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Corona-Blues in der Heilbronner Innenstadt

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Tote Hose an mehreren Orten in Heilbronn. Seit Montag sind unter anderem Gaststätten, Freizeitbetriebe und Kultureinrichtungen geschlossen. In Heilbronn ist die Verunsicherung, was noch geöffnet hat, teilweise groß.

Vom heutigen Montag an gelten in Heilbronn verschärfte Corona-Regeln. In der Innenstadt lassen sich die Folgen unmittelbar ablesen. "Normalerweise kommen hier viel, viel mehr Leute rein", sagt eine Verkäuferin am Eingang der Stadtgalerie. Ein ähnliches Bild am Kiliansplatz: "Es ist auffallend wenig los heute", stellt Hilde Gäckle vom Weltladen fest. Gleichzeitig fielen ihr die vielen Ordnungshüter auf. "Auch die Atmosphäre ist anders. Viele Kunden wirken bedrückt." "Die Frequenz hat in der Corona-Zeit deutlich nachgelassen, auch die Verweildauer ist kürzer und heute sind es nochmal weniger", berichtet Achim Glasbrenner von der B+B Parkhausgesellschaft. "Normalerweise spüren wir jetzt schon das Weihnachtsgeschäft, aber dieses Jahr ist alles anders, das war schon vor Ostern so."

"Tote Hose" auf der Neckarmeile

Auf der Neckarmeile herrscht "tote Hose", wie Andress Schmidt beim Gassigehen mit Hund Struppi feststellen muss. "Normalweise wäre hier bei diesem Wetter Hochbetrieb", meint Schmidt angesichts milder Temperaturen und vereinzelter Sonnenstrahlen. Doch das Mangold hat bis 30. November ganz zu, andere Lokale im Marrahaus und in der ganzen Stadt bieten Speisen zum Mitnehmen: von Umbertos Trattoria über die Grüne Pause bis zu Pfeffers Tagbar.


Im Sommer noch Hoffnung

Michael Rossi spricht für viele: "Ich hab" schon den Corona-Blues." Lokale sind zu, Veranstaltungen fallen flach, Hallenbäder sind geschlossen. "Beim ersten Lockdown im Frühjahr hatten wir noch den Sommer vor Augen und die Hoffnung, dass alles bald wieder gut ist, aber jetzt?" Was das Geschäft betrifft, will der Betreiber der Agip-Tankstelle und Kfz-Werkstatt hinter der Harmonie nicht klagen. "Aber niemand weiß ja, wohin das alles führen wird."

Händler in einem Boot mit Gastronomen

Der Sprecher der Heilbronner Kaufleute Thomas Gauß kritisiert die Schließung der Lokale scharf. "Da wird nach dem Gießkannenprinzip verfahren, nicht nach dem Verursacherprinzip." Speisegaststätten trügen nur zu 0,3 Prozent zum Infektionsgeschehen bei. "Dort kann man sich im Grunde so sicher bewegen wie bei uns im Handel", meint Gauß.

Der Gastro-Shutdown in der Innenstadt treffe auf Dauer auch den Handel. "Wir sitzen da in einem Boot und leben voneinander." Gleichwohl habe er Hoffnung auf ein "halbwegs normales Weihnachtsgeschäft" im Dezember – "falls die Rahmenbedingungen wieder stimmen". Bereits nach dem Frühjahrs-Lockdown habe sich der Handel entgegen aller Erwartungen relativ schnell erholt.

"Viele sind verunsichert", berichtet Annette Baumann von der Tourist-Info der Heilbronn Marketing GmbH (HMG). "Wir beraten die Kunden derzeit, ein bisschen wie bei der Telefonseelsorge, in allen Lebensfragen": von ausgefallenen Veranstaltungen über "Nischen, die"s noch gibt" bis hin zur aktuellen Coronaverordnung.

Was geht an der VHS?

Auch Kursteilnehmern an der Volkshochschule Heilbronn (VHS) sind verunsichert. "Viele rufen bei uns an und fragen: Was dürfen wir, was nicht?", berichtet Jutta Walter-Bauschke aus dem Sekretaritat der Geschäftsführung und antwortet prompt. "Alles, was mit Hüpfen zu tun hat, geht ab sofort nicht mehr", also Kurse mit Gymnastik, Yoga, Schwimmen. Die meisten anderen Angebote könnten aber weiterhin besucht werden: Natürlich bei Beachtung der Hygiene-Regeln.


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Verständnis und Gesellschaftskritik

Wo und was essen wir heute bloß zu Mittag? Diese Frage stellen sind gestern viele. Rechtsanwältin Marlis Ehrler-Kleine hatte vorgesorgt und ließ sich bei Margot und Francesco Ruinato im Café Grüne Pause der Volkschochschule die mitgebrachte Tupperdose mit einem vegetarischen Pasta-Gericht füllen. Die Juristin zeigt Verständnis für die "Corona-Notbremse". "Der Versuch, die Kurve abzuflachen, damit das Gesundheitssystem nicht kollabiert, ist sinnvoll." Gleichzeitig hofft sie, dass die Einschränkungen zu einem Umdenken in der Gesellschaft führen: "Ohne Rücksicht und Solidarität geht es nicht." Als Christin sieht sie durch die Krise auch "den allgemeinen Machbarkeitswahn in Frage gestellt: Nicht alles liegt in unserer Hand."

Gottesdienste dürfen übrigens weiter stattfinden. So kündeten gestern die Münsterglocken von traditionellen Gedenkfeiern zum Allerseelentag, 2. November.

An Allerseelen liest der Heilbronner Pfarrer Roland Rossnagel im Gottesdienst die Namen der Verstorbenen des letzten Jahres vor. "Die große Glocke läutet dazu. Die Angehörigen – auch von weit her – sind da. Das ist ein ganz intensiver Moment. Liebvolle, schmerzliche, leidvolle Erinnerungen an geliebte Menschen werden wach. Natürlich tauchen auch Gedanken an die eigene Sterblichkeit auf. Auch ich muss irgendwann sterben. Mein Leben ist begrenzt. In diesem Jahr merken das nicht nur die direkt Betroffenen, die um einen lieben Menschen trauern, sondern alle. Denn Corona zeigt uns mitten in einer Atmosphäre, wo alles möglich schien, wie hilflos wir letztlich sind. Die Kirche hält wach, dass wir keine Angst vor dem Leben und auch nicht vor dem Sterben haben müssen. Alles Schöne, aber eben auch das Leidvolle sind noch einmal vom göttlichen Leben umfangen, in dem niemand stirbt."

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