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Schweigemarsch durch Heilbronn gegen Menschenhandel und Prostitution

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Mehr als 90 Menschen sind am Samstagnachmittag gegen Menschenhandel und Prostitution in Heilbronn auf die Straße gegangen. Die Organisatoren vom Verein Hope wollen darauf aufmerksam machen, dass sexuelle Ausbeutung und moderne Sklaverei auch in der Region existieren.

von Annika Heffter

"Menschen sind keine Ware" steht auf der Tasche einer Teilnehmerin am "Walk for Freedom" ("Marsch für die Freiheit") in Heilbronn. Schweigend läuft die Reihe schwarz gekleideter Menschen am Samstagnachmittag um 14 Uhr vom Bollwerksturm über die Allee, am Rathaus vorbei und wieder zurück zum Turm. Manche der etwas mehr als 90 Teilnehmer haben sich schwarzes Klebeband vor den Mund geklebt, andere halten Plakate hoch, auf denen Sätze wie "Echte Männer kaufen keine Frauen" stehen. 


Zu Beginn der Versammlung stehen die Teilnehmer am Bollwerksturm in einem Kreis um Tänzerinnen, die einen ausdrucksstarken Tanz vorführen: Sie spielen die Geschichte einer verzweifelten Frau nach, die verschleppt, mitgezogen und nicht angehört wird. Die Botschaft: "Wir müssen aufstehen und die Augen aufmachen", erklärt Katja Ryzak in einer Rede nach dem Tanzstück. Sie ist die Vorsitzende des Vereins Hope, der zu dem Schweigemarsch in Heilbronn aufgerufen hat.

Deutschland als "Bordell Europas"?

Menschenhandel und moderne Sklaverei würden auch in Heilbronn und der Umgebung existieren, betont sie. Weltweit gehe man davon aus, dass rund 40 Millionen Menschen von Menschenhandel betroffen seien. Dazu zähle unter anderem Kinderhandel, Zwangsarbeit oder sexuelle Ausbeutung. "Deutschland wird nicht ohne Grund als Bordell Europas bezeichnet", ruft Ryzak in die Runde. Es sei eines der größten Zielländer für Menschenhandel.

Beate Stürzl vom Verein Hope betont: "90 Prozent aller Prostituierten machen das nicht freiwillig." Der Verein stehe für das nordische Modell: "Wir möchten, dass Prostitution komplett verboten wird und die Freier bestraft werden, die Frauen kaufen." Obwohl der Heilbronner Straßenstrich geschlossen wurde, gehe es in anderen Etablissements und Privatwohnungen einfach weiter. Wie "normal" es für viele Menschen sei, dass Prostitution existiert und "man Frauen kaufen kann", empfindet Stürzl als "sehr schädlich für die Gesellschaft".

Frauen kämpfen sich nach schlimmen Erfahrungen Schritt für Schritt wieder ins Leben

Katja Ryzak berichtet in ihrer Rede von Fällen, die sich dank des Schutzhauses von Hope "Schritt für Schritt wieder ins Leben kämpfen". Eine Frau, die zu ihnen gekommen sei, sei zum Beispiel schon von den Eltern für sexuelle Praktiken verkauft worden und später von einem Zuhälter zum nächsten gereicht worden. "Sie hat mehr als 1000 Vergewaltigungen hinter sich. Mehrfach wurde sie schwanger, die Kinder wurden aus ihrem Leib geprügelt. Sie wurde im Wald vergraben, angezündet, sie hat bei Morden zuschauen müssen", beschreibt Ryzak den Leidensweg der Frau. 

Mit dem Schweigemarsch wolle man "Schritt für Schritt" für die gehen, die selbst so selten gesehen und gehört würden.

Der "Walk for Freedom" ist eine europaweite Aktion gegen Menschenhandel, die jährlich am Samstag vor oder nach dem EU-Tag gegen Menschenhandel stattfindet.  Die schwarze Kleidung, erklärt eine Beate Stürzl, sei ein Zeichen der "Trauer um die Frauen, die hier ausgebeutet werden".

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