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Wissenschaftler diskutieren in Heilbronn über Krebstherapie der Zukunft

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Der israelische Nobelpreisträger Aaron Ciechanover warnt auf dem Bildungscampus vor den ethischen Folgen einer immer leistungsfähigeren Medizin. Für den Chef der Charité-Krebsmedizin ist das Symposium unterdessen ein Heimspiel: Lars Bullinger stammt aus Böckingen.

Von Valerie Blass
Aufmerksames Zuhören war gefragt: Die Vorträge richteten sich an ein Fachpublikum aus Ärzten und IT’lern. Fotos: Veigel
Aufmerksames Zuhören war gefragt: Die Vorträge richteten sich an ein Fachpublikum aus Ärzten und IT’lern. Fotos: Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Wissenssysteme und komplexe Krebsdaten, DNA-Reparatur in der Onkologie: Die Vorträge auf dem Heilbronner Bildungscampus sind schon dem Titel nach so anspruchsvoll, dass die meisten Politiker und Journalisten den Saal gleich nach der Begrüßung wieder verlassen.

Die Botschaften des Molit-Symposiums sind dafür sehr konkret: Die Nutzung von Daten kann die Medizin revolutionieren. Krebs wird viel zielgerichteter und individueller behandelbar sein, wenn Ärzte und IT-Experten zusammenarbeiten, um aus großen Datenmengen Erkenntnisse für individuelle Therapien abzuleiten.

"Ein schnellerer Zugang zu Daten würde uns als Ärzten die Arbeit deutlich erleichtern, und wir hätten mehr Zeit für unsere Patienten", sagt SLK-Oberärztin Stephanie Berger, die mit vielen Kollegen aus der Medizinischen Klinik III am Gesundbrunnen - der Krebsmedizin - unter den Zuhörern ist. Es sei toll, zu hören, was noch alles möglich sei. "Und es ist faszinierend, dass wir in Heilbronn die Verbindung von IT und Medizin schon haben."

Von Böckingen aus in die Welt

Deshalb ist auch Lars Bullinger gekommen, Chef der Krebsmedizin an der Berliner Charité. Er war in Heidelberg, Ulm, Stanford, Harvard. Und er stammt aus Böckingen, "von der Schanz", wo seine Eltern noch heute leben, hat am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium Abitur gemacht, wie er mit leicht regionaler Sprachfärbung erzählt.

Durch Zeitungsberichte hat er erfahren, was in Heilbronn in Sachen Krebsmedizin am Entstehen ist, erzählt der 47-Jährige - deshalb habe er mit der Dieter-Schwarz-Stiftung Kontakt aufgenommen, die das Molit-Institut unterstützt. So kam die Verbindung zu seinem SLK-Kollegen Uwe Martens zustande. Bullinger sagt, er arbeite mit seinem Team in Berlin an ganz ähnlichen Fragestellungen wie die Kollegen in der alten Heimat. "Wir stehen vor einem neuen Zeitalter in der Medizin." Die Wissenschaft werde "überrollt von großen Datensätzen". Nun gehe es darum, diese richtig anzuwenden. Seine Vision: ein Netzwerk von Unikliniken, nicht universitären Einrichtungen wie dem Tumorzentrum Heilbronn und Einzelpraxen.

Heilbronner unter sich: Burkard Lippert, Chef der HNO-Klinik am Gesundbrunnen (links) mit Lars Bullinger von der Charité. Foto: Blass
Heilbronner unter sich: Burkard Lippert, Chef der HNO-Klinik am Gesundbrunnen (links) mit Lars Bullinger von der Charité. Foto: Blass  Foto: Blass, Valerie

Den Netzwerkgedanken betont auch Organisator Uwe Martens: "Solch eine beeindruckende Mischung aus Grundlagenforschern, Krebsmedizinern und IT-Leuten habe ich noch nie auf einem Fleck erlebt." Es sei ganz neu, das globale Wissen so anzuwenden, dass es von Bedeutung für den einzelnen Patienten vor Ort sei.

"Man sieht hier deutlich, dass wir nicht in einem wissenschaftlichen Elfenbeinturm arbeiten", sagt auch der zweite Organisator Christian Fegeler vom Fachbereich Informatik der Hochschule Heilbronn - das Wissen ans Patientenbett bringen, heißt das in der Branche. Es ist Aufbruchstimmung zu spüren, große Begeisterung für die Chancen, die smarte Daten und Künstliche Intelligenz für die Medizin bereithalten.

Sind die neuen Möglichkeiten Fluch oder Segen?

Deshalb sagt Aaron Ciechanover - Hauptredner und Chemie-Nobelpreisträger von 2004 - bei seiner Vorstellung: "Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich hier richtig bin." Der 71-Jährige Israeli hat mit seiner Entdeckung einen Grundstein für die Prinzipien der personalisierten Medizin gelegt. Nach Heilbronn ist er jedoch als Mahner gekommen. Er spricht ein ethisches Dilemma an: Was ist der Preis dafür, dass wir künftig Krankheiten viel besser heilen können?, fragt er in einem unterhaltsamen Vortrag, der mit zahlreichen Beispielen gespickt ist.

Aaron Ciechanover, Chemie-Nobelpreisträger von 2004, und bescheidener Star des Symposiums.
Aaron Ciechanover, Chemie-Nobelpreisträger von 2004, und bescheidener Star des Symposiums.  Foto: Veigel, Andreas

Ciechanover erinnert an die Schauspielerin Angelina Jolie, die sich beide Brüste und die Gebärmutter entfernen ließ, weil sie das BRCA-Gen in sich trägt, das schon ihre Mutter und Tante getötet hat. Durch moderne DNA-Analytik wurde es möglich, das aus ihrem Genmaterial herauszulesen. Ein Segen - oder ein Fluch?

Was, wenn Organe betroffen sind, die sich nicht entfernen lassen, wie das Gehirn? Soll ein Arzt dem Patienten mitteilen, dass er eine todbringende Mutation in sich trägt oder es lieber verschweigen? Dann die Kosten. Das Zeitalter von günstig verfügbaren Massenmedikamenten - Ciechanover nennt Aspirin als Beispiel - wird mit der personalisierten Medizin zu Ende gehen. Ein Medikament wird nicht mehr für alle eingesetzt, sondern die Therapie wird auf den Patienten und den Behandlungskontext zugeschnitten.

Gewaltiger Schatz an Informationen

"Vom Schrotschuss der Chemotherapie kommen wir immer mehr weg", umschreibt Uwe Martens das. Nur: Präzise Hochleistungsmedizin wird sehr viel Geld kosten und nicht breit anwendbar sein. Das heißt auf der anderen Seite: Der Prävention und rechtzeitigen Entdeckung von Krankheiten kommt eine bedeutende Rolle zu. Welche Konsequenzen hat das für die Lebensumstände des Einzelnen? Wie wird sich das auf Versicherungen auswirken, wie auf die Arbeitswelt? Wird der Arbeitgeber der Zukunft einen Gentest anfordern, bevor er mit dem Bewerber einen Vertrag abschließt?

Gleichzeitig sind sich alle versammelten Wissenschaftler einig: "Der Wert der Information, die uns zur Verfügung steht, ist gewaltig." Es wird noch viel Gesprächsbedarf geben: Das ist die zweite Botschaft, die hängenbleibt vom internationalen Symposium in Heilbronn.


Drei Tage lang, von Montag bis Mittwoch, diskutierten Teilnehmer aus Medizin und IT beim Molit-Symposium Fragestellungen der Onkologie. Ein wichtiges Thema auf dem Bildungscampus: Wie können Daten so aufbereitet werden, dass Ärzten das bei der Patientenversorgung hilft? Christian Fegeler, der zusammen mit Uwe Martens das Symposium organisiert hat, sagt: "Viele Daten heißt nicht automatisch gute Information." Verschiedene Systeme und Spezialisten müssten in der Lage sein, sich zu vernetzen, Daten zusammenzuführen und so Muster zu erkennen. 

 

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