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Studie zu Gen-Z

„Rollenbilder aus den 50er Jahren“: Heilbronner Frauenbeauftragte zu Social Media 

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Die Generation Z hat laut einer Studie das rückständigste Rollenverständnis aller Altersgruppen. Die Heilbronner Frauenbeauftragte sieht die Schuld darin auch in Tiktok und Co. Sind auch Heilbronner Gleichstellungs-Errungenschaften in Gefahr?

Von Maren Wagner 
Findet Männerarbeit wichtig, wenn es um den Erfolg in der Gleichstellung von Mann und Frau geht: Frauenbeauftragte Silvia Payer.
Findet Männerarbeit wichtig, wenn es um den Erfolg in der Gleichstellung von Mann und Frau geht: Frauenbeauftragte Silvia Payer.  Foto: Eva-Maria Gebhardt

Silvia Payer erinnert sich noch gut an die Zeit in den 1990er Jahren, als es in der Stadtverwaltung keine Frauen in Führungspositionen gab. „Als ich angefangen habe, gab es natürlich keine Amtsleiterin und kaum eine Abteilungsleiterin“, sagt die Heilbronner Frauenbeauftragte. Seitdem hat sich viel verändert hinsichtlich der Gleichstellung von Mann und Frau. Jetzt aber sehen Experten diesen Erfolg bedroht: Eine Studie in 29 Ländern und mit mehr als 23.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ab 16 Jahren will herausgefunden haben, dass die Männer der Generation Z das rückständigste Rollendenken im Vergleich mit allen befragten Altersgruppen vertreten. Fast jeder dritte Befragte, der zwischen 1997 und 2012 geboren ist, meint, dass eine Ehefrau ihrem Mann gehorchen sollte. „Das ist tatsächlich kaum zu glauben“, sagt Silvia Payer.

Heilbronner Frauenbeauftragte: Social Media muss reglementiert werden

Hat Sie das Ergebnis der Studie erschreckt? 

Es hat mich nicht gefreut, aber es hat mich auch nicht erschreckt. Wir sehen ja seit mehreren Jahren schon, dass sich Einstellungen auch in Bezug auf demokratische Werte verschieben. Ich habe das Ergebnis der Studie verknüpft mit dem Wahlverhalten von Jugendlichen. Bei der Landtagswahl haben wir gesehen, dass sich vor allem die Erstwähler stark an den politischen Rändern bewegen. Bei der Bundestagswahl vor fünf Jahren lagen dagegen die FDP und die Grünen ganz weit vorne. Die Ergebnisse der Studie sehe ich daher nicht als verfestigte Meinungen. Aber es sind Trends, die man ernst nehmen muss. 

Was ist schief gelaufen, dass es zu diesen Trends kommen konnte und damit auch zu diesem rückständigen Rollenbild?

Wir leben in politischen Krisenzeiten, wie wir sie so seit Langem nicht erlebt haben. Unsichere Zeiten können dazu verführen, zu traditionellen Mustern zurückzukehren. Bei Jugendlichen spielt außerdem Social Media eine enorme Rolle. Zugespitzter Inhalt bringt auf Tiktok die meisten Klicks. Das multipliziert sich selber im Netz und kommt gut an. Für Jugendliche ist Social Media der hauptsächliche Informationskanal. Deshalb ist es so wichtig, dass Social Media reglementiert wird.

Heilbronner Frauenbeauftragte: Unsichere Zeiten fördern Rollenstereotype

Es gibt eine Bewegung in den sozialen Netzwerken, in der sich Frauen als traditionelle Hausfrauen inszenieren und Männer als Ernährer und Beschützer dargestellt werden. Prägt das das Rollenverständnis der Generation Z?

Hier ploppen Rollenbilder aus den 50er Jahren hoch, auch für Frauen. Das ist die Blase, in der sich viele Menschen, vor allem auch Jugendliche, bewegen. Und in unsicheren Zeiten übernehmen sie diese Rollenstereotypen für sich. Die männlichen Jugendlichen sind dazu noch in der Situation, dass sie etwa in der Schule und im Studium erleben, dass die Mädchen und jungen Frauen häufig erfolgreicher sind als sie.

Dabei kennen sie aus den sozialen Medien das Gegenteil, nämlich den Mann, der den Frauen stets überlegen ist. Muss man für den Erfolg von Gleichstellung die jungen Männer mehr in den Blick nehmen?

Als ich als Frauenbeauftragte bei der Stadtverwaltung angefangen habe, kam beinahe schon reflexartig die Forderung nach einem Männerbeauftragten. Und ich habe gesagt, ja, das wäre gut. Meine Erfahrung ist, dass Männer- und Frauenarbeit an einem Strang ziehen. Es geht in der Männerarbeit nicht darum, die traditionelle Männerrolle zu stärken, weil allen klar ist, dass es dann nur Verlierer und Verliererinnen gibt. Die Männer mit ins Boot zu holen, stärker noch als es bisher gelungen ist, ist wichtig. Es ist aber auch schwierig, weil Männer den Handlungsdruck nicht so empfinden wie Frauen. 

Sie sind seit 1992 Frauenbeauftragte. Wie hat sich Ihr Aufgabenfeld in diese Zeit verändert?

Eine Veränderung beobachte ich mit besonderer Sorge: Die Zunahme von Gewalt gegen Frauen, vor allem auch digitaler sexualisierter Gewalt. Hate Speech im Netz hat das Ziel, Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Und das in einem Ausmaß, das wir selbst vor einigen Jahren so noch nicht für möglich gehalten hätten.

Gibt es Aufgabenfelder, die kaum eine oder keine Rolle mehr spielen? 

Die Befürwortung für partnerschaftliche Aufgabenteilung ist heute eigentlich unhinterfragt. Das zeigt auch die Studie zur Generation Z. Es gibt in der Studie also viele Widersprüche. Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist mittlerweile selbstverständlich. Da hat sich ganz viel bewegt. Aber es gibt auch Schattenseiten. Wir hätten nicht gedacht, dass Frauen so stark in die Teilzeitfalle geraten, insbesondere weil die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer noch nicht passen.

Das hat vor allem finanzielle Auswirkungen. Ist ihre Reihe „Finanzplanung für Frauen“, die sie unter anderem mit dem Haus der Familie organisieren, deshalb so erfolgreich? 

Warum das Interesse so stark gestiegen ist, das kann ich eigentlich auch nur spekulieren. Aber wir zeigen am Anfang dieser Seminare immer auf, was am Ende für die Frauen rauskommen kann, wenn sie bei den Finanzen nicht planvoll vorgehen. Das zeigt auch der Gender Report, den ich mit der Gleichstellungsbeauftragten der DHBW erstellt habe und der von der Abteilung Strategie und Stadtentwicklung der Stadtverwaltung fortgeschrieben wird. Darin stellen wir zum Beispiel die Lohnunterschiede, die Rentenlücke und das Auseinanderklaffen bei der Care-Arbeit heraus.

Blicken wir in die Zukunft: Wird eine Frauenbeauftragte in Heilbronn in 20 Jahren überflüssig sein?

Ich sehe das nicht. Viele glauben, Gleichstellungspolitik könne mit minimalen Ressourcen, wenig Finanzen und mit wenig Personal auskommen. Aber Gleichstellungspolitik ist kein Randthema. Ohne Gleichstellung gibt es keine echte Demokratie. Wenn wir das Thema nicht ernst nehmen, wird es noch sehr lange dauern, bis wir parité erreicht haben.

Zur Person

Silvia Payer (64) ist seit 1992 Frauenbeauftragte der Stadt Heilbronn. Die Leitstelle zur Gleichstellung der Frau setzt sich für Chancengleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Teilhabe an Entscheidungen und den Schutz vor Gewalt ein. Dafür kooperiert Silvia Payer etwa mit der Volkshochschule, den Gleichstellungsreferaten der Hochschulen, dem Führungsfrauennetzwerk Heilbronn oder dem Kinderschutzbund. Mit dem Haus der Familie, der Agentur für Arbeit und dem Frauenrat Heilbronn bietet sie die Reihe „Finanzplanung für Frauen“ an. 




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