Wie Schwester Mirjam Inklusion in sieben Heilbronner Kitas etablierte
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Die Psychotherapeutin und Franziskanerin Mirjam Brüggemann spricht über ihre Erfahrungen mit dem Heilbronner Pink-Projekt, das Kinder mit Beeinträchtigung in Kitas integrieren will. „Die anderen Kinder profitieren“, sagt sie.
Schwester Mirjam Brüggemann (Mitte) bei ihrer täglichen heilpädagogischen Arbeit im Petrus Kindergarten in Heilbronn-Böckingen.
Foto: Lina Bihr
Ihre Augen lächeln freundlich. Voller Wärme erzählt sie von ihren Schützlingen, die sie jahrelang als eine von drei Inklusionsbeauftragten in Heilbronner Kindertagesstätten betreut hat. Bei der Franziskanerschwester Mirjam Brüggemann fühlen sich Eltern und Kinder mit Beeinträchtigungen aufgehoben, das strahlt sie aus. „Meine Aufgabe war es, Inklusion in Kindergärten zu etablieren“, sagt sie. Das Projekt Pink (Projekt Inklusion in Kindertagesstätten) der Stadt Heilbronn verfolgt dies seit 2016. „Es ist ein Erfolg“, sagt sie. Auch wenn es Haken und Ösen gibt.
Ihr Gebiet war herausfordernd. Fünf Kitas in Alt-Böckingen, viele Menschen mit Migrationshintergrund leben hier, zwei Kitas Richtung Haselter. Beeinträchtigungen bei der Sprachentwicklung gehörten zum Alltag.
Herausfordernd war auch die Arbeit. Kinder, die mit Stühlen werfen, schreien, die die Fliesen der Toilette ablecken wollen, die sich im Vorübergehen eine Handvoll Perlen in den Mund stecken oder stachelige Maronen. Die Stacheln hat sie mit der Pinzette aus der Zunge gezogen. Kein Job für schwache Nerven. „Manche Kinder haben eine starke Weglauftendenz, aber die Türen des Kindergartens müssen ja offen bleiben.“
Ein Schwerpunkt waren Kinder, die mit Spielmaterial nichts anfangen konnten
Sieben Kitas, das war viel in einer Woche mit fünf Arbeitstagen. Die gelernte Heilpädagogin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin versuchte immer, nah dran zu sein an den Jüngsten. „Ein Schwerpunkt waren Kinder, die mit Spielmaterial nichts anfangen konnten, die permanent durch die Kita rannten und die auch verbal nichts aufgenommen haben, etwa beim Morgenkreis.“
Autismusspektrumsstörung, ADHS, kognitive Beeinträchtigungen: Solchen Kindern Themen vorzugeben, ist der falsche Weg. Vielmehr musste sie herausfinden, wo der Interessensschwerpunkt lag. Bei Musik vielleicht? Oder beim Bauen? Zwei bis vier Stunden war sie wöchentlich in jeder Kita. Manche der ihr zugeordneten 18 Kinder hatten eine Betreuungsperson an ihrer Seite, ohne die der Kindergartenbesuch nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre.
Heilpädagogische Förderung war ihre Aufgabe
Gezielte heilpädagogische Förderung, das war ihre Aufgabe. „Man denkt, autistische Kinder können keine Beziehung aufbauen, aber das stimmt nicht. Sie zeigen sehr klar, ob sie jemanden akzeptieren.“ Ihre Entwicklung zu verfolgen, bereitete ihr große Freude.
Zudem schätzte sie den Kontakt zu den pädagogischen Fachkräften. „Es war ein enormer Prozess von anfänglich großer Skepsis zu vertrauensvoller Zusammenarbeit.“ Davon profitierten alle. „Die Erzieherinnen stellten mir häufig Kinder vor, die keinen speziellen Inklusionsbedarf hatten, aber in ihrer Entwicklung auffällig waren.“ Niederschwellige Förderung ohne bürokratischen Aufwand, ohne dass die Eltern einen Antrag auf Eingliederungshilfe stellen müssen, mit Diagnose und Arztterminen, das ist das Ziel.
Viel Sensibilität war auch gegenüber den Eltern gefragt
Der Beziehung zu den Eltern, oft Familien mit Migrationshintergrund, kam ein besonderer Stellenwert zu. „Oft waren sie sehr empfindlich gegenüber den Deutschen, die sie als rechthaberisch empfanden und als vermeintlich alles besser wissend.“ Fingerspitzengefühl war gefragt. „Man muss sensibel sein, Geduld haben und das verstehen“, sagt sie. „Es ist ein schwerer Schlag für Eltern, wenn sie erkennen müssen, dass ihr Kind anders ist.“
Ihr Alter sieht die 72-Jährige als großen Vorteil. „Meine Erfahrung ist für Menschen mit Migrationshintergrund ein großes Plus.“ Oft hätten ihr die Erzieherinnen rückgemeldet, dass die Art, wie sie mit Eltern spreche, sehr hilfreich sei.
Auch wenn sie die Budgetierung teils als zu einschränkend empfand, sagt sie: „Es ist nicht immer alles möglich, was Eltern sich wünschen.“ Zu dem Projekt zieht sie positive Bilanz. Die Kita-Kinder hätten davon profitiert und keinerlei Berührungsängste gehabt. Aber, etwa im Fall eines mehrfach schwerbehinderten Jungen, hätte sie sich gewünscht, dass er ein Jahr vor Schulbeginn in die Kita der Paul-Meyle-Schule mit Förderschwerpunkt geistige und körperliche Entwicklung gekommen wäre. „Weil es dort die Fachleute gibt, die auf die Sonderentwicklung eingehen können, und auch die erforderlichen Spezialgeräte.“ Das sei aber wegen des Fachkräftemangels nicht möglich gewesen.
Schwester Mirjam Brüggemann war 37 Jahre lang in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung mit 600 Mitarbeitenden in Stuttgart tätig, im Kinderzentrum St. Josef. Zuletzt war ihre Aufgabe dort die Begleitung und Förderung sozial benachteiligter Familien. Die Ordensschwester vom Kloster Sießen in Bad Saulgau hat das ambulante Intensivtraining Elisa entwickelt und geleitet. Es richtet sich an Familien mit Kindern bis zu vier Jahren, die Hilfe in der Erziehung brauchen.
Psychische oder physische Krisen oder Süchte steckten teils dahinter, oft wurden sie vom Jugendamt geschickt. Nun zieht es die 72-Jährige nach Berlin Kreuzberg in einen Schwesternkonvent „mitten im Kiez“. „Ich werde mir Beratungstätigkeiten im Kinderbetreuungsbereich suchen.“ Ihr Traum: Babymassage anzubieten. „Wenige Wochen nach der Geburt sind die Eltern so sensibel für die Signale des Kindes.“
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