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Heilbronn

Geflüchteter Fotograf über Heilbronn: "Ich entdecke immer wieder Schönes in der Stadt"

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Der aus dem Irak geflüchtete Karrar Kamil fotografiert fast täglich die Stadt Heilbronn. Auf Facebook kommen seine stimmungsvollen Aufnahmen gut an, einige Bilder seiner neuen Heimat waren bereits in Heilbronn und Berlin in Ausstellungen zu sehen.

von Bigna Fink
Der 31-jährige Karrar Kamil entdeckt leidenschaftlich gerne mit seiner Kamera die Stadt. Einer seiner Lieblingsorte ist das ehemalige Buga-Gelände.

Foto: Mario Berger
Der 31-jährige Karrar Kamil entdeckt leidenschaftlich gerne mit seiner Kamera die Stadt. Einer seiner Lieblingsorte ist das ehemalige Buga-Gelände. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Während seiner Streifzüge fängt der gebürtige Bagdader mit seiner Kamera Facetten der Stadt am Neckar ein. Seine Lieblingsbilder zeigt er in der Heilbronner Facebook-Gruppe. Die Aufnahmen kommen gut an: Karrar Kamil wurde dort zu einem von zehn Visual Storytellern gekürt. 2017 und 2018 zeigte die Ausstellung "Fremdes, Vertrautes und anderes" in der Zigarre Fotoarbeiten von Geflüchteten mit Eindrücken aus Heilbronn und Umgebung, darunter auch Bilder von Kamil. Über die Perspektive auf seine neue Heimatstadt erzählt der 31-Jährige im Interview.

 

Herr Kamil, Sie machen seit Ihrer Ankunft vor fünf Jahren ständig Bilder von Heilbronn. Warum?

Karrar Kamil: Ich liebe es zu fotografieren. Schon als kleiner Junge habe ich mit der alten Kamera meines Vaters gespielt. Da ich in Heilbronn nicht mehr als Fotograf arbeite, lebe ich in der Freizeit diese Kunst als Hobby aus und entdecke so immer wieder Schönes in der Stadt.

 

Wie kommen Sie zu den Motiven?

Kamil: Es sind oft die gleichen Motive, die ich besonders schön finde, den Neckar, das Buga-Gelände, die Kilianskirche. Es ergeben sich immer wieder andere Stimmungen im Licht, nachmittags, abends, und andere Hintergründe. Ich mag es, nach der Arbeit durch die Stadt zu laufen und zu beobachten, werktags mit dem Handy, am Wochenende mit meiner Spiegelreflexkamera.

 

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Heilbronn?

Kamil: Ich sitze gerne alleine oder mit einem Freund an diesem Eck am Fluss hinter der Erwin-Fuchs-Brücke gegenüber vom Wertwiesenpark, wo sich der Neckar vom Kanal teilt. Wenn ich so ins Wasser schaue, werden Erinnerungen an meine alte Heimat wach. Auch durch Bagdad fließt ein Fluss, Tigris. Er ist viel größer als der Neckar, aber auch ein Fluss mitten in der Stadt.

 

Welches Ihrer Heilbronn-Bilder ist Ihr Favorit?

Kamil: Oh, davon gibt es viele. Ich liebe die Stimmung am Neckar. Eine Aufnahme von mir, die recht beliebt war in der Facebook-Gruppe "Du bist aus Heilbronn, wenn..", ist die von diesem imposanten Baum neben der Harmonie. Da habe ich auf die Straßenbahn gewartet und seine Pracht entdeckt. Es gab viele positive Kommentare zu meinem Post, was mich natürlich sehr freut. Eine Frau meinte, es müsste ein kaukasischer Flügelnussbaum sein. Eine andere schrieb: "Tolles Foto, da sieht man mal wieder, dass man nur die Augen aufmachen muss, um zu sehen, dass es in Heilbronn doch schön ist."

 

Wie haben Sie die Stadt anfangs wahrgenommen?

Kamil: Heilbronn ist zu 100 Prozent anders als Bagdad. Ich habe hier über die vielen Firmen gestaunt. Das intensive Grün der gepflegten Wiesen ist mir aufgefallen. Die Bäume und Blumen, es war ja Juli, als ich hier angekommen bin. Später habe ich auch zum ersten Mal Schnee erlebt. Dann ergeben sich besonders schöne Bilder.

 

Wie blicken Sie auf Ihre Herkunft Bagdad?

Kamil: In Bagdad ist es heiß und trocken. Es war einmal eine sehr schöne, saubere Stadt. Ich zeige Ihnen ein Video, in dem historische Aufnahmen von berühmten Plätzen aus den 1950er bis 70er Jahren mit derem heutigen Zustand gegenübergestellt werden. Schauen Sie, die gepflegten Parks mit Palmen, Wasser- und Blumenanlagen. Heute sind die meisten der Plätze und Gebäude heruntergekommen oder von Krieg und Anschlägen zerstört. Das macht traurig.

 

Wie hat sich Heilbronn in den vergangenen sechs Jahren aus Ihrer Sicht verändert?

Kamil: Die Stadt entwickelt sich schnell weiter, beeindruckend. Ständig werden neue Gebäude gebaut, auch Wohnungen. Das ist ja wichtig, weil viele Menschen in den vielen Unternehmen in der Stadt und im Umkreis arbeiten und hier wohnen möchten. Seit meiner Ankunft in Heilbronn konnte ich beobachten, wie der spannende Experimenta-Bau fertiggestellt wurde.

 

In der irakischen Hauptstadt leben geschätzt mehr als sieben Millionen Menschen, in der deutschen immerhin mehr als drei Millionen. Würde es Sie nicht reizen, in Berlin statt Heilbronn zu wohnen?

Kamil: Mir gefällt es in Heilbronn wirklich sehr gut. Hier habe ich Deutsch gelernt und die meisten Freunde gefunden. Heilbronn ist meine neue Heimat. In Berlin leben Freunde und Verwandte von mir, und ich bin dort öfters. Aber die Stadt ist mir zu groß, es tummeln sich dort zu viele Menschen. Bei meiner Flucht war eigentlich Stockholm mein Ziel, wo meine Tante und mein Onkel wohnen. Aber ich bin in Heilbronn gelandet. Und da ich hier glücklich bin und es schön finde, möchte ich auch hier bleiben.

 

Was mögen Sie an Heilbronn?

Kamil: Es ist eine kleinere, nicht zu große Stadt, genau richtig. Man kann sie zu Fuß durchlaufen. Von Heilbronn erreichst du schnell größere Städte wie Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart. Und die Leute sind hier wirklich sehr nett. Überall gibt es freundliche und unfreundliche Leute. Aber ich finde, in Heilbronn gibt es im Vergleich zu anderen Städten, die ich kennengelernt habe, weniger nicht-nette Leute.

 

Sie tragen mir meinen Rucksack, das ist sehr höflich. Erfahren Sie hier auch Hilfsbereitschaft?

Kamil: Viele Heilbronner haben mir schon geholfen. Vorbilder sind für mich etwa Klaus, Mia Maria und Miriam von der Zigarre, die meine Bilder in einer Ausstellung gezeigt haben. Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand unfreundlich meine Herkunft angesprochen oder mich gefragt hat, was ich in Deutschland zu suchen habe. Wenn du Menschen Respekt entgegenbringst und deine Arbeit gut machst, hast du eigentlich keine Probleme, und bekommst Respekt zurück.

 

Wie haben Sie sich in Heilbronn verändert?

Kamil: Ich bin erwachsen geworden. Beispielsweise habe ich das Kochen für mich entdeckt. Als ich bei meiner Familie in Bagdad gewohnt habe, hat meine Mama gekocht. In Heilbronn bin ich alleine und bereite mir mehrmals die Woche selbst etwas zu, lade dazu einen Freund oder meine Mitbewohner ein.

 

Mögen Sie Spätzle?

Kamil: Die hat ein deutscher Freund einmal für mich gekocht, mit Soße, lecker. Ich habe später Spätzle gekauft und mit Reis und Gemüse zubereitet, es wurden also arabische Spätzle (lacht).

 

Sie haben mir Bilder von Ihren Gerichten gezeigt. Das Essen, etwa Erbsen mit Lamm und Auberginen, ist perfekt garniert in symmetrischen Formen und verziert mit filigran gestalteten Tomaten und Radieschen in Blütenform.

Kamil: Das Künstlerische am Kochen gefällt mir. Man kann sich wie bei der Fotografie kreativ betätigen. Ich schicke oft Bilder davon meiner Mama, mit der ich täglich telefoniere. Sie träumt davon, einmal von mir bekocht zu werden.

 

Was vermissen Sie?

Kamil: Natürlich meine Familie, meine Mama und mein Papa. Ich habe sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Das ist schon sehr hart.

 

Wann können Sie sich wiedersehen?

Kamil: Ich hoffe sehr, dass ich anstatt der Duldung, die jeweils sechs Monate gilt, eine Aufenthaltserlaubnis erhalte. So kann ich längerfristig in Deutschland bleiben und darf auch mal meine Familie im Irak besuchen. Und es wäre so schön, wenn meine Eltern mich einmal in Heilbronn besuchen könnten.

 

Was ist Ihr Traum für die Zukunft?

Kamil: Ich würde sehr gerne ein kleines Restaurant in Heilbronn aufmachen mit wechselnden Speisen. Täglich nur zwei bis drei Gerichte - arabisch, aber auch gemixt mit italienisch und deutsch zum Beispiel. Ich würde jeden Teller ein bisschen variiert anrichten, individuell auf den Gast abgestimmt.

 

Zur Person

Karrar Kamil, 1989 geboren, ist mit seinen Eltern und vier Geschwistern in einem Haus im Südosten Bagdads aufgewachsen. Nach der Schule macht er eine IT-Ausbildung und lernt nebenher das fotografische Handwerk bei seinem Onkel. Nach einem Praktikum bei dem irakischen Sender Asia TV arbeitet er fünf Jahre als Fotograf in einem Bagdader Fotostudio. Aufgrund der vielen Gewalt in seinem Land flieht er 2016 nach Europa und landet in Heilbronn. Kamil ist derzeit geduldeter Flüchtling, wohnt in einer WG im Norden Heilbronns und arbeitet als Monteur beim Glashersteller Fuyao in Leingarten. Seine Aufnahmen von Heilbronn wurden bereits in Ausstellungen in Heilbronn und Berlin gezeigt.

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