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Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige: Was ein Experte aus Heilbronn davon hält

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Findet ein gesellschaftliches Umdenken in Hinblick auf Social Media und Handynutzung statt? Manuel Kern von der Hochschule Heilbronn ordnet die Entscheidungen ein.

Kein Doomscrolling mehr: Für unter 16-Jährige in Australien hat das Parlament ein Social Media Verbot beschlossen.
Kein Doomscrolling mehr: Für unter 16-Jährige in Australien hat das Parlament ein Social Media Verbot beschlossen.  Foto: Rick Rycroft

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Seit wenigen Tagen dürfen unter 16-Jährige in Australien die Social Media Apps Tiktok, Snapchat, Instagram, Facebook, Threads, X, YouTube, Twitch, Reddit und Kick nicht mehr nutzen. Damit führt das Land die bislang strengste Altersbeschränkung weltweit ein, für die Umsetzung sind die Plattformen allerdings selbst verantwortlich.

Social Media Verbot für unter 16-Jährige: „Grundsätzlich gut“

Diese Maßnahme findet Manuel Kern von der Hochschule Heilbronn grundsätzlich gut. „Ich persönlich finde den potenziellen Schaden, der auch wissenschaftlich nachgewiesen ist, höher. Die psychische Gesundheit leidet, viele Kinder und Jugendliche zeigen ein Suchtverhalten. Und da muss man die jungen Menschen schützen.“

Social Media hat einen enormen Einfluss auf junge Menschen: die vom Algorithmus getriebenen Inhalte prägen unter anderem ihr Weltbild, ihr persönliche Zufriedenheit und Selbstbewusstsein und ihr Kaufverhalten. 

Diskussionen um richtigen Social-Media-Umgang von Jugendlichen

Auch in Deutschland wird der richtige Umgang von Jugendlichen und Social Media immer wieder heftig diskutiert. Zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, dass ein schleichendes Umdenken in der Gesellschaft stattfindet und allen bewusst wird: So kann es nicht weitergehen. „Das würde ich bestätigen“, sagt Manuel Kern. „Diese Erkenntnis kommt schon durch Tiktok.“ Die App ist durch die sogenannte „For you page“ so erfolgreich. Dort werden Inhalte komplett personalisiert und präferenzorientiert ausgespielt, was ein enormes Suchtpotenzial mit sich bringt.

„Ich empfehle auch immer allen Eltern, sich Tiktok runterzuladen, es zu nutzen und zu erleben, dass es süchtig macht. Und wenn das bei uns Erwachsenen der Fall ist, was macht das dann mit einem noch nicht entwickelten Gehirn?“

 Social-Media-Konzerne in die Pflicht zwingen und Nutzer sensibilisieren 

Inhalte, die polarisieren, funktionieren auf Social Media besonders gut. Sie rufen viele Reaktionen hervor und halten somit die Nutzer länger auf der Plattform – genau das, was die Konzerne wollen. Deshalb gibt es für sie keinen Grund, daran etwas zu ändern oder den Effekt abzufedern, im Gegenteil: Anfang des Jahres schaffte Meta beispielsweise den Faktencheck auf seinen Plattformen ab. Hier sieht Manuel Kern die Plattformen klar in der Verantwortung. Finanzielle Sanktionen sind seiner Einschätzung nach der einzige Weg, mit denen man die Konzerne zwingen könne, diese Verantwortung wahrzunehmen. „Am Ende des Tages muss es Geld kosten. Sie werden ihr Geschäftsmodell nicht ändern.“

Auf Nutzerseite sollte man Kindern frühzeitig erklären, dass es durchaus Hebel gibt, mit denen man seine Inhalte teilweise steuern kann. „Ich kann Accounts nicht mehr folgen und bei Themen angeben: ‚das interessiert mich nicht’ und problematische Inhalte melden“, sagt Manuel Kern.

Nicht nur Social Media, auch die generelle Bildschirmzeit hat massive Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Skandinavien hat bereits vor Jahren angefangen, in Schulen Screen-basiert zu arbeiten und galt lange als Vorreiter, jetzt rudern sie zurück. Ist man übers Ziel hinausgeschossen? „Die Dosis macht das Gift“, sagt der Digitalexperte. Es spreche nichts dagegen, Kinder mit einzelnen Aufgaben an Bildschirme und an die Technologie heranzuführen. Bildschirmbasiertes Lernen, beispielsweise anhand von Videos, sieht er dagegen kritisch. „Inhalte bleiben nicht so hängen, wie wenn ich sie in einer Offline-Gruppenarbeit erarbeite oder lese. Das Gehirn funktioniert anders.“

Baden-Württemberg will Handynutzung strenger regulieren

Zumindest die Nutzung privater Handys will Baden-Württemberg künftig strenger regulieren. Der Landtag hat dafür eine Änderung des Schulgesetzes beschlossen. Jede Schule muss künftig festlegen, welche Regeln für die Nutzung von Handys gelten. Grundschulen im Land empfiehlt das Kultusministerium ein striktes Handyverbot. Ob das zielführend ist, zweifelt Manuel Kern an: „Ich finde eine andere Herangehensweise spannend: Dass Schulen anfangen, Klassen anzubieten, die handyfrei sind. Wenn ich es in der Gruppendynamik schaffe, dass niemand ein Handy hat und man sich darauf einigt, schaffe ich eine ganz andere Lernatmosphäre.“

Professor Manuel Kern arbeitet an der Fakultät für Wirtschaft im Bereich Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Heilbronn. Seine Schwerpunkte liegen auf digitalem Marketing sowie dem Verhältnis zwischen Management und Social Media. 




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