Willkommenskultur: Wie Medien den Blick auf Migration prägen
Bei einer Veranstaltung auf dem Bildungscampus spricht Journalistin Merve Kayikci darüber, warum digitale Räume ein Problem für Vielfalt sein können.

Migration ist eines der am schärfsten öffentlich diskutierten Themen und eines der am meisten polarisierenden Politikfelder. Wie über Migration gesprochen wird und welches Bild eine Gesellschaft damit assoziiert, wird auch davon geprägt, wie Medien darüber berichten.
Willkommenskultur-Veranstaltung auf dem Bildungscampus: Wie Medien den Blick auf Migration prägen
Die Frage, wie Medien und digitale Räume unsere Wahrnehmung auf Migration prägen, stand im Zentrum der diesjährigen Willkommenskultur-Veranstaltung, die am Donnerstagabend auf dem Bildungscampus stattfand. Zum zwölften Mal veranstaltete das Welcome Center Heilbronn-Franken gemeinsam mit dem Kooperationsteam Willkommenskultur das Event.
„Am Ende entscheidet die Technik, was wir sehen“, erklärt Merve Kayikci in ihrem Vortrag. Die Journalistin entwickelt zukunftsfähige und vielfaltsfördernde Formate bei SWR und ARD mit und will unter anderem mit ihrem Podcast „Primamuslima“ muslimischen Lebensrealitäten Gehör verschaffen.
Tech-Konzerne entscheiden über mediale Inhalte
Im Internet hängt der Medienkonsum an amerikanischen und chinesischen Tech-Giganten – Facebook, Instagram, Tiktok und X (Twitter) prägen den digitalen Austausch und lösen klassische Medien immer mehr ab. „Als Elon Musk Twitter gekauft hat und gesagt hat ‚We are media now’ (Wir sind jetzt die Medien), hat mir das Angst gemacht. Aber er hat recht“, sagt Kayikci.
Soziale Medien würden schon immer intensiv von Migranten genutzt werden, um sich auszutauschen, zu vernetzen und sichtbar zu sein. Als Social Media noch in den Kinderschuhen steckte, vor circa 15 Jahren, hätten sich Migranten über die Möglichkeit gefreut, sich ungefiltert und ohne klassische Medien als Vermittler, Gehör verschaffen zu können. Doch das Blatt habe sich gedreht, sagt Merve Kayikci. „Migrantische Communities sind die ersten Opfer von Medienoligarchen, wie die Tech-Konzerne es sind.“
Journalistin Merve Kayikci: „Wir machen Inhalte für den Algorithmus“
Das liege an verschiedenen Faktoren, unter anderem, dass Algorithmen Anti-Migrations-Narrative verstärken und Hass und Desinformation mehr Reichweite erhalte als differenzierte Darstellungen. „Konzerne entscheiden darüber, was wir sehen. Und das bedeutet den Verlust einer gemeinsamen Realität.“
Das liege nicht daran, dass Algorithmen per se schlecht sind. Wären sie transparent programmiert und hätte man als Nutzer Einfluss auf den Algorithmus, würden sie keine Gefahr darstellen, das ist aber nicht die Realität. „Ich merke das auch bei uns in der Redaktion. Wir machen keinen Content für die Nutzer, wir machen Inhalte für den Algorithmus, überlegen, was gepusht werden könnte, richten uns nach Trends.“
Kein Grund für Pessimismus: Wege aus der Krise
Ist also alle Hoffnung verloren? Auf keinen Fall, sagt Merve Kayikci. „Ich habe natürlich auch selbst noch nicht aufgegeben. Ich liebe das Internet.“ Drei Wege sind für sie zentral, um aus der Krise zu kommen, um „den Code zu brechen“. Allem voran müsste der Gesetzgeber auf strengere Regulierungen pochen, die Tech-Konzerne mehr in die Pflicht nehmen. Außerdem müsste man dezentrale Alternativen bauen und durch europäische Lösungen unabhängiger werden. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk setze sich laut Kayikci intensiv damit auseinander, wie man eine öffentlich-rechtliche Plattform gestalten könne.
Und auch, wenn man keinen vollständigen Einfluss auf den Algorithmus hat: „Bewusst konsumieren. Auf Instagram aktiv den „dieser Inhalt interessiert mich nicht“-Button nutzen, um Inhalte besser zu filtern und Konten, die Hass und Hetze verbreiten, nicht einfach weiterwischen, sondern konsequent melden.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare