Die wilden 68er in der Käthchenstadt Heilbronn
Heilbronn war zwar nicht Berlin und Frankfurt. Aber radikale Gruppen mischten während der 68er Jahre mit teils originellen Aktionen auch in der Käthchenstadt den Schulalltag auf

Die verdrängte Nazi-Vergangenheit vieler Väter und Politiker, Vietnam-Krieg, Große Koalition, Notstandsgesetze, Springer-Presse, autoritäre Strukturen und Personen: Die Ursachen der 68er-Bewegung sind vielfältig.
Auch in Heilbronn gingen vor 50 Jahren junge Leute auf die Straße und sorgten durch allerlei Aktionen für Aufsehen. In der Käthchenstadt ging"s freilich gemäßigter zu als in Berlin, Paris und Frankfurt. Die Hochschul-Studenten der damaligen Ingenieurschule beschränkten sich im wesentlichen auf Aktionen zur europaweiten Anerkennung ihrer Bildungsabschlüsse. Radikale Schülergruppen trieben es indes bunter.
Der Historiker Ulrich Maier erinnert sich gut
Der Historiker Ulrich Maier hat die unruhigen Jahre hautnah erlebt. Er ging in Heilbronn zur Schule und war später Deutsch- und Geschichtslehrer am Justinus-Kerner-Gymnasium (JKG) Weinsberg. Nicht nur in Büchern wie "Aufgewachsen in Heilbronn", auch bei Vorträgen lässt er die spannende Zeit Revue passieren, so wie etwa jüngst beim Historischen Verein.

Schüler aller Gymnasien, so stellt Maier fest, "scheuten keine Konflikte mit den Schulleitungen". In organisierten Schülergruppen wie Schülermitverwaltung (SMV) oder Schülerrat trat man selbstbewusst auf. Nicht nur interne Fragen wie Numerus Clausus oder Mitspracherechte wurden heiß diskutiert, sondern auch die große Politik.
Punktuell ist es einer revolutionären Gruppe tatsächlich gelungen, Mitschüler zu radikalen Aktionen zu mobilisieren, wobei der Großteil keine Revolte wollte, sondern eine Demokratisierung der Schule. Viele kümmerten sich auch nur um die private Lebenswelt, die sich oft kaum von der der Eltern unterschied.
Alternative Jugendkultur mit Beat-Musik
Eine alternative Jugendkultur entwickelte sich im Laufe der 1960er mit der provokanten Beat-Musik, die mit lokalen Gruppen wie King-Malcom-Group, Black-Beat-Brothers oder Differences Between, das Lebensgefühl der jungen Leute wiedergab. 1966 berichtete das "Neckarecho" von 30 "wilden" Kellern, wobei der aufgeschlossene Kulturbürgermeister Erwin Fuchs (SPD) 1967 den Deutschhofkeller für Konzerte, Discos und Diskussionen herrichten ließ; sehr zum Missfallen autoritärer Zeitgenossen wie dem Ex-Nazi und THG-Direktor Karl Epting, der 1967 einen ersten Eklat provozierte: Er torpedierte die Wahl des Schülerratsvorsitzenden und setzte drei Klassensprecher ab. Einer war an Fasching in priesterlichem Habit aufgetaucht und spendete im Schulhof den Papstsegen.
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnismarsch gegen Obrigkeitsdenken
Spaßig-spektakuläre Aktionen auf die Beine stellte laut Maier "ein überschaubares, aber äußerst aktives revolutionäres Schülerkollektiv". So mobilisierten diese "APO-Gymnasiasten" im Januar 1968 rund 200 Mitschüler, inklusive der Band Feetwarmers, zum Kaiser-Wilhelm-Gedächtnismarsch, einer Persiflage aufs Obrigkeitsdenken. Vier Monate später trafen sich 200 junge Leute im Stadtgarten zu einem Teach-In, also zum Debattier-Treff gegen die Notstandsgesetze.
Rotzfreche Schülerzeitung sorgt für Ärger

Für dicke Luft sorgte "Spartakus novus - Heilbronns übelste Schülerzeitung" mit ihrem rotzfrechen Stil. Während sich der gemäßigte Schülerrat distanzierte, wurden am JKG, am Theodor-Heuss- (THG) und am Robert-Mayer-Gymnasium (RMG) Wände mit üblen Beschimpfungen besprüht.
Es kam zu Schulverweisen - und zu Solidaritätskundgebungen, in die sich sogar Studenten aus Tübingen, Heidelberg, Stuttgart und Karlsruhe einklinkten, zu Teach-Ins am RMG und Diskussionen im Hans-Rießer-Haus. Überregionale Medien wie der WDR und die Zeitschrift Konkret, bei der damals die spätere Terroristen Ulrike Meinhof arbeitete, berichteten.
Großdemo mit Schülern aus Nachbarorten

Die kleine Gruppe radikaler Gymnasiasten "hielt die Polizei gehörig auf Trab", weiß Maier und verweist auf Schmierereien, Plakataktionen, Beschlagnahmungen und Festnahmen. Im Haus des Handwerks flogen beim Auftritt von Kultusminister Wilhelm Hahn Eier. Während einer Deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche wurde einem US-Major die Mütze vom Kopf geschlagen. Störer pfiffen ein Konzert mit US-Sängern nieder.
Ihren Höhepunkt erreichte die hiesige Schülerbewegung laut Historiker Ulrich Maier im April 1970, als Oberstufenschüler in einer Urabstimmung für einen dreitägigen Streik stimmten. 1500 Schüler aus Heilbronn, Neckarsulm und Möckmühl zogen in einem Sternmarsch zum Rathaus. Die Titel der Arbeitsgruppen zeigen, um was es ihnen im Kern ging: Numerus clausus, Chancengleichheit und soziale Struktur, Demokratie in der Schule - und: innere Missstände am THG. Danach stellten die Schüler bei einer Pressekonferenz ihre Ergebnisse vor und verabschiedeten eine Resolution an das Kultusministerium: Sollte man auf ihre Wünsche nicht eingehen, so hieß es, plane man weitere Aktionen.
Zeitzeugen berichten am 13. Februar im Bankhaus
Die Achtundsechziger, kurz 68er: Für die einen ein Reizwort, für andere ein Synonym für gesellschaftlichen Aufbruch. Es gab Generationenkonflikte, die NS-Vergangenheit war nicht länger tabu. Ein neues, alternatives Lebensgefühl machte sich breit, vor allem unter jungen Leuten. Die Proteste gegen Staat, Politik und Ordnungsmacht fanden vor allem in den großen Uni-Städten statt. Wie sah es in Heilbronn aus? Wie erlebten die Heilbronner die bewegten 1968er? Und was ist aus dem damaligen Aufbruch in Kultur, Gesellschaft und Politik geworden?
Darum geht es am Mittwoch, 13. Februar, 18.30 Uhr, bei einer Kooperationsveranstaltung von Stadtarchiv und Volkshochschule im Abraham-Gumbel-Saal der Volksbank an der Allee 20. Nach einem Impulsvortrag von Stadtarchiv-Direktor Professor Christhard Schrenk begeben sich vier Heilbronner Zeitzeugen im Gespräch mit VHS-Leiter Peter Hawighorst und Schrenk auf Spurensuche nach der 1968er Revolte in der Käthchenstadt. Die Zeitzeugen sind Gabriele Erlewein-Hügel, Dr. Richard Mössinger, Kurt Scheffler und Professor Karl Walter.
Der Eintritt ist frei; Anmeldung bis Donnerstag, 7. Februar, telefonisch über die VHS Heilbronn, Tel. 9965-0 oder per E-Mail an info@vhs-heilbronn.de.
Stimme.de
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