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Gerichtsmediziner über Arbeitsalltag: „Leichen sezieren ist etwas Schönes“

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Der Gerichtsmediziner Frank Reuther berichtet in der Abendvorlesung „Medizin hautnah“ in Heilbronn von den Mordfällen seiner Karriere – und erklärt, warum die meisten Taten unentdeckt bleiben. 


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Kaum einem anderen Beruf haftet das Mysteriöse so sehr an, wie dem des Gerichtsmediziners. Die Darstellung in TV-Krimis entspricht dabei wenig den Tatsachen. „Das hat mit Realität nichts zu tun“, stellt Dr. med. Frank J. Reuther klar. Er muss es wissen. Als Oberstarzt arbeitet er am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm als Ärztlicher Direktor der Psychiatrie und ist außerdem ausgebildeter Rechtsmediziner. Rund 1300 Menschen hat er in seiner Karriere aufgeschnitten und untersucht – und damit zur Aufklärung von Mordfällen beigetragen. 

Am Dienstagabend war er zu Gast in der 63. Abendvorlesung „Medizin hautnah“ in Heilbronn, einer Veranstaltungsreihe der Heilbronner Stimme, Sparkasse und den SLK-Kliniken.

Gerichtsmediziner in Heilbronn zu Gast: Bericht über Vierfachmord in Eislingen

Die Begeisterung für seine Profession ist Frank Reuther deutlich anzumerken. „Leichen sezieren ist etwas Schönes“, findet der 54-Jährige, der nach eigener Aussage schon als Fünftklässler wusste, dass er das eines Tages beruflich machen möchte. Vor dem voll besetzten Saal spricht Reuther mit so viel makabrem Witz über seine Arbeit, dass man stellenweise fast vergessen könnte, dass es hier um echte Tote geht. Eine gewisse emotionale Distanz sei aber auch unabdingbar, erklärt er. „Wenn du mit jedem mitstirbst, geht das nicht.“


Der spektakulärste Fall in Reuthers Karriere war wohl der Vierfachmord von Eislingen. „Der hat am meisten mediales Interesse bekommen“, erinnert er sich. Im Jahr 2009 erschießt der damals 18 Jahre alte Sohn gemeinsam mit einem Freund seine Eltern und seine beiden älteren Schwestern.

Der Rechtsmediziner räumt direkt mit ein paar Klischees auf. Die Schüsse selbst seien nicht die Todesursache, erklärt er, sondern zum Beispiel der Blutverlust. Auch könne er die Todesursache nicht auf den ersten Blick bestimmen – wie es in Fernsehkrimis gerne dargestellt wird. Besonders die Todeszeitbestimmung sei ein „heißes Eisen“ und völlig unrealistisch. 

Hammermord und Co.: Gerichtsmediziner berichtet in Heilbronn von seiner Arbeit 

Bei seinen Ausführungen plaudert Frank Reuther auch ein bisschen aus dem Nähkästchen. So kühlen schlanke Körper schneller aus – dicke Leichen bleiben hingegen länger warm und werden innerlich schneller faul. „Dicke Leichen seziert niemand gern“, betont er. 

Mit lockeren Sprüchen wie diesen nimmt Reuther auch dem Publikum einen Teil des Schreckens, das den Anblick entstellter Leichen weit weniger gewöhnt ist. Da ist zum Beispiel der Hammermord von Krumbach. Beim Anblick der Fotos wird es still im Saal. Eine Frau Anfang vierzig ist einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Auf dem Seziertisch von Frank Reuther rasiert er ihr zunächst die Haare ab. „Über die Ohren schneidet man die Kopfhaut auf“, erklärt er. Die Löcher in der Schädeldecke geben Hinweise auf die Tatwaffe: Mit insgesamt 42 Hieben habe der Täter der Frau mit dem Zimmermannshammer das Hirn zermatscht – als sie immer noch röchelte, stach er ihr ins Herz. Der Täter, erzählt Reuther, wurde später zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. 

Werdegang von Frank Reuther

„Jeder kann jemanden umbringen, es braucht nur die richtige Situation“, sagt Dr. med. Frank Joachim Reuther. Er wurde 1971 geboren und stammt ursprünglich aus Sachsen. Medizin studierte er unter anderem an den Universitäten in Leipzig und Jena und war als Bundeswehrarzt eine zeitlang in Afghanistan eingesetzt. Seit 2021 ist er Ärztlicher Direktor der Psychiatrie am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm. Außerdem ist er unter anderem Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin sowie im Berufsverband Deutscher Rechtsmediziner. 

Auch hier ist Professionalität wichtig. „Man erwartet von mir kein Mitleid, sondern einen ordentlichen Befund“, betont Reuther. „Ich denke, es ist eine Fachmedizin wie jede andere.“ Es helfe ihm, dass die Menschen in der Gerichtsmedizin bereits tot sind. Schlimmer empfinde er es in der klinischen Medizin, wo die Ärzte ihre Patienten vor deren Tod lebend kennengelernt haben.

Mordfälle in Deutschland – Gerichtsmediziner schätzt ein

Seine Expertise vor Gericht betrachtet Frank Reuther eher als Service. Er gebe Hinweise, habe aber nicht die Befugnis, die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Seine Aufträge erhalte er von der Staatsanwaltschaft. Um echte Tötungsdelikte handle es sich in etwa zehn Prozent der Fälle. „In den allermeisten Fällen ist am Ende nichts dran“, erzählt er. Der Großteil der Morde passiere seiner Einschätzung nach unter dem Radar – durch Krankenpfleger oder pflegende Angehörige. Da es in Deutschland große Vorbehalte gegen das Sezieren gebe, bleibe vieles unentdeckt.

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