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Heilbronn

Harmonie Heilbronn: Eine Festhalle mit bewegter Geschichte

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Vor 140 Jahren wurde die erste Heilbronner Festhalle Harmonie eingeweiht, vor 60 Jahren der Nachkriegsneubau. Schon immer ist hier viel geboten.

Von Kilian Krauth
Vom Stadtgarten und der alten Gaststätte ist heute kaum noch was übrig. Aber bis 2019 wird hier alles neu.
Vom Stadtgarten und der alten Gaststätte ist heute kaum noch was übrig. Aber bis 2019 wird hier alles neu.

Gibt es Unterländer oder Hohenloher, die die Heilbronner Harmonie nicht kennen, einen der größten Veranstaltungssäle der Region? 13 Millionen Besucher haben die Festhalle in 60 Jahren von innen gesehen. Manche nennen sie die gute Stube der Stadt, offiziell heißt sie sogar Konzert- und Kongresszentrum. Die Wirklichkeit spielt sich dazwischen ab und wechselt täglich: bei bis zu 300 Veranstaltungen im Jahr und einer Sitzplatzkapazität von genau 2015 im Theodor-Heuss- sowie 688 im Wilhelm-Maybach-Saal.

Konzerte, Kongresse, Messen, Gottesdienste, Ausstellungen, Moden- und Sportschauen, Bälle, Partys, Parteitage, Wahlkampf-Auftritte, TV-Shows und Weinpräsentationen: Die Bandbreite an Veranstaltungen ist enorm. Die Liste der Künstler, die hier auftreten, liest sich wie ein Who-is-Who der Kulturwelt - zumindest in früheren Jahren.

Jubiläum ganz ohne Fest

Udo Jürgens hatte in Heilbronn viele umjubelte Auftritte, den letzten zwei Monate vor seinem Tod 2014. Fotos: Archiv/Eisenmenger
Udo Jürgens hatte in Heilbronn viele umjubelte Auftritte, den letzten zwei Monate vor seinem Tod 2014. Fotos: Archiv/Eisenmenger  Foto: Eisenmenger

Diesen Donnerstag feiert die Harmonie - ganz untypisch ganz ohne Fest - den 60. Jahrestag ihrer Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Wurzeln liegen aber tiefer. Am Anfang war der Name. Er geht auf das Jahr 1814 zurück. Als in Wien der Kongress tanzte, hoben in Heilbronn 70 honorige Herren das "Gesellschaftsinstitut Harmonie" aus der Taufe. Auf ihre Fahne schrieben sie Einheit, Geselligkeit und Bildung.

Ein Vierteljahrhundert später siedelte man auf das Gelände des heutigen Stadtgartens, wo schließlich anno 1878, also vor genau 140 Jahren, die erste Harmonie eingeweiht wurde. Doch Robert von Reinhardts schmuckes Klassizismus-Gebäude brannte beim Bombenangriff am 4. Dezember 1944 völlig aus.

Gastro-Urgestein Weber war erster Wirt nach dem Krieg

Die Ruine der ersten, 1878 gebauten Harmonie, stand bis in die 1950er Jahre.
Die Ruine der ersten, 1878 gebauten Harmonie, stand bis in die 1950er Jahre.

Die Ruine an der Allee gehörte bis in die 1950er Jahre zum Stadtbild. Erst 1957 folgte unter dem Architekten Kurt Marohn (Stuttgart) der Spatenstich für die neue Festhalle. Am Eröffnungstag unterhielten die Paradeschwaben Willy Reichert und Oscar Heiler sowie Erwin Lehn und sein Südfunk-Tanzorchester 1600 Gäste im großen Saal. 240 Sitzplätze hatte der damalige Kleine Saal, daneben fanden sich eine kleine Kunsthalle und das Restaurant, in dem bis 1989 das Gastro-Urgestein Frieder Weber den Rührlöffel fest in Händen hielt. Dann kam nach einem Umbau die Familie Schellhof-Göbel, der 2014 Marcel Küffner folgte.

Neuer Nadelstreifenanzug für die gute Stube

Ihr Erscheinungsbild fast völlig verändert hat die gute Stube zur Jahrtausendwende. Über der Tiefgarage mit 630 Stellplätzen kam durch die nahende Stadtbahn einiges in Bewegung. Die Stadt ließ die Festhalle 2001 zum Konzert- und Kongresszentrum erweitern: mit Räumen für den Kunstverein, einem weitläufigen Foyer, dem Maybach-Saal, ÖPNV-Leitzentrale und Proberäumen für das Württembergische Kammerorchester (WKO).

Die Harmonie heute von der Allee her gesehen mit dem 1958 eingeweihten großen Saal (hinten) und dem 2001 ergänzten kleinen Saal (vorne), Tiefgaragen-Abgang (vorne) und Orchester-Proberäumen, hinter denen derzeit ein Hotel entsteht. Foto: Mario Berger
Die Harmonie heute von der Allee her gesehen mit dem 1958 eingeweihten großen Saal (hinten) und dem 2001 ergänzten kleinen Saal (vorne), Tiefgaragen-Abgang (vorne) und Orchester-Proberäumen, hinter denen derzeit ein Hotel entsteht. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Die Anbauten wurden von den Züricher Architekten Mohl und Rodriguez mit anthrazitfarbenen Platten verkleidet, die mit ihren feinen Metallstreifen an einen Sonntagsanzug erinnern. Zudem wandelte sich der Vorplatz zum großzügigen Stadtraum.

Zehnstöckiges Hotel wird größtes der Stadt

Und die Harmonie wächst weiter: An der Ecke zur Karlstraße kam 2009 die Kunsthalle Vogelmann hinzu. Derzeit laufen die Bauarbeiten für ein 30 Millionen Euro teures Vier-Sterne-Hotel auf Hochtouren, das im Frühsommer 2019 fertig sein soll. Planer ist die Berthold Architekten GmbH (Berlin), Finanzier eine Gruppe um Marcel Küffner und Wolfgang Scheidtweiler. Mit 346 Betten wird das zehnstöckige "Parkhotel" das größte der dann 28 Hotels in Heilbronn sein. Und: Es wird die Harmonie endlich zu einem richtigen Kongresszentrum machen.

 

Prominente Gastspiele

Kaum zu glauben, wer seit 1958 der Harmonie die Ehre gab: von Anne-Sophie Mutter über Udo Lindenberg und Udo Jürgens bis zu den Ärzten. Aber auch Caterina Valente, Die Prinzen, Ernst Mosch, Gustav Gründgens, Götz George, Gotthilf Fischer und Konstantin Wecker. Showmaster wie Heinz Rosenthal und Peter Frankenfeld, Weltstars wie Justus Frantz, Lang Lang oder Milva, aber auch Peter Kraus, Rex Gildo und Rudolf Schock.

Als Konzertsaal genießt die Harmonie einen exzellenten Ruf, auch dank Württembergischem Kammerorchester und Heilbronner Sinfonie Orchester. Ja sogar die Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan und andere Dirigentenlegenden wie Georg Solti oder Nikolaus Harnoncourt waren da, aber auch die Wiener Sängerknaben. die Kastelruther Spatzen und die Egerländer Musikanten − ganz abgesehen von der Polit-Prominenz bei Wahlkämpfen. 

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