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Heilbronn-Böckingen

Neue Werkstatt für 140 behinderte Menschen entsteht

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Das Diakonische Sozialunternehmen Lebenswerkstatt stemmt einen Neubau in Heilbronn-Böckingen für acht Millionen Euro.

Friedemann Manz (links) und die Werkstatträte Benjamin Marschang und Harald Henrich freuen sich aufs neue Gebäude.
Friedemann Manz (links) und die Werkstatträte Benjamin Marschang und Harald Henrich freuen sich aufs neue Gebäude.  Foto: Berger

Die Lebenswerkstatt für Menschen mit Behinderung baut eine neue Arbeitsstätte im Gewerbegebiet im Heilbronner Teilort Böckingen. 3000 Quadratmeter beträgt die Grundfläche, 140 Menschen werden hier einmal in der Werkstatt tätig sein. Eine Lehrküche und die angeschlossene Kantine sollen den Teilnehmern den beruflichen Weg in die Gastronomie ebnen. Die Kosten liegen bei rund acht Millionen Euro. "Das ist ein zukunftsweisendes Projekt", sagt Friedemann Manz, Geschäftsführender Vorstand der Lebenswerkstatt. "Auch wenn die Werkstätten in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert werden, glaube ich, dass Menschen mit Behinderungen sie brauchen und damit glücklich sind."

Firmen wie Audi oder Würth gehören zu den Kunden

Hintergrund: "Unsere Arbeitsplätze waren bislang in einem Mietobjekt in Kirchhausen. Jetzt müssen wir da raus", erklärt Manz. Große Firmen wie Audi und Würth gehören bislang zu den Kunden, neu hinzukommen wird nun der Bereich Gastronomie.

In der Lämlinstraße in Böckingen besteht schon bisher eine Fördergruppe, in der 30 Personen motorische Angebote nutzen und Freizeitaktivitäten nachgehen können. Die neue Werkstatt wird direkt daran angrenzen. So ist es künftig für Menschen, die dafür fit genug sind, einfacher, von einem Bereich in den anderen zu wechseln. "Der Übergang wird unkomplizierter", freut sich Manz. "Wir wollen Teilhabe anbieten, und die Menschen, denen es möglich ist, zur Arbeit befähigen. Das ist ein großer Schritt."

Manche Teilnehmer haben psycho-emotionale Handicaps

Von 30 Teilnehmern der Fördergruppe hätten das zuletzt zwei geschafft. "Das sind zwar wenige, aber bei manchen klappt es eben doch", sagt er. Viele seien im Bewegungsablauf eingeschränkt mit psycho-emotionalen Handicaps, einige haben einen Rollstuhl. "Mit Stress und Belastungssituationen, wie sie in der Gastronomie an der Tagesordnung sind, tun sich die meisten schwer. Wir sind hier flexibler, was das Tempo angeht, können den Arbeitsplatz ihren individuellen Möglichkeiten anpassen."

Kantine ist auch für benachbarte Firmen offen

Das ist etwa künftig in der Kantine möglich, die auch für Betriebsangehörige der benachbarten Firmen offen ist.

Erfahrungen mit Gastronomie hat die Lebenswerkstatt schon im Café im Quartierszentrum Nordstadt gesammelt. 150 Essen für Kinder der Wartbergschule werden dort jeden Tag frisch gekocht. "Hier zu arbeiten, ist für unsere Klienten die zweite Stufe, die dritte wäre ein Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt", so Manz. Ins Parkhotel, zum Campus Garden oder ins Wimpfener Kloster hat das Sozialunternehmen schon Menschen vermittelt.

Auch die Volkshochschule wird die Lehrküche nutzen

Bereits seit einiger Zeit laufen Bemühungen, mit der IHK einen Qualifizierungsnachweis für behinderte Menschen hinzubekommen, denn bislang gibt es keine Möglichkeit für sie, einen anerkannten Berufsabschluss zu machen. "Ich kann nachvollziehen, dass das nicht verwässert werden soll, aber für unsere Leute ist das sehr schade", so Manz. Auch die Volkshochschule wird die künftige Lehrküche nutzen. "Kochkurse boomen, und ich freue mich, wenn die Räume ausgelastet sind."

250.000 Euro sollen über ein Bürgerdarlehen finanziert werden

Ungewöhnlich ist auch, dass 250.000 Euro der Gesamtkosten über ein Bürgerdarlehen, einen Crowdfonds, finanziert werden. Die Idee der Macher: sozial nachhaltig Geld anzulegen. Aber: "Das ist ein erklärungsbedürftiges Thema", sagt Tobias Ungerer, Geschäftsführer des Finanz-Startups Xavin. "Weil es sich nicht um eine Spende, sondern um eine Geldanlage handelt." Hospize und Projekte im Bildungsbereich sind im Portfolio, Xavin arbeitet mit Mercedes und BMW zusammen. "Das ist das erste Projekt in Heilbronn in der Art", sagt Manz.

Der fünf Stockwerke hohe Werkstattneubau in der Lämlinstraße kostet 8,05 Millionen Euro. 2,6 Millionen Euro sind Zuschüsse des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), 1,2 Millionen Euro Eigenmittel, vier Millionen Euro Bankdarlehen, 250.000 Euro Crowd-Darlehen. Die Lebenswerkstatt kümmert sich als diakonisches Sozialunternehmen um die Bereiche Arbeit, Bildung, Wohnen und Freizeit. Sie wurde 1976 gegründet als "Beschützende Werkstätte Heilbronn". Heute gibt es 2000 Mitarbeiter mit und ohne Behinderung an neun Standorten.

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