Schwangerenberatung der Diakonie Heilbronn schlägt Alarm: Geburt erhöht Armutsrisiko
Laura Rumig und ihr Team von der Schwangerschaftsberatung der Diakonie erleben täglich eine Flut an Not und Fälle, die ihnen nahegehen.

Milchpulver, Windeln, Kleidung, ein Bettchen und ein Kinderwagen. Wenn ein Baby zur Welt kommt, benötigt dieses nicht nur die bedingungslose Liebe der Eltern, sondern auch einiges an Materiellem, um gesund und menschenwürdig ins Leben zu starten. Doch wenn das Geld in der Familie schon während der Schwangerschaft extrem knapp ist, spitzt sich die Lage durch den Nachwuchs häufig noch zu.
"Für die Baby-Erstausstattung sind etwa 1000 Euro notwendig", sagt Laura Rumig. Sie ist Leiterin des Beratungsteams für Schwangerschaft, Familie und besondere Lebenssituationen bei der Diakonie Heilbronn.
Mittellose Familien: Diakonie Heilbronn hilft mit Lebensmittel-Gutscheinen
In ihrem Beruf erlebt die 34-Jährige Situationen, die ihr nahegehen. Laura Rumig erklärt: "Es schmerzt mich, zu sehen, dass ein wunderbares Ereignis wie die Geburt eines Kindes in manchen Familien das Armutsrisiko erhöht. Auch hier, bei uns, in der Region Heilbronn." Zu Rumig und ihren zehn Mitarbeiterinnen in der Schellengasse 7 bis 9 in Heilbronn kommen junge Familien oder alleinerziehende Mütter, die berichten, dass sie in einer eiskalten Wohnung leben. Oder, dass sie kein Geld für Lebensmittel haben.
Laura Rumig erklärt: "Da helfen wir mit Lebensmittel-Gutscheinen aus. Diese sind in Drei-Euro-Schritten gestaffelt. Pro Person können wir in der Woche Gutscheine für bis zu neun Euro herausgeben. Wir erleben eine regelrechte Flut an Not. Die Leute rennen uns die Bude ein." Allein im vergangenen Jahr hat das Team der Beratungsstelle der Diakonie Heilbronn rund 1900 Betreuungsgespräche geführt. Im Jahr 2024 sind es nicht weniger geworden.
Trotz Arbeit: Menschen sind auf Hilfe der Diakonie Heilbronn angewiesen
Bei Weitem nicht immer sind die Bedürftigen arbeitslos. Laura Rumig: "In einigen Fällen arbeiten die Leute lange und hart - und sind dennoch auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die Leute haben kein Geld, ihren Alltag zu bestreiten. Es reicht hinten und vorne nicht." Viele der Menschen, die Rumig und ihr Team von der Diakonie Heilbronn betreuen, sind anspruchsberechtigt. Etwa, was den Kinderzuschlag oder das Wohngeld angeht.
Häufig setzen die Beraterinnen dort an. Sie vermitteln Informationen zum Sozialsystem, helfen beim Ausfüllen von Anträgen. Laura Rumig von der Diakonie Heilbronn: "Die Vorgänge und auch die Fälle selbst werden immer komplexer. Da dauert es auch bei uns manchmal zwei Stunden, bis wir einen Antrag ausgefüllt haben. Aber der Zeitaufwand ist einfach notwendig." In diesem Zusammenhang wünscht sie sich dringend eine Vereinfachung der Formalitäten. Auch, was deren Sprache angeht.
Verein Menschen in Not unterstützt Diakonie Heilbronn mit Teil des Spendengelds
Doch selbst, wenn die Ansprüche geklärt sind, gibt es weitere Hürden. "Ein Problem sind dann immer wieder die Bearbeitungszeiten, wenn es beispielsweise um die Auszahlung von Wohngeld geht. Auf den Ämtern herrscht personeller Notstand, sodass die Verwaltungsmitarbeiter kaum mit dem Bearbeiten hinterherkommen. Am Unwillen der dort Beschäftigten liegt es nicht", berichtet Laura Rumig.
Und wenn den Familien das zustehende Geld fehlt, ist oft nicht einmal der Lebensmitteleinkauf zu stemmen. Die Diakonie-Beratungsstelle in Heilbronn unterstützt dann finanziell, um zu überbrücken, bis die Anträge bearbeitet sind. Zugute kommen Laura Rumig und ihrem Team dabei auch die Mittel, die Menschen in Not, der Leserhilfsverein der Heilbronner Stimme, dafür zur Verfügung stellt. Rumig: "Wir prüfen jeden Fall genau und schauen, wo die Situation am prekärsten ist."
Diakonie Heilbronn: Beratung verhilft jungen Müttern zu mehr Autonomie
Die Fülle und Intensität der Fälle, die Rumig und ihre Kolleginnen erleben, sind oft nur schwer zu ertragen. "Wir motivieren uns durch unsere Aufgabe, den Familien in ihren oft chaotischen Situationen einen Felsen in der Brandung und eine Verlässlichkeit zu bieten", berichtet Rumig. "Wenn wir die Familien und vor allem die Kinder nicht stärken, möchte man sich gar nicht ausmalen, in welche Richtung sich diese langfristig entwickeln."
Auch die Dankbarkeit seitens der betreuten Familien hilft den Mitarbeitern, die Aufgaben zu bewältigen. Infolge der Beratung und durch das dabei erworbene Wissen gelangen die Mütter auch zu mehr Autonomie und Selbstbewusstsein, ihre Situationen zukünftig eigenständig zu bewältigen.
Problem: Schwangerschaft gilt immer mehr als Gefahr für sozialen Abstieg
"Wir müssen unbedingt wieder dahinkommen, eine Schwangerschaft als etwas Positives und nicht als Gefahr für den sozialen Abstieg zu betrachten", sagt die Leiterin, die selbst Mutter ist. Angehende Mütter zu ihrer Schwangerschaft zu beglückwünschen sei eine Geste, die diese viel zu selten erfahren.
Laura Rumig stellt klar: "Schließlich ist mit jedem neuen Menschen auch eine neue Hoffnung verbunden. Und wenn wir uns diese Haltung nicht bewahren, werden unsere Probleme in Zukunft sicher nicht weniger."
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