Vielfalt kommt im Gemeinderat in Heilbronn kaum an – woran das liegt

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In kaum einer Stadt in Deutschland leben so viele Menschen mit Migrationshintergrund wie in Heilbronn. Im Gemeinderat aber haben nur fünf von 40 Mitgliedern einen Migrationshintergrund.

Von Anton Hartmann

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Judo-Training bei der TSG Heilbronn, Kinder aus über zehn Nationen ringen miteinander, lachen, helfen sich gegenseitig auf. „Es interessiert hier niemanden, von wo die kommen“, sagt Ferdi Filiz und schaut ihnen nach. „Wenn wir so drauf sind wie diese Kinder, dann funktioniert auch Integration.“

Filiz, 43 Jahre alt, in Heilbronn geboren, aufgewachsen in der Türkei. Judotrainer seit 1991, Filialleiter im Einzelhandel, seit 2024 Stadtrat für die Grünen. In kaum einer Stadt in Deutschland leben so viele Menschen mit Migrationshintergrund wie in Heilbronn: 60,3 Prozent waren es im März 2026. Im Gemeinderat aber haben nur fünf von 40 Mitgliedern einen Migrationshintergrund.

Kaum Menschen mit Migrationshintergrund auf Wahllisten: Ferdi Filiz nennt zwei Gründe

Filiz nennt es ein „trauriges Armutszeugnis“, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf den Wahllisten der Stadt jahrelang kaum vorkamen. Dafür gebe es zwei Gründe: strukturelle Hürden innerhalb der Parteien und Resignation in den Communities selbst. Viele engagierten sich zu spät, zu kurzfristig, meint Filiz. „Da kannst du ein halbes Jahr vor der Wahl nicht plötzlich Gas geben und erwarten, dass dich jemand kennt.“

Die Vorsitzenden des Heilbronner Jugendgemeinderats.
Die Vorsitzenden des Heilbronner Jugendgemeinderats.  Foto: Anton Hartmann

Nach einer ersten Kandidatur auf Platz 18 der Wahlliste der Grünen nutzte Filiz die folgende fünfjährige Phase im Bezirksbeirat Sontheim, um Parteistrukturen kennenzulernen, sich politisch einzubringen. Diese Vorarbeit führte dazu, dass er 2024 auf dem vierten Listenplatz der Grünen antrat und schließlich in den Gemeinderat gewählt wurde.

„Gemeinsam für unser Heilbronn“ eine der ersten rein migrantisch geprägten Wählervereinigungen 

Über die Liste „Gemeinsam für unser Heilbronn“, die zur Kommunalwahl 2024 gegründet wurde, zog Musab Sarpkaya in den Gemeinderat ein. Die Liste wurde als eine der ersten rein migrantisch geprägten Wählervereinigungen im Südwesten Deutschlands bekannt. Sarpkaya kritisiert, dass die zeitliche Gestaltung der Politik viele Menschen ausschließe. Da Gemeinderatssitzungen oft bereits um 15 oder 16 Uhr beginnen, sei es für Vollzeitbeschäftigte praktisch unmöglich, daran teilzunehmen. Schon deshalb säßen im Gemeinderat laut Sarpkaya vor allem Menschen, die sich ihre Zeit frei einteilen können oder freigestellt werden, wie Rentner oder Lehrkräfte.

Musab Sarpkaya hat sich inzwischen der Fraktion der Freien Wähler angeschlossen. Nicht alle im Rat vertretenen Parteien begrüßen die Idee einer Liste für Zugewanderte. Die CDU lehnt die Einführung spezieller Listen für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ab. Für sie sei eine gemeinsame Wertebasis entscheidend, daher würde es keine „Wahlvorschlagslisten brauchen, die ausschließlich Mitbürger mit Migrationshintergrund berücksichtigen“, heißt es auf Anfrage.

Der Autor/Die Autorin ist Stipendiat/in der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die JONA ist eine studienbegleitende Ausbildung, die mit jedem Fach kombinierbar ist. Die Geförderten lernen das journalistische Handwerk von Profis aus der Praxis, werden finanziell unterstützt und individuell auf ihrem Weg in die Redaktionen betreut. Die Kurse finden in den Semesterferien statt und vermitteln Grundlagen wie Recherche oder Schreiben genauso wie Freude an Innovation. Das Journalismus-Stipendium bietet außerdem Raum für praktische Erfahrung, Austausch und Reflexion. Acht Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz Deutschland kamen im März für zehn Tage nach Heilbronn für ein Seminar zu Lokaljournalismus. Unter dem Oberthema „Eine Stadt im Spannungsfeld“ haben sie Texte für die Heilbronner Stimme geschrieben und Social Media Beiträge produziert. 

Während die SPD den „deutlichen Aufholbedarf“ bei der Repräsentation durch gezielte Listenplätze für migrantische Menschen decken will, sagt die FDP, dass es nicht darauf ankomme „woher jemand kommt, sondern wohin er möchte“. Die AfD beantwortet die Frage nach der geringen Vertretung von Menschen mit Migrationshintergrund mit: „Das müssen Sie die Migranten selbst fragen.“ Und ergänzt: „Sofern die Migranten eingebürgert worden sind, gibt es keinen Grund, diesen die politische Teilhabe zu verwehren.“

Große Diskrepanz zwischen Jugendgemeinderat und Gemeinderat

19. März, konstituierende Sitzung im großen Ratssaal. Oberbürgermeister Harry Mergel schüttelt den neuen Mitgliedern des Jugendgemeinderats die Hände. „Ihr seid der Motor für Veränderungen und ich habe volles Vertrauen in eure Fähigkeiten.“ Fast alle von ihnen haben eine Migrationsgeschichte. Hajar Rahma El-Beik wurde als einzige Vertreterin erneut in den Jugendgemeinderat gewählt. Sie sieht in der mangelnden Sichtbarkeit von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, insbesondere von Frauen mit Kopftuch, ein zentrales Defizit in der politischen Repräsentation Heilbronns.

Die große Diskrepanz zwischen dem Jugendgemeinderat und dem Gemeinderat führt sie auf Sprachbarrieren sowie ein fehlendes Sicherheitsgefühl zurück. Viele Betroffene hätten Angst vor Rassismus oder Missverständnissen. Auch Julius Muro, der an diesem Abend zum Vorsitzenden gewählt wurde, findet, um echte Teilhabe zu ermöglichen, müsse man vor allem den Diskurs mit Entscheidungsträgern und anderen Menschen suchen. Der 16-Jährige plädiert dafür, proaktiv auf Menschen zuzugehen und als Gesellschaft deutlich zu zeigen, dass man offen für kulturelle Vielfalt ist und diese Menschen wirklich einbinden möchte. Dass der Jugendgemeinderat im Gegensatz zum großen Gemeinderat bereits sehr vielfältig besetzt ist, führt er auf dessen inklusiven Charakter und die gezielte Ansprache geeigneter Schüler durch Lehrkräfte zurück. Muro und El-Beik können sich vorstellen, später auch für den Gemeinderat zu kandidieren.

Junge Generation denkt nicht mehr in Rückkehroptionen

Für Ferdi Filiz von den Grünen erklärt sich die Vielfalt im Jugendgemeinderat schlicht so, dass diese junge Generation nicht mehr in Rückkehroptionen denke: „Die nächste Generation ist so, dass sie sagt, was soll ich da drüben? Ich kann die Sprache nicht richtig, ich kenne dort niemanden. Ich bin hier zu Hause.“




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