Täterarbeit in Heilbronn: Ruhig bleiben, wenn ich hart provoziert werde
Im Kurs der Jugendhilfe Unterland und Sozialberatung Heilbronn sollen gewalttätige Männer Opferempathie lernen. Solche Angebote sind rar, obwohl die Fallzahlen steigen.
Er sieht gut aus, dunkle Augen, sportlich. Ein lockerer Typ, eloquent und witzig. Stefan B. (alle Namen der Kursteilnehmer von der Redaktion geändert) ist Lehrer. Er soll Kindern und Jugendlichen ein Vorbild sein. Seit Oktober sitzt er in der Gruppe Täterarbeit der Sozialberatung und Jugendhilfe Unterland, weil er gemerkt hat, dass es so nicht weitergeht. Immer wieder hat Stefan B. seine Ex-Freundin geschlagen.
Angebote zur Täterarbeit sind rar. In Hohenlohe fehlen sie völlig, gibt das Sozialministerium in Stuttgart Auskunft. Mancher Teilnehmer fährt eine Stunde, um zu dem Termin in Heilbronn zu kommen. Seit dem Jahr 2015 steigt im Polizeipräsidium Heilbronn die Zahl der angezeigten Fälle von Partnergewalt. In der neuesten Kriminalstatistik von 2024 waren es 1248 Taten. In den meisten Fällen kam es zu Körperverletzungen. Mehr als die Hälfte der Verdächtigen ist der Kripo bekannt. Täterarbeit ist wichtig, sie dient auch den Opfern.
Früh hat Stefan B. in der Familie Gewalt erfahren. „Schon als Kind hat es sich schlimm angefühlt. Als Täter ist es heftig beklemmend,“ sagt er. Und: „Ich bin der einzige, der ohne Auflage des Gerichts da ist.“ Kein Grund stolz zu sein, wie er ergänzt. „Das liegt nur daran, dass sie mich nicht angezeigt hat.“
Bilanz von sechs Jahren Beziehung: ein Bruch, Narben, blaue Flecken, drei zerstörte Handys
Die Bilanz von sechs Jahren Zusammensein: drei zerstörte Handys, schlimme Urlaubsreisen, eine gebrochene Hand, weil er mit der Faust in die Wand geschlagen hat, „blaue Flecken, vielleicht körperliche Narben“, sozialer Schaden, Scham, kaputte Gegenstände. „Ich kann es bis heute nicht verstehen, wie das zustande kommen konnte.“
In der Gruppe habe er viel gelernt, sagt er. Sich zu stabilisieren. In Diskussionen mit der neuen Partnerin auf seine Körperhaltung zu achten, zur Not rauszugehen, eine Runde an der frischen Luft zu drehen. „Ich weiß, ich sollte und kann mich anders ausdrücken als mit Gewalt.“
Die Männer überlegen: Ist Schreien auch Gewalt?
Alle acht Männer, die einmal die Woche in die Räume der Jugendhilfe Unterland kommen, versuchen gemeinsam mit Lars Neudenberger von der Sozialberatung Heilbronn und Emilia Rudzik, Geschäftsführerin der Jugendhilfe Unterland, zu erarbeiten: Wie komme ich aus der Aggressionsspirale? Ist Schreien auch Gewalt? Den anderen mit Verachtung strafen, ihn erniedrigen und verbal da treffen, wo es am meisten wehtut? Und: Was sind eigentlich Gefühle? „Gut oder nicht gut“, komme dann als Antwort, erzählt Lars Neudenberger.
Was sie heute machen, ist das zu reflektieren, was sie schon als Themen hatten. Die Biographiearbeit, die eigentlich dran gewesen wäre, ist zu intim für die Presse. „Wut“, nennt Dany K., ein junger Mann mit Bart und Hoodie, als Beispiel für ein Gefühl. „Angst“ wirft Chris ein. „Ich bin eh Gefühlslegastheniker“, resigniert ein Mann. Opfer-Empathie sollen sie hier lernen. Nicht nur ruhig zu bleiben, „wenn ich ganz hart provoziert werde“, wie es einer formuliert.
Das erreichen die Trainer etwa durch eine Reise in die Vergangenheit, bei der sich die Teilnehmer an ihr Lieblingsspielzeug als Kind erinnern. Das kann eine Nintendo sein, wie bei Dany K.. „Ein Geschenk der Eltern, extrem wichtig.“
Mittlerweile ist die Gruppe auf sechs geschrumpft, wer zu oft fehlt, darf nicht mehr kommen. Dabei zu sein, ist ein Privileg, es gibt eine Warteliste.
Ein Glaubenssatz lautet: Angriff ist die beste Verteidigung
Der Jüngste ist 20, der Älteste um die 50 Jahre, sie sind im Bürgergeldbezug, arbeiten in der Produktion oder als IT-Spezialisten. Männer mit und ohne Migrationshintergrund sind darunter. Familienväter.
Die Glaubenssätze, die sie aufzählen sollen, kommen wie aus der Pistole geschossen. „Ich bin an allem schuld“, sagt einer. Aber auch: „Angriff ist die beste Verteidigung.“ Den Gewaltkreislauf, den Emilia Rudzig und Lars Neudenberger erklärt haben, ist Dany K. im Gedächtnis geblieben. Erst Gewalt, dann Erleichterung. Später aber: Entsetzen und Scham.
Die Verantwortlichen von Jugendhilfe Unterland und Sozialberatung hoffen, dass das Angebot in eine Regelfinanzierung übergeht. Im Moment arbeiten die Vereine „pro bono“ und übernehmen einen Großteil der Kosten, sagt Lars Neudenberger von der Sozialberatung. Ziel ist, einen entsprechenden Antrag für den nächsten Doppelhaushalt der Stadt Heilbronn zu stellen. In Heilbronn gibt es einen runden Tisch „häusliche Gewalt“. „Froh und dankbar“ über das Angebot in der Täterarbeit ist Karl Friedrich Bretz, Geschäftsführer der Diakonie Heilbronn, die das nicht anonyme Frauenhaus betreibt.
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