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Heilbronn

Bei der Freizeit auf dem Gaffenberg sind dieses Jahr 114 Kinder aus der Ukraine dabei

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Kinder und Betreuer erzählen, was ihnen an der Ferienfreizeit am besten gefällt.

Jede Menge Gekicher: Mariam, Lion und Juki haben sichtlich Spaß, als Tabea Singh, heute als Schnecke unterwegs, ihnen vorliest.
Jede Menge Gekicher: Mariam, Lion und Juki haben sichtlich Spaß, als Tabea Singh, heute als Schnecke unterwegs, ihnen vorliest.  Foto: Berger, Mario

Morgens um 8.10 Uhr ist an der Heilbronner Bushaltestelle Gemmingstal schon Betrieb. Die Jüngsten mit sieben Jahren, Mütter aus der Ukraine mit ihren Kindern, eine Zwölfjährige, ein Kind mit Down-Syndrom: Sie alle warten auf den Bus, der sie zu einem neuen Tag voller Abenteuer bringt. Auf den Gaffenberg.

Aytug und Marc sitzen auf der Bank und sind versunken in ihr Spiel: Ninjago-Karten tauschen. "Schau mal, ich hab Mister Jang, der ist 30 Euro wert", ruft Aytug (10) stolz und zeigt auf die Karte. Marc macht große Augen. "Und das, das ist eine limitierte Edition!"

Josephine findet es gut, dass sie hier neue Freunde findet

Florentine (8), den Jeanshut ins Gesicht gezogen, kuschelt sich an ihre große Schwester Josephine (12). "Ich find es gut, dass man so viele Leute kennenlernt, dass man neue Freunde findet", sagt die künftige Achtklässlerin. Florentine schaut auf: "Ich find's im Wald richtig toll."

Hannah Kübler, engagierte Tante auf dem Gaffenberg, geht heute als Blume

Gerade biegt Hannah Kübler um die Ecke, ein Blütenkranz aus Pappe wippt auf ihren Schultern, sie trägt ein Sommerkleid. "Bist du heute eine Blume?", freut sich Florentine. Hannah Kübler lacht. Gemeinsam mit ihrem kleinen Schützling überlegt sie, was sie in diesen Tagen schon alles war. Qualle, Pfau, als Brautmutter hat sie mit den Kindern Hochzeit gefeiert, und gestern, da war sie eine Art Zirkusdirektorin, Florentines Favorit.

Früher waren die Onkel und Tanten der Freizeit ein Vorbild für sie

Hannah Kübler (links) mit Joleen, Florentine, Wanja und Markiian auf dem Gaffenberg. Heute sind die Betreuer der Gruppe als Blume, Gärtner oder Schnecke verkleidet.
Hannah Kübler (links) mit Joleen, Florentine, Wanja und Markiian auf dem Gaffenberg. Heute sind die Betreuer der Gruppe als Blume, Gärtner oder Schnecke verkleidet.  Foto: Berger, Mario

Tante zu sein, also Betreuerin einer Gruppe, macht der 21-Jährigen einen Heidenspaß. Schließlich war sie selbst viele Jahre lang begeistertes Gaffenberg-Kind, dessen großes Vorbild die dortigen Onkel und Tanten waren.

Für die diesjährige Freizeit hat sich die Auszubildende Sonderurlaub genommen. Wie sich das alles anfühlt nach der langen Corona-Zeit? "Als ob es der allererste Gaffenberg wäre", sagt Hannah Kübler. "Am Anfang denkt man sich, ,oh Gott, mach ich alles richtig?" Dabei kann man eigentlich gar nichts falsch machen."

Da kommt der Gaffenberg-Bus um die Kurve, bremst, die Türen öffnen sich, nur noch Stehplätze drinnen. Egal. Die Trinkflasche und den Turnbeutel, die einsam auf der Bank an der Haltestelle zurückgelassen wurden, schnappt Hannah Kübler schnell.

Das Urteil der ukrainischen Mütter: Daumen hoch

Die ukrainischen Mütter winken den Kindern zu, dann ist der Bus weg. Den Daumen eingeklappt, zeigt eine der Frauen, wie viele Kinder sie hat: vier. Drei sind auf dem Gaffenberg. Wie sie es finden? Die junge Frau aus Odessa lächelt, streckt den Daumen hoch.

Oben angekommen findet Betreuerin Hannah Kübler als Blume ihr Pendant: Ihre Kollegin Tabea Singh geht heute als Schnecke. Jeder Tag ist Mottotag und wird morgens mit einer Geschichte anmoderiert. Die Auflage für eine Sonnenliege trägt sie zusammengerollt auf dem Rücken, eingedrehte blaue Pfeifenputzer, die sie an der Brille befestigt hat, sind die Fühler.

Zwei Wochen Urlaub für die Kinder

Auch sie hat gemeinsam mit ihrer Schwester Sonja Singh schon jahrelang als Kind Erfahrungen hier gesammelt, dann wurden beide selbst Betreuerinnen. Oder besser gesagt: Tanten. "Das sind für die Kinder wirklich zwei Wochen Urlaub hier", sagt Sonja Singh.

Viele ihrer Kollegen machen beruflich etwas im sozialen Bereich. Jeder ist willkommen, es gibt 114 Kinder aus der Ukraine, insgesamt 30 Inklusionskinder.

"Man lebt wie in einer Blase, und es ist super einfach Freunde zu finden", sagt Sonja Singh. Freunde wie Lion (10) und Juki (8). Die beiden Jungs lümmeln während des Mittagsschlafs auf ihren Decken im Wald, Juki hat den Kopf auf Lions Bauch gelegt. Der kichert: "Welches Tier hat sein Haus immer dabei?" Klar, die Schnecke. Muss man sich ja nur Tabea anschauen.

Ein Höhepunkt waren die vielen Bonbons beim Hochzeits-Spiel

Was für ihn das Beste ist am Gaffenberg? "Dass es jeden Tag Streuselkuchen gibt." Dass er beim Hochzeitsspiel ziemlich viele Bonbons abgestaubt hat. Gutes Stichwort, findet Mariam: "Gibt's denn heute noch Bonbons?" Zuerst mal gibt's ein Blumenspiel mit Wasser. Falls die Gruppe will. Sonst können die Kinder auch ein Lager bauen oder anderes. Denn auf dem Gaffenberg zu sein, das bedeutet auch Freiheit.


Schulungen und Vorbereitung für den Gaffenberg

An drei Vorbereitungswochenenden erhalten die Onkel und Tanten genannten Betreuer auf dem Gaffenberg Schulungen zu verschiedenen Themen wie etwa Aufsichtspflicht, Kindeswohlgefährdung oder Inklusion. Ferner gibt es Arbeitsgemeinschaften zum Thema Integration. Mit dabei sind externe Referenten, aber auch interne Fachleute, denn einige Betreuer sind selbst Pädagogen. Es gibt eine Kooperation mit den Südstadtkids und den Offenen Hilfen in Heilbronn. Zwei Mal die Woche werden Sprechstunden für Onkel und Tanten angeboten, etwa zum Thema Inklusion.

Die ältesten Gaffenberg-Kinder sind bis zu 15 Jahre alt und helfen als Sheriffkinder mit, etwa beim Öffnen und Schließen des Tors. Mit 16 Jahren gibt es die Option, Küchenkind zu werden, ab 17 Jahren können Interessierte erstmals als Betreuer einer Gruppe mitarbeiten.

 
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