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Ein Leben für den Laden

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Doris Maurer erledigt mit 80 Jahren immer noch die Buchhaltung im familieneigenen Messer-Geschäft. Bevor Produkte im Laden verkauft werden, testet die Seniorchefin selbst - von der Schere bis zur Pfanne. Nur eine Ausnahme macht sie.

Von Julia Weller
Im Hintergrund die Technik, in der Hand die Vergangenheit: Doris Maurer kann aus vielen Jahrzehnten Familien- und Firmengeschichte erzählen.
Foto: Andreas Veigel
Im Hintergrund die Technik, in der Hand die Vergangenheit: Doris Maurer kann aus vielen Jahrzehnten Familien- und Firmengeschichte erzählen. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Eigentlich wollte Doris Maurer gar kein Leben als Geschäftsfrau führen. Zwei Wochen lang arbeitete sie als junge Frau im Laden ihres Onkels mit, da hatte sie erst einmal genug vom Verkaufen. Aber den Klaus Maurer, den wollte sie trotzdem heiraten. Und so wurde Doris Maurer mit ihrer Hochzeit 1960 Teil des Heilbronner Familienunternehmens Messer-Maurer, für das sie heute immer noch unverzichtbar ist. An diesem Donnerstag feiert die Seniorchefin ihren 80. Geburtstag.

"Jeden Morgen müssen die Zahlen auf dem Tisch liegen", sagt Doris Maurer. Seit mehr als fünfzig Jahren macht sie die Buchhaltung für das Fachgeschäft in der Fleiner Straße und die angeschlossene Werkstatt. Ihr Mann und die gemeinsamen Kinder sind für Verkauf und Fertigung zuständig, das Büro im zweiten Stock ist Doris Maurers Reich. Hier stehen ganze Wandregale voller bunter Ordner, ein Drucker surrt im Hintergrund, auf dem Schreibtisch steht ein Computer.

Arbeit am Computer

Ganz am Anfang hat Doris Maurer die Buchführung noch von Hand gemacht, mit einem Amerikanischen Journal. Irgendwann zog die Technik ein und entwickelte sich immer weiter. "Mit jedem neuen PC habe ich gesagt, den nächsten will ich nicht mehr", sagt Maurer. Jetzt sitzt sie trotzdem vor Windows 10, arbeitet in Excel und Word. Ihr Mann hingegen kann keinen Computer bedienen, auf seinem Schreibtisch liegen ein paar Werkzeuge. Täglich nach dem Frühstück sieht er sich die Geschäftszahlen an, die seine Frau erfasst hat.

"Einmal hat sie sich den Fuß gebrochen und war 14 Tage im Krankenhaus", erzählt Klaus Maurer. "Da war ich aufgeschmissen." Er rief beim Finanzamt an und entschuldigte sich dafür, keine Umsatzzahlen vorlegen zu können. Die Beamten hatten Verständnis: "Die waren sehr menschlich, weil meine Frau sonst immer pünktlich gewesen war." Sobald Doris Maurer im Büro zurück war, hängte sie sich zwei Taschen um den Hals, um trotz Krücken die schweren Ordner tragen zu können.

Kennengelernt haben sich die Maurers beim Tanzkurs. Sie verstanden sich so gut, dass Klaus Maurer dachte, er müsse Doris gar nicht erst fragen, ob sie mit ihm zum Abschlussball geht. Doch dann hatte sie schon einem anderen zugesagt - so tanzte das Paar auf seinem ersten Ball getrennt. Beim nächsten Mal wusste Klaus Maurer es besser, es folgten viele gemeinsame Tanzabende.

Nach 25 Jahren der erste Urlaub

Seine Eltern hatten 1937 eine Messerschmiede gegründet, doch als Klaus und Doris Maurer heirateten, war noch nicht klar, dass sie mal den gesamten Betrieb übernehmen würden. Doris Maurer, die bei Tengelmann Groß- und Außenhandelskauffrau gelernt hatte, half trotzdem von Anfang an mit. "Mit zwei kleinen Kindern stand ich jeden Tag im Laden. Mittags kam meine Mutter zum Kochen, abends habe ich Regale aufgefüllt. Und sonntags die Buchhaltung gemacht."

Jahrelang machten sie keinen Urlaub. "Aber an unserem 25. Hochzeitstag habe ich gesagt, ich streike jetzt", erzählt Maurer lachend. Also ging das Paar auf eine zweiwöchige Mittelmeerkreuzfahrt. Mittlerweile sind die Maurers fast jedes Jahr für zwölf Tage am Plattensee in Ungarn. "Das reicht mir als Erholung", sagt Doris Maurer. "Und jetzt im Alter gönne ich es mir, mich mittags mal zehn Minuten hinzulegen."

Waffen will sie nicht verkaufen

Bis 11 Uhr sitzt sie immer an ihren Zahlen, dann kocht sie für die ganze Familie Mittagessen. Oft ist sie dabei auch Versuchskaninchen für Produkte, die im Laden verkauft werden. Neben hunderten Sorten Messern und Scheren gibt es bei Messer-Maurer nämlich auch anderen Küchenbedarf. "Ich teste jede Pfanne, bevor sie in den Laden kommt", sagt Maurer. Nur eines gefällt ihr nicht: Dass im Betrieb mittlerweile auch Luftdruckwaffen verkauft werden. "Ich habe den vierten Dezember 1944 in Heilbronn miterlebt", sagt Doris Maurer. "Ich verkaufe keine Waffe."

Ohnehin steht sie nur noch im Geschäft, wenn es unbedingt sein muss. Die meiste Zeit sitzt sie im Büro an ihren Zahlen. "Solange unsere Kinder uns noch brauchen, machen wir weiter", sagt sie. Die Lohnabrechnungen hat sie bereits an ihre Tochter Beate Maurer abgegeben, aber alle anderen Abrechnungen will sie weiterhin erledigen. "Ich muss ja auch für etwas gut sein."

 

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