitalisierung in der Sozialen Arbeit“ am DHBW Cas. Im Rahmen eines Moduls sollten wir ein digitales Geschäftsmodell für die Sozialwirtschaft entwickeln. Unabhängig voneinander hatten wir alle die gleiche Idee: eine datenschutzkonforme Chat-GPT-Alternative für die soziale Arbeit. Daraus wurde dann schnell ein gemeinsames Projekt.
Was macht SoKI konkret?Theodor Schöwitz: Im Kern ist SoKI eine Plattform, die Fachkräfte bei Schreib- und Dokumentationsaufgaben unterstützt. Ein typisches Beispiel ist die Falldokumentation: Eine Sozialarbeiterin spricht den Verlauf eines Falls einfach ein, und unsere KI formuliert daraus einen fachsprachlichen Eintrag. Das spart Zeit und reduziert den bürokratischen Aufwand deutlich.
Und welches Ziel verfolgen Sie mit der Einführung von SoKI? Schöwitz: Unser Ziel ist es, zu entlasten, nicht zu ersetzen. Wir wollen mehr Zeit für Menschen schaffen. Gerade in der sozialen Arbeit gehen sehr viele Stunden für Dokumentation drauf. Wenn man das effizienter gestalten kann, bleibt mehr Raum für Interaktionsarbeit, also für die eigentliche Arbeit mit den Klienten.
Wie wichtig ist Ihnen dabei der Datenschutz?Niclas Höhl: Extrem wichtig. Das ist für uns ein Kernthema. SoKI ist keine eigene Sprachmodell-Entwicklung, sondern eine Plattform, die mit bestehenden Modellen arbeitet. Wir trainieren keine eigenen KI-Modelle mit Kundendaten. Stattdessen arbeiten wir mit Auftragsverarbeitungsverträgen, verschlüsselter Datenübertragung und klar geregelten Löschfristen. Je nach Wunsch des Kunden können Daten sogar direkt nach der Verarbeitung wieder gelöscht werden.
Sie schließen dabei US-Unternehmen aus. Warum?Höhl: Weil wir mit sehr sensiblen Sozialdaten arbeiten. Für uns kommen deshalb nur europäische Partner infrage. Unternehmen, die unter den US Cloud Act fallen, sind für diesen Bereich aus unserer Sicht nicht sicher genug. Wir wollen Einrichtungen die volle Kontrolle darüber geben, wo ihre Daten liegen, wer sie verarbeitet und wie lange sie gespeichert werden.
Auch Fairness spielt bei Ihnen eine große Rolle. Wie funktioniert das bei KI?Schöwitz: Zunächst mal gibt es keine völlig faire KI. Alle großen Sprachmodelle haben Verzerrungen. Das ist eine Eigenschaft der Daten, mit denen sie trainiert wurden. Wir testen unsere Systeme deshalb gezielt auf Bias und machen mögliche Vorurteile sichtbar. In der sozialen Arbeit ist das besonders wichtig, weil dort mit vulnerablen Gruppen gearbeitet wird.
Wie sieht das in der Praxis aus?Schöwitz: Ein einfaches Beispiel ist, wenn man einer KI dieselbe Frage mit leicht veränderten Merkmalen stellt, etwa ob eine Person mit oder ohne Behinderung für eine bestimmte Aufgabe geeignet ist, die an sich durch die Behinderung nicht beeinträchtigt wäre. Wenn sich die Bewertung verändert, steckt ein Bias dahinter. Solche Unterschiede wollen wir erkennen, dokumentieren und mit den Einrichtungen besprechen.
Wie aufwendig ist die Einführung von SoKI?Philipp Engelsberg: Das hängt davon ab, was die Einrichtung genau möchte. Wenn es nur um eine datenschutzkonforme Alternative für Chat, Textkorrektur oder Übersetzung geht, ist die Einführung relativ schnell möglich. Wenn zusätzlich Assistenten für Sozialberichte oder andere Spezialaufgaben gebaut werden sollen, braucht es etwas mehr Abstimmung. Wichtig ist aber: Wir begleiten die Kunden dabei mit Beratung und Schulung.
Wie geht es mit dem Projekt weiter?Engelsberg: Wir entwickeln SoKI ständig weiter, vor allem anhand von Kundenfeedback. Unser Ziel ist es, organisch zu wachsen und das Produkt so unabhängig wie möglich zu halten. Verkaufen wollen wir es nicht. SoKI soll ein langfristiges Projekt bleiben, das aus der sozialen Arbeit heraus entwickelt wurde und auch für sie da ist.
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