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Social-Media-Verbot für Jugendliche

Wie Kokain und dazu noch kostenlos: Warum Forscher für Altersgrenze bei Social Media ist

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Hochkarätige Leopoldina-Konferenz bei der Akademie für Innovative Bildung und Management (AIM) in Heilbronn. Was aus Sicht des Experten Ralph Hertwig für eine Altersgrenze spricht.

Zu viel Zeit mit Social Media: Mittlerweile wird über Mindestalter bei sozialen Netzwerken diskutiert.
Zu viel Zeit mit Social Media: Mittlerweile wird über Mindestalter bei sozialen Netzwerken diskutiert.  Foto: Christophe Gateau

Deutschland diskutiert über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche, auch im Landtagswahlkampf war ein Mindestalter Thema. Social Media zu beschränken, dafür hat sich schon vor einigen Monaten die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) stark gemacht.

Ralph Hertwig, Leopoldina-Mitglied und tätig am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, hat eine klare Haltung dazu. Er gehörte zu den Rednern bei einer Leopoldina-Konferenz auf dem Bildungscampus in Heilbronn, organisiert von der Akademie für Innovative Bildung und Management (AIM).

Diskussion über Social-Media-Verbot: Wann aber digitale Geräte in Schulen sinnvoll sind

Heilbronn setzt sehr stark auf die Digitalisierung des Unterrichts. Zusammen mit der Dieter-Schwarz-Stiftung hat die Stadt Heilbronn ein 50-Millionen-Euro-Paket auf den Weg gebracht, um alle Kinder und Jugendlichen an den öffentlichen Schulen mit einem eigenen Tablet auszustatten – vorausgesetzt, die Schulen beantragen dies. Die Verteilung läuft, einige Schulen nutzen die Geräte seit über einem Jahr.

Ralph Hertwig nimmt an Leopoldina-Konferenz auf dem Bildungscampus in Heilbronn teil.
Ralph Hertwig nimmt an Leopoldina-Konferenz auf dem Bildungscampus in Heilbronn teil.  Foto: aim

Bei Grenzen von Social Media geht es nicht um den digitalen Unterricht. Das betont Ralph Hertwig im Gespräch mit unserer Zeitung. Tablets seien nötig, um didaktische Ziele zu erreichen. Damit meint der Forscher nicht nur den speziellen Fachunterricht. Wichtig ist ihm auch: Die Kinder und Jugendlichen würden ja auch erst so die Technik dahinter verstehen und Medienkompetenz erhalten.

Tablet im Unterricht: Was dann aber gelten muss

Allerdings heißt das eben auch: Ausgeschaltet werden muss alles Störende. Keine Meldung, wenn eine E-Mail eingeht. Oder sonst etwas, das ablenkt. Ralph Hertwig findet klare Worte, wenn er über Social Media spricht. „Das Kokain ist da, unbegrenzt und kostenlos.“ Was er damit meint: Social Media kann süchtig machen.

Ralph Hertwig, Professor für Psychologie und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, spricht zugleich auch davon, dass man Kinder vor etwas Vergleichbarem setze wie Glücksspielautomaten. Bei Glücksspielautomaten geht es um den Gewinn, bei Social Media unter anderem um die viralen Posts – also jene Beiträge, die plötzlich auf riesige Resonanz stoßen. Die großen Techkonzerne hätten es geschafft, eine „hoch-effiziente Belohnungsmaschine“ zu entwickeln: Es geht darum, die Selbstregulation auszuhebeln.

Süchtig machend: Welche Elemente dafür verantwortlich sein können

Seine Punkte: Man könne endlos weiterblättern, es gebe spielerische Elemente und soziale Belohnungen. Das seien suchtfördernde Eigenschaften, so der Experte. Mögliche Folgen davon: Kinder und Jugendliche würden sich ständig mit sozialen Medien beschäftigen, die Nutzungsdauer steigt, sie seien nervös, wenn sie sich gerade nicht in den Foren aufhielten.

Wenn Kinder keine Grenzen bei Social Media kennen, fehlen sie ihnen dann auch in der realen Welt? Laut Ralph Hertwig hat die Forschung noch nicht herausgefunden, ob und wenn ja, wie es zu Problemen im normalen Alltag kommen könnte.

Spielen mit Gesundheit der nächsten Generation: Forscher möchte regulierend eingreifen

Nur: Deshalb nichts zu tun, das ist für ihn keine Option. „Wir spielen mit der psychischen Gesundheit der nächsten Generation“, so Ralph Hertwig. Lieber sollte man jetzt regulierend eingreifen, bevor es zu spät sei. Die Regeln zurückfahren, das könne man immer zu einem späteren Zeitpunkt. Ralph Hertwig nimmt alle in die Pflicht, die Tech-Konzerne genauso wie die Politik, Eltern, Schulen oder Vereine. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Die Politik hat die Zeichen erkannt, viele Länder würden aktiv, auch auf EU-Ebene tue sich etwas. Allerdings müsse die Politik eben weitaus mehr beachten als nur die sozialen Netzwerke. Dazu gehört für ihn auch die Weltpolitik. Ralph Hertwig spricht von einer „brisanten, geopolitischen Diskussion“. Wie verhalten sich die USA gegenüber Europa, wenn Techkonzerne auf der anderen Seite des Atlantiks geregelt werden sollten?

Der Wissenschaftler ist aber optimistisch, dass sich ein Konsens finden lässt. Und bis der vorliegt, solle man national voranschreiten mit Themen, die hier geregelt oder angegangen werden können. Deutschland könne teilweise selbst aktiv werden, etwa Medienkompetenz und digitale Mündigkeit stärken: „Es gibt viele Dinge, die wir tun können“, betont er. Und die sollte man jetzt „ernsthaft und mit dem bestmöglichen Einsatz unserer Ressourcen tun“.

170 Teilnehmer nahmen an der Konferenz der Akademie für Innovative Bildung und Management teil, Geschäftsführer Marco Haaf ist mit der Resonanz zufrieden. Es ging darum: Wie lernen Kinder und Jugendliche, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, Impulse zu kontrollieren und langfristige Ziele zu verfolgen in einer Welt, die zunehmend von digitalen Reizen geprägt ist? „Es hat aufgezeigt, dass noch viel umgesetzt werden muss“, so Marco Haaf zum zweitägigen Treffen. Die Selbstregulation, so der AIM-Chef, müsse einen höheren Stellenwert bekommen.




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