Heilbronner Geschichte: Noch immer Horror vor Zeit im Schutzbunker Theresienturm
Zeitzeugen erinnern sich an dunkle Stunden im Hochbunker auf der Theresienwiese, in dem während des Zweiten Weltkriegs viele Menschen bei Bombenangriffen Zuflucht fanden.

Lange stand er nur so rum. Viele wussten gar nicht, was es mit ihm auf sich hat. Nun rückt der Theresienturm plötzlich ins öffentliche Bewusstsein. Rechtzeitig zur Buga wurde Mitte April ein neuer Zugang seiner Bestimmung übergeben, der aber ausschließlich bei Führungen geöffnet ist: maximal 15 Personen. Buchungen laufen über die Heilbronn Marketing GmbH (HMG). "Das Interesse ist enorm", sagt Thomas Schick von der Bürgerstiftung, die die 260.000 Euro teure Stahlkonstruktion plus Info-Stelen über Spenden finanziert. Zudem übernimmt sie die Kosten bei Führungen für Schulklassen.
Nur noch wenige Zeitzeugen, die den Krieg im oder am Turm erlebt haben
"In einer im Krieg zerstörten Stadt wie Heilbronn gehört sowas zum Bildungskanon", betont Schick. Wie sehr dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte nachhallt, zeigte sich zuletzt bei der Einweihungsfeier. Es gibt noch wenige Zeitzeugen, die den Krieg im oder am Turm erlebt haben, so wie zum Beispiel Hans-Georg Mayer (81). Bei der Einweihung stand er vor dem 28 Meter hohen Koloss und erinnerte sich: "Meine Tante Emilie, unsere Mitarbeiterin Clara und ich gehörten zu den letzten Personen, die am 4. Dezember 1944 noch in den Schutzbunker kamen. Danach wurde der Turm verschlossen. Es war brechend voll. Die Stimmung war gespenstisch." Manfred Plieninger (86) berichtet, wie er am Tag nach dem Angriff um 10 Uhr mit drei Freunden als neugieriger Schulbube über eine Rampe vom Schlachthof her eine Stahltür erreichte und öffnete. "Da herrschte Totenstille. Das war richtig unheimlich."

Der Krieg aus Sicht von Kindern
Schüler der Helene-Lange-Realschule haben bereits 2001 Zeugen interviewt, von denen heute manche nicht mehr leben, etwa der ehemalige Konditormeister und Stadtrat Horst Reinecker oder der Lokalhistoriker und Wetterexperte Roland Rösch, Jahrgang 1935. "Der Krieg war für ein Kind nichts Besonderes, bis der General-Wever-Turm gebaut wurde," so Rösch und berichtet, wie Steinmetze Sandsteine zur Turmverkleidung bearbeiteten. "Keiner wusste, dass er ein Bunker werden sollte." Doch schon bald hätten dort viele Menschen bei Angriffen Zuflucht gesucht, auch Rösch selbst. "Wir Kinder hatten immer einen Brotbeutel mit persönlichen Dingen dabei, wie Ausweise, Sparbücher, Geld. Die Leute sind auf dem Boden auf Decken gelegen oder auf kleinen Stühlen gesessen. Jeder wollte den besten Platz, nicht am Abort." Manche Familien hätten im Turm sogar ihre Notbleibe eingerichtet. "Bei Angriffen herrschte Totenstille, und es wurde gebetet."
Panikstimmung im Turm
Horst Reinecker suchte dort am 20. Januar 1945 bei Fliegeralarm mit der Familie Schutz. Als sie 100 Meter davor die Schützenstraße erreicht hatten, fielen die ersten Bomben. "Mehrmals schutzsuchend zwischen Wasserfässern, Gartenhäuschen und sonstigen Unterständen erreichten wir den Hochbunker." Ein Mann, der zehn Meter hinter ihnen lief, wurde von einem durch die Luft fliegenden Gegenstand tödlich getroffen. Die Familie wähnte sich in Sicherheit, als durch einen Treffer in unmittelbarer Nähe ein größerer Eisenträger auf die Turmspitze geschleudert wurde. "Der Turm kam dadurch in schwankende Bewegung, und es entstand bei den Leuten Panikstimmung", berichtet Reinecker. Nur der beherzte Aufruf seines Vaters habe die nachrückende Menschenmenge zum Stillstand gebracht und größeres Unheil verhindert. Nach dem Angriff verließen viele den Hochbunker, vorbei an der zugedeckten Leiche und herumliegenden Trümmern.

Kein Vergessen
Die Wege von Horst Reinecker und Margarete Weltz haben sich am 20. Januar 1945, ein Samstag, gekreuzt. "Wir rannten alle in Richtung General-Wever-Turm, denn nach dem 4. Dezember war bekannt geworden, dass der Schutzraum bei Angriffen zugänglich war." Auch sie trug einen Brotbeutel, hatte eine Gasmaske dabei und berichtet von dem getöteten Mann. Im Turm wähnte sie "die ganze Bahnhofsvorstadt" versammelt. "Es war sehr eng und sehr laut." Erst abends gegen fünf Uhr traute sie sich hinaus. "Außen sah ich Bombentrichter, ähnlich einer Mondlandschaft" und eine Blutlache. Ob sie den Turm nochmal besuchen würde? "Ich glaube nicht", antwortete Margarete Weltz 2001 bei der Befragung durch Schüler. "Ich habe immer noch Horror davor. Vergessen kann ich das Erlebnis nicht. Jahrelang habe ich nachts von Luftangriffen geträumt."
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