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Hauptfriedhof

Denkwürdige Trauerfeier für einsam Verstorbene in Heilbronn

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Auf dem Heilbronner Hauptfriedhof gibt es ein Gräberfeld für Menschen, die einsam und verarmt gestorben sind. Am "Tag zur Beseitigung der Armut" fand dort eine denkwürdige Gedenkfeier statt.

Das Gräberfeld für einsam Verstorbene liegt im Schatten eines Reiterdenkmals. Bürger und Offizielle erweisen den dort begrabenen Menschen die letzte Ehre.
Das Gräberfeld für einsam Verstorbene liegt im Schatten eines Reiterdenkmals. Bürger und Offizielle erweisen den dort begrabenen Menschen die letzte Ehre.  Foto: Seidel, Ralf

Entlang der Platanenallee auf dem Heilbronner Hauptfriedhof stehen unzählige Grablichte Spalier. Bei Einbruch der Dämmerung weisen sie Trauergästen, vorbei an prachtvollen Grabstätten teils prominenter Bürger den Weg zu einer unscheinbaren Wiese, vielleicht 100 Quadratmeter groß. An der Nordflanke steht das historische Reiterdenkmal für den Grafen Rudolf Sperling. Der stattliche Stein steht im krassen Gegensatz zu den Verstorbenen, die in dessen Schatten nach der Einäscherung die letzte Ruhe gefunden haben: Obdachlose, Arme, Einsame.

Anders als zu Lebzeiten werden diese Toten beim internationalen "Tag für die Beseitigung der Armut", dem 17. Oktober, besonders gewürdigt, mit einer Trauerfeier. Der Musikverein Sontheim stimmt Lieder wie "Bewahre uns Gott" an, in die eine 50-köpfige Trauergemeinde einstimmt. Sogar der Oberbürgermeister ist gekommen und die beiden Kirchendekane.

Arbeitskreis kümmert sich um die Vergessenen

Kathrin Geih von der Mitternachtsmission der Diakone erinnert, dass "der letzte Weg" für Menschen vom Rande der Gesellschaft früher alles andere als würdig war. Meist wurden sie anonym beigesetzt, ohne Lieder, ohne Pfarrer, still und leise - ohne Bezugspunkt für Hinterbliebene oder Freunde, sofern es diese überhaupt gab.

Vor fast 15 Jahren hat sich auf Initiative der Mitternachtsmission und des Diakons Johannes Bläsi ein "Arbeitskreis Armenbegräbnis" gebildet, aus Vertretern von Stadt, Kirchen und Wohlfahrtspflege, der Abhilfe geschaffen hat: mit dem Gräberfeld, mit einer würdigen Bestattung, aber auch im Vorfeld mit der Organisation und Koordinierung von Behördengängen bis hin zur oft mühsamen Suche von Bezugspersonen. Inzwischen gebe es auch ein Spendenkonto, so Geih, etwa für Blumen oder Musik, während die eigentlichen Bestattungskosten, 1500 bis 1700 Euro pro Person, von der Stadt getragen werden. Oberbürgermeister Harry Mergel begreift dies als "Pflicht".

OB Harry Mergel: Auch Arme gehören zu unserer Gesellschaft

Nicht umsonst hätten die Eltern des Grundgesetzes die Unantastbarkeit der Menschenwürde an den Anfang der Verfassung gestellt, so der OB. Leider werde dies heutzutage, "wo alles nach Marktwert und Leistung bemessen wird", oft vergessen, im Alltag und in der Politik. Aber auch Einsame, Kranke, Schwache, privat und beruflich Erfolglose gehörten zu unserer Gesellschaft. Gerade sie hätten Solidarität, Unterstützung, Mitgefühl und Respekt verdient, "im Leben - und auch im Tod", so Harry Mergel.

Für den katholischen Dekan Roland Rossnagel zeigt der Arbeitskreis beispielhaft, "dass unsere Stadt im Innersten doch zusammenhält, dass bei uns noch manches Zwischenmenschliche klar ist, zwischen und unter Bürgern, Ämtern und Kirchen". Trotz oder gerade in den momentanen Krisen und Umbrüchen. Durch das Engagement des Arbeitskreises werde auch deutlich, "dass die Würde des Menschen nicht am Eigenheim hängen kann, oder wie wir gekleidet sind, welche Hautfarbe wir haben oder zu welchem Volk wir gehören".

Die von Gott geschenkte Menschenwürde könne sich niemand selbst zusprechen - oder absprechen, so Rossnagel. Deshalb sei er "fassungslos, wenn im Namen Gottes oder Allahs Menschen entwürdigt werden, wie das gerade wieder auf menschenverachtendste Weise geschieht".

Dekan Christoph Baisch: Jeder Mensch ist wertvoll

Für Christen seien Trauerfeiern "nicht nur ein Zeichen des letzten Weggeleits", so der evangelische Dekan Christoph Baisch. Vielmehr seien sie Ausdruck dafür, dass jeder Mensch - unabhängig vom materiellen Stand - "vor Gott wertvoll und der Hand Gottes anvertraut ist: in der Hoffnung auf Frieden in Gottes ewigem Reich".

Zugleich zeigten gerade solche Feiern, dass Armut und Vereinsamung ein gesellschaftliches Problem darstellten, das gemeinsam bearbeitet werden müsse, so dass die betroffenen Menschen schon zu Lebzeiten Unterstützung erfahren oder gar nicht erst in diese Situation geraten. Es sei gut und wichtig, so Baisch, dass der Arbeitskreis nicht nur am Tag für die Beseitigung von Armut "das Gespür für diese Aufgabe wachhält".

Der 1882 an der Wollhausstraße angelegte Hauptfriedhof Heilbronn ist 15 Hektar groß. Inzwischen werden zwei Drittel der Verstorbenen verbrannt. 20 Prozent der Urnen werden nicht in Erdgräbern beigesetzt, sondern in alternativen Grabarten: Stelen, Kolumbarien, historische Grabstätten, unter Bäumen, auf Wiesen. Eine Besonderheit ist die Wiese für Arme, wo seit 2008 insgesamt 306 vereinsamte Menschen die letzte Ruhe gefunden haben.

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