Der fast vergessene Angriff auf Heilbronn
Am 10. September 1944 sterben in der Heilbronner Kernstadt und in Böckingen 281 Menschen durch Fliegerbomben. Innerhalb von einer Stunde werden mehr als 300 Gebäude zerstört oder unbewohnbar. Auch Kilianskirche und Rathaus sind betroffen.

Der 4. Dezember 1944 hat sich ins kollektive Bewusstsein der Region eingegraben. An diesem Tag wird die Altstadt von Heilbronn völlig zerstört. Sechs Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs sterben im Bombenhagel und Feuersturm schätzungsweise 6500 Menschen. Die genaue Zahl weiß niemand.
Was vielen Nachgeborenen weniger oder gar nicht bewusst ist: Heute vor 75 Jahren, am 10. September 1944, kommen bei einem Fliegerangriff auf Heilbronn 281 Menschen ums Leben. Zwischen Böckingen, Südstadt, Bahnhofsvorstadt und Stadtkern werden ab 11.30 Uhr innerhalb einer Stunde mehr als 300 Gebäude zerstört oder unbewohnbar, darunter die Kilianskirche, wo die Gottesdienstbesucher vom Alarm aufgeschreckt werden. Auch das benachbarte Rathaus bekommt einen Treffer ab.
Rathaus brennt drei Tage
Dabei hat es die US-Luftwaffe damals nur auf Ziele abgesehen, die auf Target Information Sheets vermerkt waren, also auf Listen militärisch relevanter Anlagen wie Bahnhof oder Hafen. Am Ende spricht man von "sehr guten Ergebnissen". Die Feuerwehr muss von Wehren aus Nachbargemeinden unterstützt werden.

Das historische Rathaus brennt sogar drei Tage lang, obwohl Kreisleiter Richard Drauz darauf drängt, es vor der Kilianskirche zu löschen. Kompetenzgerangel zwischen NSDAP, Polizei und Luftschutz erschweren in der allgemeinen Aufregung die Arbeit.
Bomben-Karle flog am Ende fast jeden Tag
Auch dies ist heute manchem nicht bewusst: Auf Heilbronn fallen in den letzten Kriegsmonaten öfter Bomben. Der "Bomben-Karle", der regelmäßig am Himmel auftaucht, wird zum geflügelten Wort. Im Herbst 1944 heulen fast täglich die Sirenen, weil die Stadt von Westen her auf dem Weg zur Nazi-Hochburg Nürnberg liegt.

Ironie des Schicksals: Dass Heilbronn am 10. September so schwer getroffen wird, liegt am Wetter. Am Vormittag fliegen rund 100 Flugzeuge der Air-Force in Richtung Günzburg, wo ein Flugzeugwerk steht. Doch Bayrisch-Schwaben liegt unter einer Wolkendecke. Ähnlich sieht es über dem Ausweichziel Ulm aus. Kurzerhand schwenken die Bomber auf Heilbronn ein, dort herrscht an diesem Sonntag im Spätsommer Sonnenschein - bis sich zur Mittagszeit der Himmel durch die US-Flieger verdunkelt.
Film vom Angriff ist verschollen
Zum Zeitpunkt des Angriffs befindet sich zufällig ein Filmteam auf dem Kiliansturm. Geistesgegenwärtig hält Kameramann Leo Laforge alles auf Zelluloid fest, doch von den bewegten Bilder fehlt trotz intensiver Recherche rund um den Globus bis heute jede Spur.
Wer sich im Stadtarchiv über die komprimierte "Chronik der Stadt Heilbronn" näher mit dem 10 . September beschäftigen will, geht trotzdem nicht leer aus. Als Standardwerk gilt "Heilbronn 1944/45. Leben und Sterben einer Stadt" (1993/2015) von Hubert Bläsi und Christhard Schrenk. Nahe an der Zeit sind Robert Bauers "Heilbronner Tagebuchblätter" (1949), Erwin Boslers "Aus den Schreckenstagen Heilbronns" (1950) oder etwa Wilhelm Steinhilbers "Heilbronn. Die schwersten Stunden der Stadt" (1961), inklusive Fotos, auch aus dem Laforge-Film. Dem Stadtarchiv liegt zudem eine große Menge an Zeitzeugenberichten vor, die zwar nicht immer der historisch-kritischen Prüfung standhalten, aber womöglich gerade durch ihre menschliche Note eine Ahnung vom schier Unfassbaren vermitteln.
Der erste große Fliegerangriff auf Heilbronn und Böckingen jährt sich an diesem Dienstag, 10. September, zum 75. Mal. Vereine, der Böckinger Ring und die örtlichen Kirchengemeinden gestalten aus diesem Anlass am Abend eine Gedenkfeier. Sie beginnt um 18.30 Uhr am Gedenkstein auf dem Böckinger Dorfplatz, gegen 19 Uhr geht es dann in der benachbarten evangelischen Stadtkirche weiter.
Dabei erzählen unter anderem Zeitzeugen, wie sie den Angriff vom 10. September 1944 erlebt haben. Oberbürgermeister Harry Mergel hält eine Ansprache. Die Chöre des Stadtteils Böckingen singen, die Harmonika-Vereinigung und Bezirkskantor Thomas Astfalk musizieren. Gemeinsam wird das Lied "Dona nobis pacem" angestimmt.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare