„Wichtig ist, das richtige Problem zu finden“: Wie Mittelständler in Heilbronn das Programmieren entdecken
Haben einen kritischen Blick auf die aktuelle Wirtschaftslage: Worin für die beiden Software-Experten Moritz Carthaus und Thomas Bornheim die Schwierigkeiten liegen.

Die Region Heilbronn macht mit Künstlicher Intelligenz (KI) Schlagzeilen: Innovationspark Künstliche Intelligenz (Ipai), ein Landesgraduiertenzentrum zu angewandter KI als Kaderschmiede dreier Unis, dazu noch die Entwicklungen rund um die Schwarz-Gruppe. Auf den ersten Blick könnte es also gut laufen in Bereichen der IT. Nur: Thomas Bornheim und Moritz Carthaus wollen es bei solchen Leuchtturmprojekten nicht belassen. Sie legen den Finger in die Wunde. Wer sich länger mit ihnen unterhält, nimmt sie als Mahner und Ermutiger war. „Als Kraft der Hoffnung“, wie sich Thomas Bornheim auch nennt.
Es klingt skeptisch, wenn Thomas Bornheim die Lage analysiert. Der Mittelstand habe sich in Nischen festgesetzt, sagt Bornheim, der die Programmierschule 42 in Heilbronn aufgebaut hat und jetzt das Softwarelabor Level 3 verantwortet. Von einem „Tal der Tränen“ spricht er. Müsste er investieren, er würde eher auf Start-ups setzen. Moritz Carthaus, jetziger 42-Geschäftsführer in Heilbronn, sieht das ähnlich: Es laufe noch nicht gut dabei, aus „hervorragender Forschung“ Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Programmierschule 42 und Softwarelabor Level 3 in Heilbronn: So arbeiten die beiden
Die beiden kennen sich in Sachen IT aus. Thomas Bornheim hat sogar mehrere Jahre lang bei Google gearbeitet. Er kennt die Entwicklungen andernorts, das klare Voranpreschen der Unternehmen in anderen Nationen. „Wir müssen in die Geschwindigkeit kommen“, sagt er.
Mit ihren Programmierschulen wollen die beiden die nötigen Grundlagen dafür schaffen. Level 3, erst seit wenigen Monaten auf dem Markt, hat laut Thomas Bornheim schon mit Lufthansa zusammengearbeitet. „Die Industrie merkt, dass die Mitarbeiter anders lernen müssen.“
Selbstständiges Arbeiten ist ein Fokus
Selbstständiges Arbeiten, selbstständig im Team an Aufgaben herangehen, das alles ohne festes Curriculum: Nach diesem Motto funktioniert die Programmierschule 42. Gerade durch diese Methode sieht Moritz Carthaus seine Absolventen gut auf die Zukunft vorbereitet – und das, obwohl es immer wieder heißt, dass mit KI die Programmierer überflüssig würden. Er sieht das anders: Coding sieht er als Methodik an. Man bringe den Menschen bei, Probleme zu lösen. „Und deren Anzahl wird nicht sinken“, ist er überzeugt.
Manche Mittelständler werden auf die 42 in Heilbronn aufmerksam, und sie würden neugierig, so die Einschätzung. Früher investierten die Unternehmen viel Geld in Software, die sie einkaufen mussten. Nun können entsprechend ausgebildete Mitarbeiter einzelne Bausteine auch selbst entwickeln, betont Moritz Carthaus, und das in schnellerem Turnus als die großen Softwareunternehmen.
Elitenprogramm in Heilbronn: Warum aber auch Generalisten nötig sind
42 und Level 3 verstehen sich zugleich als Teil des Heilbronner Ökosystems, also des Netzwerks der vielen Akteure rund um den Bildungscampus und Ipai. Zugleich sehen sich beide als Elitenprogramm in Heilbronn an. Wer die Schulen hintereinander durchläuft, zähle zu den besten seines Fachs, ist Thomas Bornheim überzeugt.
Das ist aus Sicht der beiden erforderlich. Fachkräfte, wie noch vor einigen Jahren gefordert, würden nicht mehr benötigt – KI-Anwendungen könnten viele ersetzen. „Man muss generalistisch denken“, sagt Thomas Bornheim. Klassische Wissensarbeit würde nicht mehr benötigt, so seine Einschätzung. „Wichtig ist, das richtige Problem zu finden.“ Genau das also, was in den beiden Software-Schmieden beigebracht werde. Hier lerne man, „sich neue Fähigkeiten draufzusatteln“, sagt Moritz Carthaus über seine Absolventen.
Die beiden Geschäftsführer gehen davon aus, dass immer mehr ihrer Absolventen in die Unternehmen in der Region vordringen und so auch ein anderes Denken in diese hineinbringen. „Die brechen Silos auf“, sagt Moritz Carthaus. Davon profitieren am Ende die Firmen: Sie würden zu stets lernenden Organisationen.
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